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Gazprom will mehr Gas nach Europa pumpen

Flauger, Jürgen
·Lesedauer: 3 Min.

Der kalte Winter lässt die Reserven in den deutschen Speichern weiter zurückgehen. Der Lieferengpass hat auch mit dem Streit um die Ostseepipeline Nord Stream 2 zu tun.

Im Sommer werden die Speicher gefüllt, im Winter entleert. Foto: dpa
Im Sommer werden die Speicher gefüllt, im Winter entleert. Foto: dpa

Die deutschen Gasspeicher sind inzwischen nur noch zu einem guten Drittel gefüllt. Der Füllstand liegt aktuell bei 34 Prozent. Zum selben Zeitpunkt des vergangenen Jahres waren es noch 81 Prozent. Die Daten stellen die Betreiber der europäischen Speicher auf der Plattform Aggregated Gas Storage Inventory (AGSI+) zur Verfügung.

Die Branche betont zwar, dass die Versorgung mit Gas gesichert ist. Schließlich dauert die Heizperiode nur noch wenige Wochen. Der russische Gasproduzent Gazprom hat jetzt aber entschieden, mehr Gas nach Westen zu pumpen als ursprünglich geplant.

Im März wolle Gazprom täglich 124,2 Millionen Kubikmeter nach Europa liefern, wie die Nachrichtenagentur dpa unter Berufung auf die russische Agentur Interfax berichtet. Das gehe aus den Daten einer Auktion für die monatlichen Transportkapazitäten hervor. Ursprünglich waren im März 110 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag geplant. Jetzt will der weltgrößte Gaskonzern seine Importe aber auf dieselbe Menge aufstocken, die er schon im Februar liefert.

Die unterirdischen Gasspeicher, in denen bis zu einem Viertel des jährlichen Gasbedarfs Deutschlands lagern können, sind zwar so leer wie seit vier Jahren nicht mehr zum selben Zeitpunkt des Jahres. Die Betreiber der Speicher sind aber gelassen.

Zum einen ist der Winter aktuell deutlich kälter als in den vergangenen Jahren. Zum anderen geben die Füllstände zu einem großen Teil nur die Preisentwicklungen im Markt wieder. Wenn die Gaspreise deutlich höher sind als die Preise, zu denen im Sommer Gas eingelagert wurde, ist es schlicht sinnvoll für die Betreiber, vorrangig Gas aus den Speichern zu entnehmen.

Das war in diesem Jahr auch schon zu einem frühen Zeitpunkt in der Heizperiode sinnvoll. Im Dezember gab es eine Kettenreaktion auf dem Weltmarkt. In Asien war die Nachfrage nach Gas ungewöhnlich hoch.

Deshalb wurden viele Tanker, die verflüssigtes Gas (LNG) transportieren, nach Asien geleitet, und in den europäische Häfen kam vergleichsweise wenig LNG an. Die Preise kletterten, und es wurde schon recht früh Gas aus den Speichern entnommen.

Der Streit um Nord Stream 2 wirkt sich aus

Die Entwicklung hat aber auch etwas mit dem Streit um die Ostseepipeline Nord Stream 2 zu tun. Eigentlich hatte Gazprom geplant, schon in diesem Winter Gas aus der zweiten Ostseepipeline nach Europa zu liefern.

Deshalb hatte der russische Gaskonzern zwar 2019 nach langen Verhandlungen mit der Ukraine zugestimmt, weiter Gas durch das Transitland nach Westen zu liefern, allerdings weniger als in den Jahren zuvor. In diesem Jahr sollten es nur noch mindestens 40 Milliarden Kubikmeter sein. 2019 waren es noch 89,6 Milliarden.

Tatsächlich ist eine Inbetriebnahme von Nord Stream 2 noch nicht in Sicht. Der Bau verzögerte sich wegen Sanktionsdrohungen aus den USA. Der Ausgang des Konflikts ist offen. Insgesamt liefert Gazprom damit – auch nach der Aufstockung der Mengen – weniger Gas nach Westen als in den Jahren zuvor.

Während in Deutschland das Gas in den Speichern zur Neige geht, meldete die Ukraine zuletzt Rekordvorräte. Am Sonntag waren mit 19,6 Milliarden Kubikmetern etwa 3,2 Milliarden Kubikmeter mehr in den Speichern als noch vor einem Jahr.

In Deutschland betreiben 25 Unternehmen rund 40 unterirdische Gasspeicher. Das sind in der Regel natürlich entstandene oder künstlich angelegte Hohlräume, beispielsweise in Salzstöcken. Die deutschen Speicher können etwa ein Viertel des jährlichen Bedarfs von gut 900 Milliarden Kilowattstunden Gas decken. Deutschland hat damit nach den USA, Russland und der Ukraine weltweit die viertgrößten Kapazitäten.

Mit den Lagerstätten kann das Angebot an Erdgas, das permanent per Pipeline importiert wird, mit der Nachfrage von Verbrauchern und Industriekunden, die im Jahresverlauf stark schwankt, in Einklang gebracht werden. Üblicherweise wird Gas im Sommer eingespeist und im Winter während der Heizperiode entnommen.