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Nach frauenverachtendem Artikel: Roland Tichy gibt Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung ab

·Lesedauer: 4 Min.

Nach scharfer Kritik erklärt der Publizist Roland Tichy seinen Rückzug vom Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung. Dafür hat vor allem ein prominentes Mitglied gesorgt.

Der Publizist Roland Tichy wird den Vorsitz der Ludwig-Erhard-Stiftung (LES) abgeben. Tichy werde Ende Oktober auf der Mitgliederversammlung nicht mehr antreten, hieß es übereinstimmend von Mitgliedern der Stiftung. Sie bestätigte den Rückzug Tichys in einem Schreiben an die Mitglieder. Gründe wurden darin nicht genannt.

Bis zum 30. September 2020 können nun Vorschläge zur Wahl in den Vorstand eingereicht werden. Die Suche nach einem Nachfolger – es soll nach Möglichkeit eine Frau werden – läuft bereits.

Ein personeller Neuanfang sei wichtig, schreibt LES-Mitglied Jens Weidmann in einem Brief an alle anderen in der Stiftung. „Ich begrüße, dass Roland Tichy bereit ist, den Weg dafür frei zu machen“, heißt es in dem Schreiben, das Weidmann als Privatperson und nicht in seiner Funktion als Bundesbank-Präsident verfasst hat. Der Text liegt dem Handelsblatt vor.

Tichy war wegen eines sexistischen Artikels eines Autors über die SPD-Politikerin Sawsan Chebli in seinem Magazin „Tichys Einblick“ in die Kritik geraten. In dem Magazin heißt es über die SPD-Politikerin Chebli, die sich im selben Berliner Wahlkreis wie der amtierende Berliner Bürgermeister Michael Müller (SPD) um eine Bundestagskandidatur bemüht: „Was spricht für Sawsan? (...) Befreundete Journalistinnen haben bislang nur den G-Punkt als Pluspunkt feststellen können in der Spezialdemokratischen Partei der alten Männer.“

Daraufhin hatte Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) ihre Mitgliedschaft in der Stiftung am Mittwoch gekündigt.

Die Ludwig-Erhard-Stiftung ist eine der anerkanntesten Institutionen auf dem Feld der Wirtschaftspolitik. Sie wurde 1967 vom früheren Wirtschaftsminister und Bundeskanzler Ludwig Erhard gegründet und setzt sich für die Soziale Marktwirtschaft ein. Mitglieder sind Politiker von Union und FDP wie Jens Spahn oder Friedrich Merz, prominente Ökonomen wie Wirtschaftsweisen-Chef Lars Feld oder IW-Direktor Michael Hüther sowie namhafte Publizisten. Die Stiftung finanziert sich aus ihrem Stiftungsvermögen sowie Beiträgen und Spenden.

Nach dem Austritt Bärs hatten am Donnerstagmorgen auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und CDU-Vizefraktionschef Carsten Linnemann erklärt, ihre Mitgliedschaft in der Stiftung ruhen zu lassen. IW-Chef Hüther sagte, ohne den Rückzug Tichys wäre er den gleichen Schritt gegangen.

Dadurch war der öffentliche Druck auf Tichy gestiegen. Im Hintergrund drängte offenbar Weidmann Tichy maßgeblich mit zum Rückzug. Er kündigte Tichy seinen Brief an. In dem Schreiben äußert Weidmann deutlich Kritik. Tichy soll dann Weidmann gegenüber erklärt haben, dass er nicht wieder als Vorsitzender der Stiftung kandidieren werde.

Suche nach einer weiblichen Kandidatin für den Vorsitz

„Unser derzeitiger Vorsitzender hat die Arbeit der Stiftung befördert, er spielt aber zugleich eine medial sichtbare Rolle als Herausgeber“, heißt es in dem Brief von Weidmann. In „Tichys Einblick“ herrsche ein zuspitzender, oft polemischer Debattenstil, „und es ist wiederholt zu beleidigenden und verletzenden Äußerungen gekommen, die sich mit den Idealen der Stiftung nicht vertragen und eine negative öffentliche Berichterstattung über die Stiftung ausgelöst haben“, kritisiert Weidmann.

So hätten Mitglieder der Stiftung den Rücken gekehrt und vorgeschlagene Preisträger die Annahme einer Auszeichnung durch die Stiftung abgelehnt. Das Handelsblatt hatte 2018 berichtet, dass der CDU-Politiker Friedrich Merz den Ludwig-Erhard-Preis für seine Verdienste um die Soziale Marktwirtschaft abgelehnt hat, weil er nicht von Tichy geehrt und auch nicht mit ihm auf einer Bühne stehen wollte. Jetzt twitterte Merz, der Kandidat für den CDU-Vorsitz ist, zu Tichys Rückzug: „Die einzig richtige Entscheidung.“

Auch an vielen anderen Äußerungen Tichys gab es intern immer wieder Kritik. So hatte Tichy vor einigen Monaten in einem Tweet Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Hitler verglichen. Schon damals sagten mehrere Mitglieder hinter vorgehaltener Hand dem Handelsblatt, Tichy sei nicht mehr tragbar.

Offiziell wollten sie sich aber nicht dazu äußern, sondern im Stillen darauf hinwirken, dass Tichy bei der nächsten Vorstandswahl nicht mehr wiedergewählt wird. Laut Satzung wird alle drei Jahre ein neuer Stiftungsvorstand gewählt. Turnusgemäß steht eine Neuwahl damit in diesem Jahr an.

Eine mögliche Wiederwahl hat sich mit dem Rückzug Tichys nun aber ohnehin erledigt. Auch der frühere Grünen-Politiker Oswald Metzger wird nicht mehr als Vorstand antreten. Metzger ist Autor bei „Tichys Einblick“.

Jetzt suchen namhafte Mitglieder eine Frau als Vorsitzende. Das wurde auch schon letztes Jahr versucht, eine Kandidatin hatte aber abgesagt. Doch nach dem Rückzug Tichys, so die Hoffnung, könnte es nun leichter werden, eine Vorsitzende zu finden.

„Vielleicht gelingt es uns jetzt auch wieder, neue Mitglieder zu gewinnen“, sagte ein prominentes Mitglied, das lieber nicht namentlich genannt werden möchte. „Dann hätte das ganze Theater immer noch etwas Gutes.“

Mehr: Staatsministerin Bär verlässt Ludwig-Erhard-Stiftung aus Protest gegen Vorsitzenden Tichy.