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Fraport-Chef Schulte erwartet kaum Luftverkehr bis Ende Mai

Mehr als 18.000 Mitarbeiter des Frankfurter Flughafenbetreiber sind in Kurzarbeit. Das Management richtet einen Hilfsfonds für Härtefälle unter den Mitarbeitern ein.

Der Flughafen-Manager erwartet in Kürze keine Besserung der Lage. Foto: dpa

Stefan Schulte ist sich sicher: Der Flughafenbetreiber Fraport ist für die schwere Coronakrise gerüstet. „Wir sind beim Thema Liquidität gut aufgestellt und stärken diese durch zusätzliche Mittel. Wir können viele Monate durchhalten“, sagte der Fraport-Vorstandsvorsitzende im Gespräch mit dem Handelsblatt.

Doch das war es dann auch schon mit den guten Nachrichten. Aktuell verzeichnet der Flughafenbetreiber am Airport in Frankfurt Verkehrsrückgänge von über 90 Prozent bei den Passagieren.

„Wenn auch die Rückholflüge in der nächsten Woche abgeschlossen sind, werden wir bei minus 95 oder sogar minus 98 Prozent landen“, sagte Schulte. Es werde dann noch etwa zehn Flüge pro Tag geben, um den Luftverkehr und den Betrieb überhaupt aufrechtzuerhalten. „Ich muss ein Riesenkompliment an die Kolleginnen und Kollegen machen, die dafür sorgen, dass es trotz dieser Bedingungen am Flughafen weitergeht.“

Schnell wird sich diese Situation nicht bessern, prognostizierte Schulte: „Wir stellen uns im Moment darauf ein, dass dieses extrem niedrige Niveau bis Ende Mai bestehen bleiben wird. Das ist für Flughäfen eine gewaltige Herausforderung, weil sie vor allem Fixkosten und wenig variable Kosten haben.“

Er habe so eine Situation noch nie erlebt und habe sie sich so nicht vorstellen können. Auch die Geschäfte und die Gastronomie im Terminal hätten aufgrund der staatlichen Anordnungen mittlerweile schließen müssen. Nur Banken, Apotheken, Zeitschriftenläden oder To-Go-Läden dürften öffnen.

Terminalbereiche in Frankfurt mittlerweile geschlossen

Fraport hat mittlerweile große Bereiche in Terminal eins und zwei geschlossen. Die Landebahn Nordwest wurde vorübergehend außer Betrieb genommen und dient als Parkplatz für die nicht genutzten Jets, etwa von Lufthansa.

Ab April wird außerdem noch die Südbahn geschlossen und bei der Gelegenheit saniert. „Wir fahren also die Infrastruktur soweit es geht herunter, halten sie aber offen, weil wir hier eine klare Verantwortung für Deutschland haben“, sagte Schulte. Das gelte zum Beispiel für Cargo-Flüge, mit denen einerseits die Bürger versorgt würden, die aber andererseits auch dazu beitragen, in anderen Branchen Arbeitsplätze zu sichern.

Über 18.000 Fraport-Mitarbeiter sind aktuell in Kurzarbeit, die Zahl wird laut Schulte weiter steigen: „Umso mehr beeindruckt mich, wie sehr die Beschäftigten in dieser Situation zum Flughafen stehen und solidarisch Gehaltsnachteile in Kauf nehmen. Wir stocken zwar das Kurzarbeitergeld auf, aber es ist hart für viele Mitarbeiter, denen am Ende dennoch Geld fehlen wird.“

Für besonders hart betroffene Mitarbeiter hat das Management deshalb einen Fonds aufgelegt. „Wir Vorstände und die Führungskräfte haben beschlossen, 500.000 Euro in einen Fonds zu geben, der in Härtefällen helfen soll“, sagte der Manager.

Trotz des guten Liquiditätspolsters muss auch Fraport auf das Geld achten. Deshalb soll die Dividende für das 2019 gestrichen werden. „2019 war zwar ein exzellentes Jahr, und es tut mir Leid für die Aktionäre. Aber in dieser Situation müssen wir Liquidität maximal zusammenhalten“, begründete der Fraport-Chef die Entscheidung. Er könne heute auch noch nicht sagen, ob und in welcher Höhe das Unternehmen Dividende für 2020 zahlen werde.


Flughäfen müssen offen bleiben

Die Flughäfen in Deutschland – die meisten davon befinden sich im Besitz der öffentlichen Hand – haben ein großes Problem in der aktuellen Krise. Sie müssen den Betrieb fortsetzen, dürfen trotz des kaum noch vorhandenen Luftverkehrs nicht schließen.

Wie aus der Branche zu hören ist, wurden die Vorschläge mehrerer Flughafen-Manager, zumindest bei eng beisammen liegenden Airports einen vorübergehend zu schließen, von den politischen Entscheidern abgelehnt. Die Begründung: Die Infrastruktur werde dringend für Notfälle und die Versorgung der Bürger benötigt.

Die Folge: Die Kosten laufen weiter, die Einnahmen fehlen. Hinzu kommt: Bisher haben die Flughäfen keinen Zugang zu den Notkrediten der KfW. Diese sind ausschließlich für privatwirtschaftliche Unternehmen.

„Die Gespräche mit der Bundesregierung über eine Öffnung der KfW-Programme für Flughäfen laufen“, sagte Schulte, der zugleich der Präsident des Flughafenverbandes ADV ist. Man habe das Problem erkannt und verstehe es auch. „Es wird Lösungen geben. Es wird in unserer Branche den einen oder anderen Airport geben, der Liquiditätshilfen brauchen wird.“

Gesundheitsschutz im Fokus

Obwohl sich mittlerweile nur noch wenige Fluggäste durch die Terminals bewegen, muss dort besonders auf den Gesundheitsschutz geachtet werden. Denn es gibt üblicherweise diverse Punkte, an denen sich Staus bilden – so etwa vor der Sicherheitskontrolle, beim Einsteigen oder am Gepäckband.

Deshalb werden in Frankfurt und an anderen Airports mittlerweile regelmäßig Durchsagen in allen Sprachen gemacht, in denen dazu aufgefordert wird, auf Abstand zu achten. Auch wurden Bodenmarkierungen in Bereichen wie etwa bei den Sicherheitskontrollen angebracht, um auf den Abstand hinzuweisen.

„Bei der Ankunft eines Flugzeugs lassen wir die Passagiere nur noch in Gruppen von Bord, um das Risiko von Staus zu vermeiden“, nannte Schulte weitere Maßnahmen. Zudem habe man die Situation an den Gepäckbändern entzerrt, indem dort zum Beispiel ein Gepäckband dazwischen freigelassen werde „Wir setzen auch mehr Busse ein, die jeweils nur zu einem Drittel gefüllt werden.“

Für systemkritische Bereiche wie Feuerwehr, Rechenzentrum oder Vorfeldkontrolle habe Fraport schon vor Wochen getrennte Teams eingeführt, um im Fall einer Ansteckung die nötigen Reserven zu haben und das Risiko zu minimieren.

Nach wie vor wird allerdings an den deutschen Flughäfen kein Fieber gemessen – anders als an vielen anderen Airports im Ausland. Grundsätzlich gilt: Für solche Maßnahmen sind hierzulande ausschließlich die Gesundheitsbehörden zuständig, Flughäfen dürften zum Beispiel selbst keine Fiebermessungen durchführen. „Außerdem beträgt bei Covid-19 die Inkubationszeit bis zu zwei Wochen. Insofern bringt Fiebermessen hier am Flughafen relativ wenig“, zeigte Schulte Verständnis für die Entscheidung der Gesundheitsbehörden.

Menschen könnten das Virus in sich tragen, auch ohne erhöhte Körpertemperatur. Es gebe heute bei der Anzahl der Fälle in Deutschland kein besonderes „importiertes“ Coronavirus über den Luftverkehr, entscheidend seien vielmehr Abstand, wenige Sozialkontakte und bei Verdacht Quarantäne.

Die bisher wohl schwerste Krise wird laut Schulte nachhaltige Folgen haben. Menschen würden sicherlich irgendwann wieder fliegen, das sei das grundsätzliche Mobilitätsbedürfnis der Bürger. „Aber wir werden eine andere Luftverkehrslandschaft erleben als bisher“, sagte der Fraport-Chef. „Es wird deutlich höher verschuldete Airlines geben, die müssen sich auf die rentablen Strecken konzentrieren. Die Konnektivität wird weltweit zurückgehen, die Ticketpreise werden höher sein“ Das werde auch Auswirkungen auf Flughafen-Standorte haben.

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