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Gamestop-Jagd wird für Robinhood zum Eigentor

Littmann, Saskia
·Lesedauer: 7 Min.

Nachdem Robinhood den Kauf von Gamestop-Aktien zwischenzeitlich aussetzte, verbünden sich tausende Anleger gegen den Smartphone-Broker und wittern Marktmanipulation. Die Aktie steht trotzdem vor dem nächsten Kurssprung.

Die Finanzmärkte demokratisieren und für alle zugänglich machen – das ist es, was der Smartphone-Broker Robinhood eigentlich will. Sagt er immer. Ganz im Sinne des Namensgebers, einem kleinen Bogenschützen mit grünem Hut, der Geld von den Reichen an die Armen verteilen soll. Daran glaubten viele, der US-Neobroker ist mit über 13 Millionen Nutzern der weltgrößte.

Nun aber bröckelt das Bild des wohltätigen Jägers gewaltig. Nachdem tausende Anleger sich erst in Online-Foren zusammengeschlossen haben, um insbesondere über die Robinhood-App Aktien des US-Spieleunternehmens Gamestop zu kaufen und deren Kurse zu befeuern, um milliardenschweren Hedgefonds ihre Wetten zu verderben, haben sie jetzt den Smartphone-Broker selbst zum Feind erklärt. „Robinhood is the biggest frauds of them all“ (Robinhood ist der größte Betrüger von allen), schreibt US-Influencer Dave Portnoy beim Kurznachrichtendienst Twitter.

Der Grund: Robinhood hat den Kauf von stark nachgefragten Aktien wie Gamestop, AMC Entertainment oder Nokia vorläufig ausgesetzt. Insgesamt 13 betroffene Aktien nennt der Broker in einer Mitteilung an seine Nutzer. „Wir beobachten die Märkte laufend und nehmen Änderungen vor, wo es nötig ist“, schreibt Robinhood. Aufgrund der hohen Schwankungen könnten Anleger die entsprechenden Aktien nur verkaufen, aber nicht weitere ordern. Andere Broker wie Charles Schwab oder TD Ameritrade folgten.

Ob Robinhood die Einschränkung aus freien Stücken vorgenommen hat oder auf Geheiß etwa der Börsenaufsicht SEC, war bis zuletzt unklar. Auf der Webseite der SEC gibt es aber keinen Hinweis darauf, dass sich die US-Börsenaufsicht generell gegen den Handel von Aktien wie Gamestop ausgesprochen hat.

Robinhood will die Handelseinschränkungen an diesem Freitag zwar wieder lockern und teilweise erlauben. „Wir planen begrenzte Käufe der Wertpapiere zu ermöglichen, werden aber die Situation weiterhin überwachen und können, wenn nötig, erneut Anpassungen vornehmen“, teilte Robinhood in einer Erklärung mit.

Den Robinhood-Nutzern ist das egal, sie sind ohnehin entsetzt, der Ärger ist grenzenlos. In den sozialen Netzwerken rollt ein riesiger Sturm der Entrüstung über Robinhood hinweg. Zahllose Anleger werfen dem Neobroker Marktmanipulation vor und verbünden sich. „CLASS ACTION AGAINST ROBINHOOD“, schreibt ein Nutzer im Reddit-Forum wallstreetbets, dem Ausgangspunkt für die konzertierte Spekulation mit Gamestop-Aktien – zu deutsch: Sammelklage gegen Robinhood. Nutzern nur den Verkauf von Aktien zu erlauben, sei Marktmanipulation, schreibt der Reddit-Nutzer. Tatsächlich wurde die erste Sammelklage bereits eingereicht.

Jeder solle ein Depot bei einem anderen Broker eröffnen und seine Aktien künftig woanders handeln, heißt es weiter im Posting. „Put them out of business, they don't deserve it.“ (macht keine Geschäfte mit ihnen, sie haben das nicht verdient). Über 16.000 Kommentare hat der Post allein in drei Stunden gesammelt – der geballte Wille, gegen die mögliche Marktmanipulation vorzugehen.

In sämtlichen sozialen Netzwerken fordern Nutzer andere Robinhood-Anleger dazu auf, sich bei der SEC und der FINRA, der Aufsicht über Börsenmakler, über den Neobroker zu beschweren.

„So Fucking hold“, fordert ein Nutzer von wallstreetbets die anderen zum halten der Aktien auf. Keiner solle Angst vor Einbrüchen haben. Tatsächlich wollen viele die ausgeschlossenen Aktien jetzt erst recht kaufen, rufen Nutzer im Ausland dazu auf, sie über ihre Broker zu kaufen.

Auch das ist aber nicht unbedingt möglich. So hatte etwa der deutsche Neobroker Trade Republic Aktien wie Gamestop, Blackberry oder Nokia ebenfalls zwischenzeitlich vom Kauf ausgesetzt, auch hier konnten nur noch bestehende Positionen verkauft werden. Das Berliner Unternehmen geriet wegen des Hypes am Donnerstag sogar zwischenzeitlich an seine Kapazitätsgrenze.

Kunden hätten die App am Donnerstag wegen einer „außerordentlichen Überlastung“ der angebundenen Handelsplätze nicht in vollem Umfang nutzen können, so Trade Republic. Mittlerweile sei der Handel über die App aber wieder uneingeschränkt möglich und die Handelsbeschränkungen seien ebenfalls aufgehoben, teilte Trade Republic Freitag Vormittag auf Twitter mit.

Für Robinhood wird die Entwicklung zu einem enormen Risiko. Was die Masse der Kleinanleger bewegen kann, hat sie mit der Rally der Gamestop-Aktie schließlich eindrücklich gezeigt. Allein in den vergangenen fünf Tagen ist der Kurs der Aktie um mehr als 500 Prozent gestiegen, innerhalb eines Monats waren es mehr als 1500 Prozent.

Gemeinsam haben die Kleinanleger milliardenschwere Hedgefonds aus der Aktie gedrängt, diese mussten ihre Wetten auf sinkende Kurse mit hohen Verlusten aufgeben. Einer von ihnen, Melvin Capital, musste gar durch andere Hedgefonds gerettet werden. Citadel und Point72 Asset Management sprangen mit 2,75 Milliarden Dollar ein, um Melvin aus der Patsche zu helfen. Die Kleinanleger hatten ihren Aufmarsch gegen die Finanzelite gewonnen – eigentlich ganz im Sinne von Robinhood, dem Jäger der Armen.

Blöd nur, dass ihr Broker Robinhood der schwerreichen Finanzelite näher steht, als es viele Kleinanleger bisher wahrhaben wollten. Denn ein großer Teil der Umsätze, die der Neobroker generiert, stammen aus Geschäften mit ebendiesen Hedgefonds, die der Gamestop-Flashmob gerade verjagt hat.

Neobroker wie Robinhood oder Trade Republic haben ein vergleichsweise simples Geschäftsmodell: Sie reichen ihre Kundenorders an Handelsplätze und andere Broker weiter. Dafür bekommen sie von denen eine Provision, bis zu drei Euro pro Trade sind drin. Mit dem Hype um Gamestop und andere Aktien dürfte Robinhood also kräftig verdient haben.

Für die Hedgefonds und Handelsplätze ist die Provision des „Payment for order flow“ genannten Systems ebenfalls gut investiertes Geld, denn sie führen Kauf- und Verkaufsorders gegeneinander aus und streichen so die Spanne zwischen dem offiziellen An- und Verkaufspreis der Aktie ein. Zudem bekommen sie einen guten Überblick über bevorstehende Kursbewegungen.

Nur: Robinhood betreibt das Geschäft unter anderem ausgerechnet mit Citadel, dem Hedgefonds, der Melvin rettete. Auch zahlreiche andere Hedgefonds listet der Neobroker als seine Kunden. Aber allein Citadel soll für bis zu 40 Prozent der Robinhood-Umsätze verantwortlich sein.

Kein Wunder, dass Nutzer eine Verschwörung wittern: „They are blocking the ability to trade to protect Wall St. hedge funds“ (sie blockieren den Handel, um Wall Street-Hedgefonds zu schützen), schreibt die US-Demokratin Rashida Tlaib bei Twitter. Den Handel demokratisieren – zumindest die Robinhood-Anleger selbst lassen sich davon nicht abbringen. Sie mobilisieren weiter über die sozialen Netze, die nächsten Aktien-Ziele sind schon ausgemacht. Die Geschichte geht also weiter.

Anhörungen im US-Kongress geplant

Und beschäftigt jetzt auch die Politik. Der künftige Vorsitzende des Bankenausschusses im US-Senat, Sherrod Brown, kündigte am Donnerstag (Ortszeit) eine Anhörung „zum aktuellen Zustand des Aktienmarkts“ an. Es sei an der Zeit für die Börsenaufsicht SEC und den Kongress dafür zu sorgen, dass die Wirtschaft für alle funktioniere, nicht nur für die Wall Street. „Die Leute an der Wall Street scheren sich nur um die Regeln, wenn sie diejenigen sind, denen es wehtut“, hieß es in Browns Statement.

Dass Robinhood den Handel mit den Papieren so einschränkte, dass sie nur noch verkauft, aber nicht mehr gekauft werden können, könnte nun eine größere Debatte um Regulierung lostreten. Laut US-Medien plant auch die Vorsitzende des Finanzausschusses im US-Repräsentantenhaus, Maxine Waters, eine Anhörung. Dabei soll es um die jüngsten Turbulenzen am Finanzmarkt und um die Rolle von Hedgefonds dabei gehen. Auch ranghohe Politiker der demokratischen Partei wie Elizabeth Warren und Alexandria Ocasio-Cortez forderten Aufklärung. Vertreter der republikanischen Partei äußerten ebenfalls Unverständnis für Robinhoods Entscheidung.

Auch das weltgrößte soziale Netzwerk Facebook hat nach dem GameStop-Hype die beliebte Aktienhandels-Gruppe Robinhood Stock Trades geschlossen. Der Gründer des Wall-Street-Diskussionsforums, Allen Tran, sagte, er habe eine Benachrichtigung von Facebook erhalten, wonach die 157.000 Mitglieder umfassende Gruppe wegen Verletzung des Regelwerks gesperrt werde. Reuters hat das Schreiben einsehen können. Facebook bestätigte ebenfalls die Maßnahme. Das Netzwerke wollte sich dazu nicht weiter äußern.

Trotz alldem zeichnet sich erneut ein Anstieg Aktien ab. Nach einem Rekord-Tagesverlust von gut 44 Prozent steht GameStop vor einem erneuten dreistelligen prozentualen Kurssprung. Die Papiere des Videospiele-Händlers stiegen im vorbörslichen US-Geschäft am um mehr als 100 Prozent.

Mehr zum Thema: Bei dem Hype um Gamestop bringt eine Horde von Kleinzockern milliardenschwere Hedgefonds in Schieflage. Was Anleger daraus lernen können.
Mit Material von dpa und Reuters.