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Gamestop-Aktie: Amateure unter sich

Doll, Frank
·Lesedauer: 6 Min.

Bei dem Hype um Gamestop bringt eine Gruppe von Kleinzockern milliardenschwere Hedgefonds in Schieflage. Was Anleger daraus lernen können.

Ein Videospielehändler, der seine Spiele vor allem in stationären Läden verkauft? Dass es so ein Geschäftsmodell überhaupt bis in die heutige Zeit geschafft hat, ist eigentlich schon eine Sensation. Ein Auslaufmodell an der Börse war das US-Unternehmen Gamestop schon vor dem Ausbruch der Coronapandemie – und ein Beispiel von Totalversagen eines Managements, dass es verschlafen hat, die Geschäfte selbst in einer eigentlich boomenden Branche in den virtuellen Raum zu verlegen.

Filialschließungen, unzufriedene Mitarbeiter und in der Folge weniger Servicequalität, die noch mehr Kunden vergraulte. Die Umsätze von Gamestop brachen binnen drei Jahren um rund 40 Prozent ein auf gut fünf Milliarden Dollar, das Unternehmen rutschte in die roten Zahlen, gerechnet wird für 2020/21 (31. Januar) mit einem Nettoverlust von rund 140 Millionen Dollar. Analysten prognostizieren auch für das Folgejahr Verluste. Die Nettoschulden gingen rauf auf gut 700 Millionen Dollar, das Eigenkapital schmolz zusammen auf 330 Millionen Dollar, gemessen an der Bilanzsumme sind das weniger als 13 Prozent, also ziemlich dünn.

Der Ausgang war beleuchtet. Und der schien durch den Ausbruch der Coronapandemie immer näher zu kommen. Ein gefundenes Fressen also für Leerverkäufer – ein No-Brainer sozusagen. Leerverkäufer, so genannte Shortseller, leihen sich bei anderen Investoren gegen Zahlung einer Gebühr Aktien und verkaufen diese sofort am Markt. Ihre Spekulation ginge auf, wenn der Kurs bis zum vereinbarten Rückgabetermin unter den Verkaufskurs fiele.

Die Spekulation ging bei Gamestop zunächst tatsächlich auf. Der Aktienkurs stürzte ab, im Corona-Crash ging es runter bis auf 2,57 Dollar, gut 95 Prozent unter die vorherigen Höchststände. Nur konnten viele Shortseller den Hals offenbar nicht voll genug kriegen und borgten sich immer und immer mehr Aktien, in der Spitze gar mehr als die 69,7 Millionen Aktien, die das Unternehmen überhaupt ausgegeben hat, weil die Titel teilweise doppelt verliehen wurden. Gemessen am Streubesitz von 50,2 Millionen Aktien, also jenen Aktien, die nicht in festen Händen liegen, meldete der Börsendienst Bloomberg zuletzt noch eine Leerverkaufsquote von 142 Prozent. Entstanden war eine gewaltige Spekulationsblase, in diesem Fall eine Shortblase.

Gier frisst Hirn

Wer eine Aktie shortet mit einer derart hohen Leerverkaufsquote wie der von Gamestop sei ein Trottel, sagt Jim Cramer, Kult-Moderator beim US-Sender CNBC. Denn was oft vergessen wird: Shortseller sind zugleich zukünftige Käufer der Aktien, weil diese ja irgendwann an den Verleiher zurückgegeben werden müssen.

Passiert aber plötzlich das Gegenteil und die Aktie steigt, müssen Shortseller, um ihre Verluste zu begrenzen, sich recht zügig eindecken. Der Kaufdruck verstärkt sich, je mehr Aktien zuvor leer verkauft worden sind und jetzt zurückgekauft werden müssen. Die hohe Nachfrage trifft auf ein Angebotsvakuum. Die wenigen verblieben Verkaufswilligen können immer höhere Kurse verlangen.

Angestochen wurde die Shortblase bei Gamestop vor allem in Internetforen. Das bekannteste ist das Reddit-Forum WallStreetBets, wo sich etwa 2,5 Millionen Teilnehmer austauschen über den Handel mit Aktien und Optionen. Viele von ihnen nutzen die populäre Trading-App Robinhood.

Der Neobroker hat in den USA, ähnlich wie Trade Republic in Deutschland, einen Börsenboom ausgelöst, immer mehr junge Anleger kaufen Aktien über die Smartphone-App. Laut Schätzungen liegt der Anteil der Kleinanleger an der Wall Street mittlerweile bei 20 Prozent. Aktuell verzocken die Retail Bros genannten Robinhood-Anleger die gerade ausgezahlten Coronahilfen.

Die Größenordnung der leer verkauften Aktien von Gamestop blieb den Robinhood-Nutzern nicht verborgen und machte rasch die Runde. Die Horde der Kleinzocker wurde immer größer und verabredete schließlich den konzertierten Kauf von Gamestop-Aktien mit dem Ziel, einen spektakulären Short Squeeze zu provozieren. Das ist geglückt.

Der Kurs schoss in astronomische Höhen, am Mittwochvormittag an deutschen Börsen bis auf 300 Euro. Die Bewertung des vermeintlichen Pleitekandidaten stieg zwischenzeitlich auf rund 21 Milliarden Euro. Trittbrettfahrer wie Chamath Palihapitiya befeuern den Hype. Er wette mit Call-Optionen auf weiter steigende Kurse, twitterte der Risikokapitalgeber.

Öl ins Feuer gegossen hat auch Elon Musk, bekanntlich kein Freund von Shortsellern. Ein hämischer Tweet mit einem Link auf WallStreetBets jagte die Gamestop-Kurs gestern nachbörslich um 50 Prozent nach oben. Auch das sieht schon wieder nach Blase aus. Bekanntlich kommt Hochmut vor dem Fall. Auch Musks Tesla wird irgendwann crashen – jede Wette.

Laut Berichten des „Wall Street Journal“ gerieten die Hedgefonds Citron und Melvin Capital durch das anhaltende Kursfeuerwerk von Gamestop gar in Schieflage. Angeblich verhinderten die Investmentfirmen Citadel und Point72 den Zusammenbruch von Melvin mit einer 2,75 Milliarden Dollar schweren Finanzspritze. Es geht schließlich auch ums Image der eigenen Branche.

Eigentlich kam das Desaster der Leerverkäufer mit Ansage. Schon im Chartverlauf von Gamestop deutete sich im zweiten Halbjahr 2020 eine Trendwende an. Spätestens mit dem Einstieg des Investors Ryan Cohen im September 2020 wäre es an der Zeit gewesen, Geld aus dem Spiel zu nehmen. Cohen ist erfahren im Aufbau eines E-Commerce-Geschäfts. Er war Mitgründer von Chewy, einem erfolgreichen Onlinehändler für Tiernahrung. Cohen kaufte sich mit 13 Prozent bei Gamestop ein und übernahm einen Sitz im Aufsichtsgremium. Cohen hatte Gamestop jedenfalls noch nicht aufgegeben.

Das Kursfeuerwerk bei Gamestop hat weltweit hohe Wellen geschlagen. Gestiegen sind wie aus heiterem Himmel viele Aktien, nur weil Shortseller im Spiel waren. In Deutschland zum Beispiel die Aktie von Varta, von der in den vergangenen Wochen annähernd jede zehnte Aktie leer verkauft war. Der Aktienkurs von Varta stieg im Zuge des medialen Hypes um Gamestop binnen weniger Tage um 40 Prozent. Inzwischen machen gar Listen die Runde mit Unternehmen mit einem besonders hohen Anteil an leerverkauften Aktien.

Spätestens jetzt wird es gefährlich

Wer glaubt, als Privatanleger unbedingt antreten zu müssen gegen Shortseller und seine Strategie darauf aufbaut, Aktien zu kaufen mit einen hohen Anteil leerverkaufter Aktien, der sei gewarnt.

Nicht alle Hedgefonds gehen den Kleinzockern auf den Leim. Profitiert hat zum Beispiel die US-Investmentfirma Susquehanna International, die im vergangenen Jahr zu Tiefstpreisen ihren Anteil bei Gamestop fleißig aufstockte auf 6,4 Prozent. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Susquehanna in diesen Tagen fleißig Kasse macht und mit einem Gewinn von mehreren Millionen Dollar aussteigt. An Käufern und Liquidität mangelt es derzeit ja nicht.

Gut verdient hat Susquehanna übrigens auch schon als Leerverkäufer – von Wirecard-Aktien.

Mehr zum Thema: Kleinanleger haben mit arrangierten Short-Squeezes einen kuriosen Coup gelandet. Doch Blasen platzen. Dann gilt: Rette sich, wer kann. Für die verbliebenen Aktionäre wird plötzlich relevant, was sie da gekauft haben.