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GameStop-Spekulation: Ist die Börse verrückt geworden?

Nils Jacobsen
·Wirtschaftsjournalist und Techblogger
·Lesedauer: 6 Min.

Es sind Auswüchse wie 1999. Abseits der Leitindizes zocken Kleinanleger immer spekulativere Aktien wie GameStop in astronomische Höhen. Wie lange kann das noch gut gehen?

Börsenwahnsinn GameStop: Kursplus von 700 Prozent seit Jahresbeginn (Foto: STRF/STAR MAX/IPx)
Börsenwahnsinn GameStop: Kursplus von 700 Prozent seit Jahresbeginn (Foto: STRF/STAR MAX/IPx)

Die Älteren werden sich erinnern: Es gab einmal eine Zeit an den Kapitalmärkten, die konnte man als exzessiv bezeichnen. Es war die Zeit kurz vor der Jahrtausendwende, als die Internetaktien haussierten, als gäbe es kein Morgen.

Die Zeit scheint allerspätestens jetzt zurück. In den vergangenen Jahren waren an der Wall Street immer bemerkenswertere Kursausschläge zu beobachten. Tesla brach bereits Ende 2019 nach oben aus – und schaute nie wieder zurück.

Wie junge Smartphone-Aktionäre die Regeln der Wall veränderten

Dann kam die Pandemie, die alles veränderte – inklusive der Regeln der Kapitalanlage. „Junge Anleger haben den Charakter des Marktes komplett verändert“, kommentiert CNBC-Experte James Cramer die Entwicklung der Wall Street in den vergangenen zwölf Monaten.

„Es ist an der Zeit, damit aufzuhören, junge Anleger, die 2020 (die Entwicklung der Börse – Anmerkung der Redaktion) komplett richtig antizipiert haben, despektierlich zu behandeln“, sagte Cramer in seiner Sendung „Mad Money“ bereits im Dezember.

Junge Anleger, die im Shut- und Lockdown über einfache Smartphone-Finanz-Apps wie Robinhood in Berührung mit der Börse kamen, setzten beherzt auf die Krisengewinner – die sogenannten „Stay-at-Home-Unternehmen“. „Sie interessieren sich nur dafür, wer etwas richtig macht und wer nicht“, erklärt Cramer. Die Folge: Kurszuwächse, die an 1999 erinnerten. Wer gewinnt, gewinnt richtig groß – erst recht, wenn es sich um ein Kultunternehmen wie Tesla handelt.

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Spekulationsboom um GameStop

Das nächste Level eines regelrechten Spekulationsbooms ereignet sich unterdessen in diesen Tagen um Aktien, die auf den ersten Blick alles andere als vielversprechend aussehen. Nicht die omnipräsenten Börsenlieblinge des vergangenen Jahres stehen ganz oben auf den Orderlisten der jungen Smartphone-Trader, sondern eigentlich längst abgeschriebene Unternehmen.

Einen solchen Fall stellt GameStop dar. Die 2000 gegründete weltgrößte Einzelhandelskette für Computerspiele ist an sich ein Relikt aus einer längst vergessen Zeit – nämlich den Nullerjahren, als Gamer ihre Spiele noch physisch in Einkaufszentren kauften. Anno 2021 zocken Spieler längst auf dem Smartphone. Entsprechend abgestürzt war die Aktie in den vergangenen Jahren – und entsprechend hoch die Wetten der Leerverkäufer, zu denen meist Hedgefonds zählen, auf fallende Kurse.

Einfach erklärt: Was passiert mit der Gamestop-Aktie?

Sogenannte Shortseller leihen sich Aktien und verkaufen sie mit dem Versprechen, sie später wieder für einen niedrigeren Preis zurückzukaufen. Einige Investoren fanden heraus, dass die Gamestop-Aktie ganz besonders zum Ziel solcher Shortseller wurde. Durch einen immer größer werdenden Hype stieg die Aktie ganz unabhängig vom, eigentlich veralteten, Geschäftsmodell des Unternehmens. Beflügelt wurde dies noch durch das Einsteigen von Ryan Cohen, einem milliardenschweren Investor. Die Preise explodierten und setzten damit die Shortseller unter Druck. Die Hoffnung der Investoren: Die Shortseller werden an den Rand einer Insolvenz getrieben und müssen die Aktien viel höher als geplant zurückkaufen - dann würde der Kurs innerhalb kürzester Zeit explodieren. Die Orientierung der Investoren ist die VW-Aktie aus dem Jahr 2008. Auch hier lagen Shortseller komplett falsch und der folgende “Short Squeeze” machte VW für wenige Zeit zur wertvollsten Aktie der Welt.

Die Macht der jungen Trader

Doch die Hedgefonds hatten ihre Rechnung offenkundig ohne die Macht der neuen Anlegergeneration gemacht. Auf der Internetplattform Reddit diskutiert die nämlich auf einem Forum namens „wallstreetbets“ über spekulative Anlageideen. Ganz vorne dabei: GameStop!

Wegen der hohen Shortseller-Dichte sahen Kleinanleger hier eine Kaufgelegenheit: Je größer der Druck auf die Leerverkäufer in Form von steigenden Kursen, desto größer das mögliche Kurspotenzial. Und die Hypothese ging spektakulär auf. Die GameStop-Aktie, die zu Jahresbeginn noch bei Kursen von 17 Dollar startete, wurde gestern nordwärts von 100 Dollar gehandelt.

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92 Prozent Plus an einem Handelstag

Hinter dem Papier liegen 48 Stunden für die Geschichtsbücher – und die „Mutter aller Short Squeezes“, wie Börsianer das Phänomen nennen, wenn Leerverkäufer ihre Short-Wetten glattstellen müssen, um den Verlust zu begrenzen, was den Kursbruch noch weiter befeuert.

Der wilde Ritt rief vorgestern bereits die Börsenaufsicht SEC auf den Plan, die den Handel wegen der Volatilität nach einem Kursverlauf zwischen 70 und 150 Dollar kurzzeitig aussetzte. Die Aktie gab den Großteil ihrer Gewinne ab, nur um ihn im gestrigen Handelsverlauf mehr als zurückzuerobern – die Anteilsscheine legten um 92 Prozent an einem Handelstag zu!

Selbst Elon Musk befeuert GameStop-Hype

Nach Handelsschluss erfuhr die GameStop-Aktie einen weiteren raketenhaften Auftrieb und weitere 50 Prozent, nachdem Tesla-CEO Elon Musk lediglich ein Wort mit zwei Ausrufezeichen getwittert hatte: „Gamestonk“ – ein Wortspiel auf Game und „stonks“, dem Slangbegriff für „stock“, also Aktie.

Welche hysterischen Ausmaße die Manie um GameStop angenommen hat, wird beim Blick auf den Börsenwert deutlich: Der Computerspielehändler, der zu Jahresbeginn gerade mal mit einer Milliarde Dollar bewertet wurde, war zu Handelsschluss mehr als 10 Milliarden Dollar wert. Elon Musks Tweet bescherte GameStop im nachbörslichen Handel einen Aufschlag von weiteren 5 Milliarden Dollar Börsenwert.

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Dass sich die Kapitalmärkte angesichts solch parabolischer Exzesse immer weiter von der Realität entfernen, wird von Marktexperten kontrovers diskutiert. Vermögensverwalter Doug Boneparth kommentierte auf Twitter bissig: “Reddit ist etwas gelungen, was AOC (Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez – Anmerkung der Redaktion) nicht geschafft hat: den Kapitalismus zu brechen”.

Börsenbriefschreiber Brian Lund sieht es genau anders herum: “GameStop ist nicht eine verrückte Marktbewegung. Dies ist ein Wendepunkt in der Geschichte des Tradings und Investierens. Die Dinge werden nie wieder sein wie vorher”, twittert Lund. Stellt sich nur noch die Frage, welche Aktie die neue Anlegergeneration als nächste nach oben befördert...

Besonders irre sind die Zahlen aus dem US-Forum “Reddit”. Hier haben sich in einem Unterforum mehr als 2,7 Millionen Menschen zusammengefunden. Bisher war das Forum bekannt dafür, riesige Gewinne oder eben riesige Verluste zu beherbergen. Seit Tagen findet man hier allerdings nur grüne Zahlen.

Menschen werden reich mit der Gamestop-Aktie - diese Realität ist längst eingetreten. Die irren Kursgewinne haben viele Personen dazu veranlasst, jegliche Vernunft über Bord zu werfen. User berichten von ihrer Altersvorsorge, ihren Ersparnissen, sogar den Sparbüchern ihrer Kindern die sie in die Aktie werfen.

Aktuell geht das gut. Die letzten Tage haben einige Millionäre hervorgebracht. Doch das Risiko ist natürlich enorm. Es bleibt nunmal die Weisheit auch in irren Zeiten aktuell, dass man nie mehr investieren sollte als man auch bereit ist, komplett zu verlieren.