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Frauen in der Volkswirtschaftslehre „kämpfen gegen unbewusste Diskriminierung“

·Lesedauer: 7 Min.

Warum Frauen trotz gleicher Leistung seltener eine Wirtschaftsprofessur erhalten als Männer und wie sich die Diskriminierung verhindern lässt - ein Interview.

In der Volkswirtschaftslehre sind Frauen unterrepräsentiert. Foto: dpa
In der Volkswirtschaftslehre sind Frauen unterrepräsentiert. Foto: dpa

Am kommenden Montag wird der Wirtschaftsnobelpreis vergeben. Die Verleihung des Preises zeigt, wie dramatisch unterrepräsentiert Frauen in der Volkswirtschaftslehre sind: Bislang erhielten erst zwei Forscherinnen einen Nobelpreis.

Was weltweit gilt, gilt auch in Deutschland: Weniger als 15 Prozent aller Wirtschaftsprofessoren sind hierzulande weiblich. Das Handelsblatt sprach mit den beiden Wirtschaftsprofessorinnen Nicola Fuchs-Schündeln und Dorothea Kübler über die Gründe dafür – und darüber, wie sich mehr Frauen in Top-Jobs bringen lassen. Fuchs-Schündeln ist Vorsitzende des Vereins für Sozialpolitik, der größten deutschen Ökonomen-Vereinigung, Kübler deren Diversitätsbeauftragte.

Laut Fuchs-Schündeln kämpfen Frauen „gegen eine unbewusste Diskriminierung an“. Es gebe das Stereotyp eines erfolgreichen Wirtschaftsprofessors, „und das ist das Bild eines Mannes“. Dieses Stereotyp hätten sowohl Männer als auch Frauen im Kopf.

Dies lässt sich auch empirisch nachweisen: Wenn ein Mann und eine Frau in Co-Autorenschaft ein wissenschaftliches Papier veröffentlichen, profitiert davon der Mann stärker, ebenso bekommt er bessere Lehrevaluationen bei gleichen Leistungen. Diese kleinen Unterschiede akkumulieren sich über die Jahre – entscheiden aber darüber, wer eine Professur bekommt.

Dieses Bild im Kopf müsse sich dringend verändern, sagt Kübler. Dafür seien Rollenvorbilder sehr wichtig, „da können wir noch so viele Girls‘ Days veranstalten“. Je sichtbarer etwa eine Isabel Schnabel aus dem Direktorium der Europäischen Zentralbank in der Öffentlichkeit sei, desto besser.

Auch eine Frauenquote könne mehr Frauen in Professorenstellen bringen. Eine Quote könne zwar immer nur die zweitbeste Lösung sein. „Aber man braucht eine kritische Zahl von Frauen, um das bestehende System zu durchbrechen. Dieses Argument spricht für eine Quote“, sagt Fuchs-Schündeln.

Eine große Chance bieten aus Sicht von Kübler auch Anträge für große Forschungsvorhaben oder Forschungs-Cluster. „Wer dabei nicht ausreichend Frauen berücksichtigt, bekommt bei der Ausschreibung inzwischen Probleme. Da ist der Druck schon mal gestiegen.“

Lesen Sie hier das gesamte Interview:

Frau Kübler, als Sie vor 16 Jahren Ihre VWL-Professur angetreten haben, waren Sie die einzige Frau am Institut. Wie ist es heute?
Kübler: Es ist ein bisschen besser geworden. Dies liegt aber auch daran, dass an meinem heutigen Institut, dem WZB, auch Soziologen und Politikwissenschaftler arbeiten, unter denen gibt es mehr Frauen.

Wie ist es in der reinen Volkswirtschaft? Ist der Frauenanteil heute höher, Frau Fuchs-Schündeln?
Fuchs-Schündeln: Leider nein. Obwohl 35 Prozent aller VWL-Studenten weiblich sind, liegt der Anteil weiblicher Professoren noch immer unter 15 Prozent. Wenn ich auf eine makroökonomische Konferenz mit 100 Forschern gehe, sitzen im Raum oft nur zehn Frauen.

Woran liegt das?
Fuchs-Schündeln: Frauen kämpfen gegen eine unbewusste Diskriminierung an. Es ist nicht so, dass an Lehrstühlen keine Frauen gewollt werden, darüber sind wir lange hinweg. Aber es gibt das Stereotyp eines erfolgreichen Wirtschaftsprofessors, und das ist das Bild eines Mannes. Es gibt Studien, die zeigen: Wenn ein Mann und eine Frau in Co-Autorenschaft ein wissenschaftliches Papier veröffentlichen, profitiert davon der Mann stärker, ebenso bekommt er bessere Lehrevaluationen bei gleichen Leistungen. Diese kleinen Unterschiede akkumulieren sich über die Jahre – entscheiden aber darüber, wer eine Professur bekommt.

Kübler: Wir nennen diesen Effekt implizite Diskriminierung. Wichtig ist dabei: Auch Frauen haben diese Stereotype im Kopf, nicht nur die Männer. Ein weiteres Problem für junge Forscherinnen sind daneben sicher die Mobilitätsanforderungen. Die Bereitschaft von Männern, für die Karriere ihrer Frau umzuziehen, ist geringer als umgekehrt. Da spielen auch gesellschaftliche Erwartungen eine Rolle. Junge Volkswirtinnen suchen sich häufig einen Job vor Ort. Dadurch verlieren wir sehr viele Forscherinnen.

Fuchs-Schündeln: Ein weiterer Grund gerade in Deutschland ist die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nachwuchsforscher haben oftmals Frauen, die in Teilzeit arbeiten. Den umgekehrten Fall gibt es eher selten.

Oft heißt es, Frauen drängen weniger in Top-Jobs, weil sie dann Teil harter öffentlicher Auseinandersetzungen werden. So gestaltete sich die Suche nach zwei Frauen für den Sachverständigenrat als schwierig. Ist an der These also etwas dran?
Kübler: Nicht nur viele Frauen, sondern auch viele Männer haben ein Problem damit, wie bestimmte öffentliche Debatten geführt werden, wie forschungsfern und wie meinungs-aufgeladen diese teils sind. Was den Sachverständigenrat angeht: Da hat die Politik zwei exzellente Frauen gefunden. So schlecht kann die Auswahl nicht sein.

Fuchs-Schündeln: Forschung und Politikberatung sind nicht das Gleiche. Politikberatung wird vor allem von den großen Wirtschaftsinstituten betrieben. An deren Spitze stehen ausschließlich Männer, ein Grund dafür, dass sich vor allem Männer in der Öffentlichkeit äußern.

Welche Rolle spielen Männer-Netzwerke für die Karriere?
Kübler: Eine wichtige. Als junger Forscher braucht man Kontakte, und dafür sind Netzwerke unabdingbar. Dass etwa weniger Forscherinnen in der Öffentlichkeit stehen, liegt auch daran, dass Journalisten mehr Männer kennen und mit ihnen engere Beziehungen pflegen.

Sollten sich also Frauen stärker zusammenschließen?
Fuchs-Schündeln: Ich denke, Frauen-Netzwerke haben wie Frauen-Konferenzen absolut ihre Berechtigung. Es tut gut, auch mal einem Raum zu sitzen mit 30 Personen, die so aussehen wie man selbst. Und es ist ermutigend, denn es zeigt: Wir sind zwar in der Minderheit, aber wir sind viele. Aber natürlich sind Frauen-Netzwerke nicht die alleinige Lösung, Frauen müssen in alle Netzwerke eingebunden werden.

Wie lässt sich die Zahl weiblicher Professoren erhöhen?
Fuchs-Schündeln: Eine Quote kann immer nur die zweitbeste Lösung sein. Aber wenn man erst einmal in einem schlechten Gleichgewicht mit niedrigem Frauenanteil ist, ist es schwer, da wieder rauszukommen. Man braucht eine kritische Zahl von Frauen, um das bestehende System zu durchbrechen. Dieses Argument spricht für eine Quote. Sie könnte die Bilder im Kopf schneller verändern, unbewusste Diskriminierung leichter überwinden und mehr Anknüpfungspunkte an Netzwerke geben. Allerdings ist eine Quote an Hochschulen zugegebenermaßen schwierig einzuführen.
Kübler: Die Frage ist, wo man die Quote ansetzt. Bei einer Stellenausschreibung auf Teufel komm raus eine Frau einzustellen halte ich für problematisch. Aber vielleicht kann man die Stelle ja breiter ausschreiben. Und eine große Chance bieten Anträge für große Forschungsvorhaben oder Forschungs-Cluster. Wer dabei nicht ausreichend Frauen berücksichtigt, bekommt bei der Ausschreibung inzwischen Probleme. Da ist der Druck schon mal gestiegen.

Bundesgremien müssen seit einiger Zeit paritätisch besetzt sein. Hat sich dies bewährt?
Kübler: Auf jeden Fall! Rollenvorbilder sind sehr wichtig, da können wir noch so viele „Girls‘ Days“ veranstalten. Ich habe einst VWL studiert, weil ich Rosa Luxemburg gelesen habe. Damals gab es keine andere Frau, an der ich mich orientieren konnte. Das ist heute anders. Je sichtbarer eine Isabel Schnabel von der Europäischen Zentralbank in der Öffentlichkeit ist, desto besser.
Fuchs-Schündeln: Wenn junge Frauen die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer in Talkshows sehen, kann das etwas bewirken. Und vielleicht realisieren sie dann auch, dass VWL mehr ist als nur Geldpolitik oder Aktienmärkte. Die VWL ist eine Sozialwissenschaft, wir beschäftigen uns mit dem Wohlergehen des Menschen. Viele Schülerinnen studieren aber lieber Politik oder Soziologie. Das ist so schade, weil man in der VWL eigentlich bessere Berufsmöglichkeiten hat. Wer zum Beispiel etwas gegen den Klimawandel tun will, sollte VWL studieren, da kann man wirklich etwas bewegen.

Männliche Forscher klagen, sie hätten keine Aufstiegschancen mehr. Zu Recht?
Kübler: Ich glaube, die Gegenmaßnahmen, Frauen stärker einzubeziehen, sind für alle sehr sichtbar. Die implizite Diskriminierung von Frauen dagegen nicht. Dies führt bei jungen Männern zu dem Gefühl, keine Chance mehr zu haben.

Fuchs-Schündeln: Die niedrige Zahl weiblicher Professoren spiegelt nicht wider, dass Männer benachteiligt werden.

Was wäre die wichtigste Veränderung, damit es mehr Frauen in der Volkswirtschaftslehre gibt?
Fuchs-Schündeln: Die Bilder in den Köpfen müssen sich verändern. Was Volkswirtschaftslehre ist und wie man sich einen Wirtschaftsprofessor vorzustellen hat.

Kübler: Dem schließe ich mich an. Ich habe neulich den Film „Crazy Rich Asians“ gesehen. Wissen Sie, was das Tollste an dem Film war? Die Hauptdarstellerin war Professorin für Spieltheorie. Wenn wir den Film bekannter machen, wäre das vielleicht nicht so unnütz für unser Fach (lacht).

Frau Kübler, Frau Fuchs-Schündeln, vielen Dank für das Interview.