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FTI wird in der Coronakrise zum Hauptverlierer der Branche

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Dank niedriger Preise stieg FTI zur größten inhabergeführten Urlaubsfirma der Welt auf. Reisewarnungen und Rückerstattungen überlasten den Reiseanbieter nun.

Der Reiseveranstalter hatte eigentlich optimistisch auf 2020 geblickt. Foto: dpa
Der Reiseveranstalter hatte eigentlich optimistisch auf 2020 geblickt. Foto: dpa

Drei Jahrzehnte brauchte Dietmar Gunz, um vom angestellten Sprachkurs-Reiseleiter zum mächtigsten Unternehmer der europäischen Tourismusindustrie aufzusteigen. Der Abstieg, der Mitte vergangener Woche seinen vorläufigen Abschluss fand, dauerte nicht einmal acht Monate.

Anfang März noch besaß der gebürtige Vorarlberger die Mehrheit am Münchener Touristikkonzern FTI Group, dem mit 4,2 Milliarden Euro Jahresumsatz größten familiengeführten Reiseveranstalter der Welt. Der studierte Fremdenverkehrsfachmann, der bei öffentlichen Auftritten fast schüchtern wirkt und ein feines Gespür für Gastfreundschaft besitzt, hatte mit spitz kalkulierten Angeboten die Konzernerlöse Jahr für Jahr um mehr als zehn Prozent nach oben getrieben.

Schon 1997 überrundete er damit den Wettbewerber Alltours, heute muss sich Gunz nur noch der börsennotierten Tui und der genossenschaftlichen Rewe-Tochter DER Touristik beim Buchungsvolumen unterzuordnen.

Zudem schien der Ausblick zunächst rosig. Im Herbst 2019 war der Rivale Thomas Cook („Neckermann“, „Bucher“, „Öger“) mit lautem Knall vom Markt verschwunden, was für den Sommer 2020 Wachstum im zweistelligen Prozentsatz verhieß. Schon über den Winter waren die Buchungen für die Türkei, Spaniern und Tunesien in München steil nach oben geschossen, wie Gunz noch Anfang März im kleinen Kreis erzählte.

Doch es kam anders. Statt des florierenden Urlaubsgeschäfts überflutete den Konzern, als das Auswärtige Amt am 17. März wegen der Corona-Pandemie eine weltweite Reisewarnung aussprach, eine Welle an Stornierungen. Die Folgen waren bitter. Angezahlte Buchungsgelder hatte FTI zu erstatten, Urlauber aus den Feriengebieten zurückzuholen. All dies überlastete den Konzern finanziell – insbesondere dessen Mehrheitsgesellschafter Gunz.

Weniger Handlungsfreiheiten für Gunz

Schon Anfang April musste sich die FTI Group einen „mittleren dreistelligen Millionenbetrag“ an frischem Geld besorgen, wie das Handelsblatt erfuhr. Für das Kurzdarlehen der Unicredit bürgten Bund und Land nur unter der Bedingung, dass die Gesellschafter Bareinlagen ins Eigenkapital beisteuerten. Die geforderte Summe brachte am Ende der ägyptische Milliardär Samih Sawiris auf, der damit seine seit 2014 bestehende Minderheitsbeteiligung auf 75,1 Prozent aufstockte.

Gunz, noch immer Geschäftsführer des von ihm gegründeten Unternehmens, rutschte in der Folge auf 13,3 Prozent ab. Selbst im Verein mit Ehefrau Roula Jouni, 45, die sich im Konzern mit viel Engagement und frischen Ideen um das Hotelgeschäft kümmert, kommt er auf gerade noch 19,9 Prozent.

Anfang November kam es für den 61-Jährigen noch schlimmer. Um die massiven Ausfälle durch die Pandemie finanziell zu verkraften, zapften die Münchener den staatlichen Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF) an. Der aber raubt Gunz nun weitere Handlungsfreiheiten.

So soll das gewährte nachrangige Darlehen über 235 Millionen Euro knapp zehn Prozent Jahreszins kosten, wie das Handelsblatt in Branchenkreisen erfuhr. Während der Laufzeit sind Ausschüttungen an die Gesellschafter zudem tabu, ebenso Zukäufe von Wettbewerbsfirmen. „Zudem wurde eine Vereinbarung des Managements zum freiwilligen Verzicht auf einen Teil des Gehaltes getroffen“, berichtet Gunz. Die Expansion im Hotelgeschäft wurde vorläufig ausgesetzt.

Hinzu kommen Einschnitte in den Konzern, die dessen Gründer wohl auch persönlich treffen. So sieht das mit dem WSF verhandelte Sanierungskonzept vor, dass FTI die verlustreiche Konzerntochter LAL Sprachreisen schließt. Mit ihr hatte sich Gunz Anfang der 80er-Jahre selbstständig gemacht. Erst als 1983 auf Malta neben Sprachstudenten gewöhnliche Pauschalurlauber hinzukamen, gab Gunz seiner Unternehmung die Firmenbezeichnung „Frosch Touristik“, benannt nach dem Hausnamen seiner damaligen Freundin.

Auch das Kreuzfahrtschiff „MS Berlin“ musste FTI im September verkaufen, das Gunz 2011 für 11,4 Millionen erworben hatte und Ende 2019 nur noch mit 5,8 Millionen in den Büchern stand. Das ehemalige ZDF-Traumschiff galt als Steckenpferd des Österreichers – was in der Münchener Konzernzentrale bisweilen dazu führte, dass FTI-Manager wegen der geringen Profitabilität genervt die Augen verdrehten.

Kundengeld-Anzahlungen zwangen FTI in die Knie

Weshalb Gunz – anders als die ebenfalls familiengeführten Wettbewerber Alltours und Schauinsland-Reisen – in der Coronakrise den Staat um Bürgschaften und Notkredite bat, enthüllt der Bericht des Ende Oktober 2019 abgelaufenen Geschäftsjahres, der dem Handelsblatt seit wenigen Tagen vorliegt.

Demnach waren es die enormen Kundengeld-Anzahlungen, deren Rückerstattung FTI finanziell in die Knie zwang. 239,5 Millionen Euro an solchen Einnahmen wies die Konzernbilanz aus – ein Betrag, der sich in der Hauptbuchungszeit über Weihnachten 2019 vermutlich noch erhöhte.

Toxisch für den Konzern: Nur die Hälfte der Anzahlungen – exakt 117 Millionen Euro – lagen Ende Oktober 2019 tatsächlich als liquide Mittel in der Kasse, wovon zudem 25 Millionen Euro andernorts gebunden waren. Der Rest steckte meist in Form von Investitionen im Geschäftsbetrieb. Selbst zwei Hotelverkäufe im danach neu begonnenen Geschäftsjahr, die zusätzlich 33,7 Millionen Euro einbrachten, reichten nicht zum Ausgleich.Der drittgrößte Reiseveranstalter Europas nimmt zum zweiten Mal seit Ausbruch der Pandemie Staatshilfe in Anspruch. Auch Konzerntöchter werden verkauft.

Die wenig auskömmlichen Ertragsmargen, mit denen Gunz über Jahre sein Wachstum befeuerte, griffen zudem die Kapitaldecke an. Marija Linnhoff, Vorsitzende des Reisebüroverbands VUSR, zeigt sich darüber nicht verwundert: „Sieben Tage Halbpension in Antalya für 199 Euro, zum gleichen Preis ein Fünf-Sterne-Hotel in Ägypten – bei vielen Reiseschnäppchen musste FTI in der Vergangenheit vermutlich Geld obendrauflegen.“

Dumping-Vorwürfe wies man in München immer wieder zurück. Doch in den drei Geschäftsjahren seit Ende 2016 häufte FTI zusammengerechnet einen Konzernverlust von 35,2 Millionen Euro auf. 2019 kam FTI nur mühsam auf eine schwarze Null, indem man drei Hotels verkaufte und damit 14,4 Millionen Euro Sondergewinn einfuhr.

Die teils negativen Gewinnmargen führten dazu, dass die Eigenkapitalquote bis Oktober 2019 auf bedenkliche 7,7 Prozent schrumpfte. Mehr noch: Ohne die stille Beteiligung über 25 Millionen Euro, die erstmals in der Bilanz 2019 auftauchte, wäre sie sogar auf 5,2 abgesackt.

Dass die testierenden Wirtschaftsprüfer wegen der Coronakrise im Juli ein „bestandsgefährdendes Risiko“ für FTI ausmachten, will man in München nach dem WSF-Deal allerdings nicht mehr gelten lassen. „Mit dem neuen Darlehen und dem von uns ergriffenen Maßnahmenpaket im Rücken“, sagt Mit-Geschäftsführer Ralph Schiller, „konzentrieren wir uns nun mit ganzer Kraft auf die nächsten Monate.“

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