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Galeria Karstadt Kaufhof besiegelt Schließung von mindestens 62 Filialen – Welche Häuser es trifft

Nach einer Einigung zwischen Management und Gewerkschaft werden Tausende Mitarbeiter ihre Jobs verlieren. Und es könnte sogar noch schlimmer kommen.

Auch nach der Wiedereröffnung sind die Umsätze in vielen Kaufhäusern noch dürftig. Foto: dpa

Es war ein hartes Poker bis zur letzten Minute. Doch in der Nacht auf Freitag wurden die letzten Verträge zwischen den Arbeitnehmervertretern und dem Management von Galeria Karstadt Kaufhof unterzeichnet – und damit das Schicksal von Tausenden von Mitarbeitern besiegelt.

Der Plan sieht unter anderem die Schließung von zunächst 62 von 172 Filialen und zwei sogenannten Schnäppchencentern vor. Für sie bestehe keine wirtschaftliche Fortführungsperspektive, teilte das Unternehmen mit. Dabei trifft es sowohl Häuser in den Metropolen wie in kleineren Städten, wie die Liste zeigt, die dem Handelsblatt vorliegt.

Die meisten Schließungen entfallen auf Berlin. Allein sechs Häuser werden in der Bundeshauptstadt geschlossen, darunter vier Karstadt- und zwei Kaufhof-Filialen. Dazu kommt noch das geplante neue Haus in Berlin-Tegel, das noch nicht einmal eröffnet wurde.

Hart trifft es auch das Ruhrgebiet, wo beide Häuser am Karstadt-Stammsitz Essen und beide Häuser in Dortmund geschlossen werden. In Düsseldorf wird der Kaufhof am Wehrhahn geschlossen, und der direkt gegenüberliegende Karstadt in der Schadowstraße. ( & gt; & gt; zur vollständigen Liste)

Am Nachmittag wurden die Mitarbeiter in Betriebsversammlungen über die genaue Liste informiert. Rund 6000 von ihnen droht nach Angaben der Gewerkschaft Verdi der Verlust des Arbeitsplatzes.

„Die Auswirkungen der unvorhersehbaren Coronakrise und der behördlich angeordneten wochenlangen Schließungen der Häuser zwingen uns alle zu diesem schmerzhaften Einschnitt“, begründete Arndt Geiwitz, der Generalbevollmächtigte des Unternehmens, die wohl härteste Zäsur in der langen und wechselhaften Geschichte der Warenhausgruppe. Die Lage hatte sich immer mehr zugespitzt, weil auch nach der Wiedereröffnung nur wenige Kunden zurückkehrten und die Umsätze weit unter den Erwartungen lagen.

„Die Entscheidung zu den Schließungshäusern trifft die Menschen hart, ihnen wird die Existenz unter den Füssen weggerissen“, sagte Stefanie Nutzenberger, Bundesvorstandsmitglied der Gewerkschaft Verdi. Das letzte Wort sei jedoch noch nicht gesprochen, deutete sie an. „Wir werden mit aller Kraft für den Erhalt der Standorte und die Zukunft der Beschäftigten kämpfen“, kündigte sie an.

„Wir wissen, was dies für die betroffenen Mitarbeiter bedeutet“, sagte Geiwitz. Aber dieser Schritt sei ohne Alternative, weil diese Filialen den Gesamtbestand des Unternehmens gefährdeten. „Letztlich geht es darum, das Unternehmen und damit viele Tausend Arbeitsplätze zu sichern“, machte er den Ernst der Lage klar.

Die Verhandlungen bei der Tochter Karstadt Sports laufen separat und sind noch nicht abgeschlossen. Auch dort wird es auf Filialschließungen hinauslaufen. Im Raum steht eine Zahl von 20 Standorten, die vor dem Aus stehen sollen.

Der Sanierungsexperte Geiwitz, den der Eigentümer Signa als Generalbevollmächtigten eingesetzt hat, ist die zentrale Figur bei der Zukunftsplanung. Die Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof befindet sich seit dem 1. April in einem Schutzschirmverfahren nach Paragraf 207b des Insolvenzrechts. Das heißt, sie ist vor Forderungen der Gläubiger vorläufig geschützt, was den Abfluss von Liquidität in der aktuellen Krise bremst.

Verhandlungen mit Vermietern laufen noch

Geiwitz hat bis Ende Juni Zeit, zusammen mit Frank Kebekus, dem vom Gericht bestellten Sachwalter, einen Sanierungsplan für eine Insolvenz in Eigenverwaltung zu erstellen. Unterstützt werden sie dabei von der Geschäftsführung unter Miguel Müllenbach und Guido Mager. Die jetzt gefundene Einigung soll am Montag dem Gläubigerausschuss vorgestellt werden.

Kern dieses Sanierungskonzepts sind ein Sozialplan und ein Interessenausgleich, auf den sich das Management jetzt mit dem Gesamtbetriebsrat und der Gewerkschaft Verdi geeinigt hat. Dieser beinhaltet auch eine Transfergesellschaft für die rund 6000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die das Unternehmen verlassen müssen. Ursprüngliche Forderungen des Managements, zusätzlich zehn Prozent der Stellen in den verbleibenden Häusern zu streichen, sind damit vorläufig vom Tisch.

Für die Mitarbeiter, die bleiben dürfen, tritt ab dem 1. Juli wieder der sogenannte Integrations-Tarifvertrag in Kraft, der nach der Fusion von Karstadt und Kaufhof geschlossen wurde und bis zur Coronakrise galt. Das bedeutet, dass auch diese Mitarbeiter finanziell zur Rettung des Unternehmens beitragen müssen. Die Gewerkschaft betonte aber, dass vereinbart ist, dass ab dem Jahr 2025 wieder vollumfänglich die Verdi-Flächentarifverträge des Einzelhandels angewendet werden.

Es ist jedoch keineswegs sicher, dass es bei der Schließung von 62 Warenhäusern bleibt. Denn noch laufen die Verhandlungen mit den Vermietern über eine Verringerung von Mieten – und sie laufen dem Vernehmen nach trotz der erkennbar desolaten Lage sehr zäh. Je nach Verlauf der Verhandlungen könnten noch weitere Häuser auf der Kippe stehen. Zeitweise war sogar von der möglichen Schließung von 80 Häusern die Rede.

Dass noch nicht alle Fragen geklärt sind, bestätigte auch der Sachwalter Kebekus. „Die gefundene Einigung im Arbeitnehmerbereich begrüße ich ausdrücklich“, sagte er, ergänzte jedoch vielsagend: „Jetzt müssen wir noch zeitnah eine befriedigende Lösung mit den Vermietern finden.“

Situation schon vor der Coronakrise schwierig

Denn klar ist: Auch wenn sich die Situation in den vergangenen Monaten nochmals verschärft hatte, befand sich Galeria Karstadt Kaufhof schon lange vor der Coronakrise in einer wirtschaftlich schwierigen Situation. Ganz offensichtlich will das Management das Schutzschirmverfahren nutzen, um sich von zahlreichen Altlasten zu befreien und die Kostenbasis deutlich zu senken.

Nachdem Karstadt und Kaufhof 2019 fusioniert worden waren, räumte der damalige Unternehmenschef Stephan Fanderl in einem Interview mit dem Handelsblatt ein, dass allein bei Kaufhof in den vergangenen vier Jahren ein kumulierter Verlust von 600 Millionen Euro aufgelaufen sei. In der Zwischenzeit hat Fanderl nach einem Streit mit Signa-Eigentümer René Benko das Unternehmen verlassen.

Und auch bei Karstadt, das in den vergangenen Jahren bereits einen harten Sanierungskurs durchlaufen hat, sah die Situation alles andere als rosig aus. Nur im Geschäftsjahr 2016/17 hatte das Unternehmen nach langer Verlustphase einen kleinen Gewinn ausgewiesen – allerdings auch dank Sonderfaktoren. Im vergangenen Jahr hatte auch Karstadt nach eigenen Angaben wieder einen Verlust in Höhe von 78 Millionen Euro verzeichnet.

Trotzdem gab sich das Unternehmen noch Ende 2019 zuversichtlich, „bis zum Jahr 2023 eine Umsatzrendite von zwei bis drei Prozent“ zu erreichen, wie Fanderl damals sagte. Und auch Eigentümer Benko hatte, nachdem er Kaufhof von der kanadischen HBC-Gruppe übernommen hatte, angekündigt: „Wir kämpfen um jede Filiale.“

Doch spätestens die Coronakrise machte allen Träumen ein Ende. Ab 18. März waren die Warenhäuser weitgehend geschlossen, nur einige Lebensmittel- und Drogerieabteilungen durften weiter geöffnet bleiben. Das Unternehmen bezifferte den dadurch entstandenen Umsatzverlust auf 80 Millionen Euro pro Woche.

Um die Liquidität zu schonen, hatte das Unternehmen bereits vor der Beantragung des Schutzschirmverfahrens alle Möglichkeiten genutzt, Kosten zu reduzieren. So hatte es für den größten Teil der Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt und einseitig das Zahlungsziel für die Lieferanten um 30 Tage verlängert.

Außerdem teilte es allen Vermietern mit, dass es vorübergehend die Mietzahlungen für alle genutzten Immobilien einstellt. Wie eng die Situation für Galeria ist, zeigt die Tatsache, dass das Unternehmen sogar die Mietzahlungen für die Firmenzentrale in Essen eingestellt hatte.