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Fressnapf wirbt Digitalchef von Rewe ab

Europas größter Zoohändler will im Onlinehandel aufholen und holt sich in die Geschäftsführung Verstärkung für den Ausbau zum digitalen Marktplatz.

Fressnapf-Eigentümer Torsten Toeller ist ein echter Coup gelungen: Der Unternehmer hat es geschafft, den Digitalexperten Johannes Steegmann von Rewe abzuwerben. Steegmann, der bisher die Digitalsparte des Lebensmittelhändlers geleitet hatte, soll ab August zweiter Geschäftsführer der Fressnapf-Gruppe neben Hans-Jörg Gidlewitz werden.

Steegmann löst den Toeller-Vertrauten Folkert Schulz ab, der nach dem Abgang von CEO Alfred Glander vorübergehend in der Geschäftsführung eingesprungen war. Schulz wechselt nun wieder in den Verwaltungsrat. „Mit Johannes Steegmann haben wir nun einen perfekten Nachfolger gefunden, der uns noch besser in der Transformation begleiten wird und mir den Freiraum verschafft, mich wieder mehr auf meine Steuerungsrolle fokussieren zu können“, sagt Schultz.

Eigentümer Toeller setzt große Hoffnungen in Steegmann, den er als „erfahrenen Spezialisten für Kundenzentriertheit und Digitalisierung“ lobt. Toeller soll sogar persönlich bei Rewe-Chef Lionel Souque vorgesprochen haben, um den Wechsel von Steegmann zeitnah möglich zu machen. Der Fressnapf-Chef sucht schon seit einem guten Jahr aktiv nach einem neuen Geschäftsführer, da von Anfang an klar war, dass die operative Rolle von Schultz, der auch Toellers Family Office betreut, nur eine Zwischenlösung war.

Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Steegmann, der an der Universität Witten Herdecke studiert hat, ist bei der Bertelsmann AG ins Berufsleben gestartet und hat dann mehr als neun Jahre bei McKinsey gearbeitet. Seit 2011 hat er den Bereich Rewe Digital mit aufgebaut und war dort einer der wichtigsten Vordenker für dieses Zukunftsfeld.

Grenzen zwischen Filiale und Onlinehandel eingerissen

Besonders profiliert hat sich der jungenhaft wirkende Manager bei Rewe jedoch nicht nur als Onlineprofi, sondern gerade durch kanalübergreifendes Denken durch das Einreißen von Grenzen zwischen digitalem Geschäft und dem Verkauf über die stationären Filialen. So hatte er vor gut zwei Jahren bei dem Lebensmittelhändler zusätzlich zur Leitung der Digitalsparte die Verantwortung für das Marketing des Gesamtkonzerns übernommen und hat dort ein Konzept für die ganzheitliche Markenführung entwickelt.

Und nicht zuletzt kennt er auch das Tierhandelsgeschäft: Denn nebenbei saß Steegmann auch in der Geschäftsführung des Onlinehändlers Zooroyal, den Rewe 2014 übernommen hatte.

Doch aus Sicht des Vollblutunternehmers Toeller qualifiziert ihn noch eine andere Tatsache für die Arbeit bei Fressnapf: Er kenne die Zusammenarbeit mit selbstständigen Kaufleuten gut, betont er, schließlich ist Rewe ja als Genossenschaft organisiert. Das passt zur Kette Fressnapf, bei der ein großer Teil der 1600 Märkte von selbstständigen Franchisenehmern geführt wird. Dort soll Steegmann auch die Leitung des Vertriebs in Deutschland übernehmen.

Doch seine wichtigste Aufgabe wird es, bei Fressnapf die 2018 gestartete Transformation zu einem datengetriebenen digitalen Marktplatz voranzutreiben. Bis zum Jahr 2025 soll eine Plattform entstehen, die nicht nur Tierfutter und Zubehör verkauft, sondern auch mit einer Verknüpfung von Läden, Apps und Online-Angeboten für praktisch alle Probleme der Tierhalter von der Beratung beim Kauf bis zur medizinischen Versorgung Unterstützung bieten soll. Eigentümer Toeller will jährlich eine zweistellige Millionensumme in den Ausbau des digitalen Marktplatzes investieren.

Damit will Europas Marktführer im Tierbedarfshandel den Angriff des erfolgreichen Onlinehändlers Zooplus abwehren. Der hat mittlerweile einen Umsatz von mehr als 1,5 Milliarde Euro und hat gerade erst die Umsatzprognose für dieses Jahr auf 1,75 Milliarde Euro angehoben.

Fressnapf hat im vergangenen Jahr 2,3 Milliarden Euro umgesetzt, davon aber erst 110 Millionen Euro im Onlinehandel. Doch wo die größere Dynamik liegt, ist auch hier deutlich. So ist im Gesamtunternehmen der flächenbereinigte Umsatz um 6,1 Prozent gewachsen, im Onlinehandel jedoch um mehr als 21 Prozent. Ein Digitalexperte wie Steegmann dürfte dieses Potenzial weiter ausreizen.