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Gabriel oder Müller? Der VDA will einen gut vernetzten Politiker an seiner Spitze

Aus der Politik zieht sich Sigmar Gabriel zurück. Möglicherweise wird er jetzt aber als neuer VDA-Präsident Cheflobbyist der deutschen Autobranche.

Wer wird der neue VDA-Präsident? Foto: dpa / imago [M]

Auf der Suche nach einem neuen Präsidenten macht der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) Fortschritte. Zumindest hat sich das Präsidium des Verbands auf zwei Personen verständigt, mit denen nach Information des Handelsblatts in dieser Woche vertiefte Gespräche geführt werden sollen: Hildegard Müller und Sigmar Gabriel.

In der ersten November-Woche will der VDA-Vorstand eine endgültige Entscheidung über die Nachfolge von Noch-Präsident Bernhard Mattes treffen, der während der Automesse IAA überraschend sein Ausscheiden zum Ende des Jahres bekanntgegeben hatte. „Das Rennen ist offen“, sagte eine mit den Gesprächen vertraute Person.

Daimler-Chef Ola Källenius und Familienunternehmer Arndt Kirchhoff, die im VDA-Präsidium die Nachfolgesuche organisieren, favorisieren in jedem Fall einen Politiker für den Spitzenjob des Autoverbands, der unter dem jetzigen Präsidenten Mattes deutlich an politischem Gewicht verloren hatte. Ihre breiten politischen Netzwerke gelten als wesentlicher Grund für die Nominierung der beiden Kandidaten. Müller (CDU) wie Gabriel (SPD) genießen zudem das Vertrauen der mächtigen Autokonzerne.

Innerhalb der Konzerne streitet man allerdings darüber, welches Anforderungsprofil in diesen Zeiten, in denen die Autobranche unter erheblichem gesellschaftlichem und politischem Druck steht, das richtige ist. „An der Spitze des VDA darf kein Selbstdarsteller stehen, sondern jemand, der den Verband nach innen und außen stärkt“, sagte ein Manager eines Autokonzerns.

Favorisiert sei Gabriel, weil er eine größere Nähe zur Industrie habe, wie es in Kreisen der großen Hersteller hieß. Er war als Ministerpräsident von Niedersachsen im Aufsichtsrat von Volkswagen und ist dort noch heute bestens vernetzt. Vorteilhaft sei, dass er sein Ministeramt 2018 niedergelegt habe. Es gebe daher keine Interessenkollision. Gabriel hatte Ende September angekündigt, er werde sein Bundestagsmandat zum 1. November niederlegen.

Manko SPD-Parteibuch

Schon vor Wochen war Gabriels Name genannt worden. Insbesondere in seiner Zeit als Bundeswirtschaftsminister hatte er sich auch in Industriekreisen einen hervorragenden Ruf erworben. Gabriel hatte während seiner Amtszeit das Bündnis „Zukunft der Industrie“ ins Leben gerufen und eine Reihe von Branchendialogen angestoßen.

Hildegard Müller kam erst später in die engere Auswahl. Mattes hatte seinen Rückzug als VDA-Präsident am 19. August angekündigt. Erst am 11. September war bekannt geworden, dass Müller ihren Vorstandsposten bei Innogy im Zuge der Übernahme des Unternehmens durch Eon würde aufgeben müssen.

VW selbst würde die Wahl von Gabriel dem Vernehmen nach als positiv bewerten. „Sigmar Gabriel als neuer VDA-Präsident wäre eine sehr, sehr gute Lösung“, sagte ein VW-Vorstand dieser Zeitung. Allerdings habe er auch ein Manko: sein Parteibuch.

Absehbar sei, dass die SPD nicht an der nächsten Bundesregierung beteiligt sein werde. Die CDU werde dabei sein und womöglich auch die Grünen. Allerdings sei Gabriel auch sehr pragmatisch und habe in seiner politischen Karriere sowohl mit der Union als auch mit den Grünen koaliert.

Wer letztlich den Zuschlag bekommt, hängt auch an der zukünftigen Aufstellung des VDA. In diesen Tagen würden Gespräche geführt, um die Vorstellungen der beiden Kandidaten zu hören und auch die der VDA-Mitglieder vorzustellen. Die Führungsebene des Branchenverbands sei in diese Gespräche eng eingebunden, sagte ein Beteiligter dem Handelsblatt.