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Gastgeber Saudi-Arabien will Wasserstoff-Exportweltmeister werden

Brüggmann, Mathias
·Lesedauer: 4 Min.

Der wichtigste Öl-Staat der Welt erkennt das Klimaproblem: Abgase sollen vermieden und CO2 zurückgewonnen werden. „Grünes“ Öl ist das neue Ziel der Saudis.

Saudi-Arabien ist der weltgrößte Ölexporteur und Besitzer des mit Abstand größten Ölkonzerns der Welt – Saudi Aramco. Das Königreich will sich wirtschaftlich unabhängiger vom Erdöl machen und in einer Welt, die gegen den Klimawandel kämpft, nicht abgehängt werden. Deshalb nutzt Riad die erstmalige Präsidentschaft der G20-Gruppe der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer für eine Initiative zum „grünen“ Öl.

Der Kampf gegen die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie steht ganz oben auf der Agenda des G20-Gipfels. Die Gruppe werde alles ihr Möglichstes tun, um die Pandemie einzudämmen und Leben, Jobs und Einkommen zu schützen, heißt es in einem vorab bekannt gewordenen Teil der Abschlusserklärung des Gipfels. Darin wird auch gewarnt, dass die globale wirtschaftliche Erholung „unausgeglichen und höchst unsicher“ bleibe und mit „erhöhten Abwärtsrisiken“ behaftet sei.

Überraschend hat auch US-Präsident Donald Trump seine Teilnahme per Video zugesagt. Zuvor hieß es aus der US-Delegation, nur Außenminister Mike Pompeo werde teilnehmen. Um den ärmsten Staaten durch die Krise zu helfen, soll auf dem Treffen der G20 sowie der Präsidenten internationaler Organisationen wie des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und der EU am Samstag und Sonntag über einen Schuldenerlass beraten werden.

Für Gastgeber Saudi-Arabien steht zudem für Außenstehende unerwartet das Thema Klimawandel und Neuausrichtung der Energiewirtschaft hoch oben auf der Agenda. „Wichtig ist die Begrenzung der Emissionen, wir müssen umweltfreundlich sein“, schlug der saudische Energieminister, Prinz Abdulaziz bin Salman, für das Königreich bisher unbekannte Töne an. Es gehe seinem Land um die „Sicherung unseres Planeten durch nachhaltigere Energiesysteme“.

Die Zauberformel heißt dabei „zirkuläre Kohlenstoffwirtschaft“ oder Circular Carbon Economy (CCE). Dabei spielen vier englische Rs eine Rolle: Reduzieren, Wiederverwenden (reuse), Recyceln und Entfernen (remove).

Mehr CO2 entziehen als ausstoßen

„Das Königreich ist perfekt positioniert, um eine globale Führungsrolle in der zirkulären Kohlenstoffwirtschaft zu übernehmen“, ist Eric Williams vom Öl- und Energieforschungsinstitut Kapsarc in Riad. Saudi-Arabien „ist dabei, einen nationalen Regulierungs- und Finanzrahmen zu schaffen, um Lösungen für die Praxis zu liefern“.

Bei CEE geht es um einen möglichst geringen Aufwand bei der Öl- und Gasförderung, um die Abscheidung von Kohlenstoff aus Kohlenwasserstoffen und so eine deutliche Reduzierung von klimaschädlichen Gasen wie CO2. Dieses soll auch eingefangen, in leere Öl- und Gasreservoirs gepumpt und dort eingelagert werden, um es der Atmosphäre zu entziehen. Schöner Nebeneffekt: So wird auch der Druck in Ölfeldern erhöht und es kann effizienter mehr Erdöl gefördert werden.

Zudem soll CO2 in Beton, anderen Baumaterialien oder synthetischen Kraftstoffen eingeschlossen und so klimaneutral entsorgt werden. Ziel, so Prinz Abdulaziz, sei es am Ende Öl so zu produzieren, dass der Atmosphäre dabei mehr CO2 entzogen werde als beim Verbrennen als Benzin oder Heizöl entstehe.

Auf dem Weg zum weltgrößten Wasserstoff- und Ammoniak-Lieferanten

Der Ölkonzern Saudi Aramco und der von ihm mehrheitlich übernommene Petrochemiekonzern Sabic „leisten bei der Forschung und Entwicklung von Spitzentechnologie für das CCE Pionierarbeit“, sagt Williams. Dabei geht es unter anderem um den Einsatz anderer Rohstoffe als Öl und Gas in der Chemieindustrie und die Rückgewinnung von Öl aus recyceltem Kunststoff.

Darüber hinaus habe Saudi-Arabien „ehrgeizige Pläne“, an deren Ende „unser Ruf als größter Exporteur von Wasserstoff auf der Erde nicht in Frage gestellt werden wird“, kündigte der Energieminister in Riad an. Dabei werde jetzt bereits aus den großen Erdgasreserven des Königreichs „blauer“ Wasserstoff produziert: Also Wasserstoff aus Erdgas unter Abscheidung von CO2, das als Nebenprodukt aufgefangen wird. Im September exportierte Aramco die weltweit erste Ladung blauen Wasserstoffs, der in Ammoniak umgewandelt wurde, nach Japan.

Bisher ist „grüner“ Wasserstoff noch sehr teuer

Von 2025 an soll in einer neuen Anlage in der im Aufbau befindlichen Gigacity Neom am Roten Meer Wasserstoff aus Sonnenenergie – also „grüner“ Wasserstoff – produziert werden. Wasserstoff ist bisher schwer zu transportieren und seine Herstellung erfordert viel Energie, was ihn teuer macht.

Grüner Wasserstoff kostet nach Angaben der Internationalen Energieagentur zwischen 3,50 und fünf Euro pro Kilogramm. So genannter grauer oder brauner Wasserstoff, der konventionell und nicht klimaschonend erzeugt wird, kostet etwa 1,50 Euro pro Kilo. Die Kosten für die Herstellung von blauem Wasserstoff liegen zwischen diesen beiden Preisen.

Für den bisher größten Ölexporteur der Welt hat der Strategieschwenk großes Potenzial: Während sich immer mehr Länder immer stärker von umweltschädlichen fossilen Brennstoffen abwenden, bliebe das mächtige Königreich am Golf durch die Beimischung riesiger Mengen Wasserstoffs in seinen Ausfuhr-Mix Energieexport-Weltmeister.