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Franziska Giffey: Vier von fünf Unternehmen sind Verweigerer bei der Frauenquote

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Franziska Giffey: Vier von fünf Unternehmen sind Verweigerer bei der Frauenquote

1.700 Unternehmen sollen laut Gesetz mehr Frauen in Vorstandsposten befördern – die wenigsten tun es. Die Frauenministerin plant bereits Sanktionen.


Die deutsche Wirtschaft muss sich auf drastische Sanktionen einstellen. „Zu viele Unternehmen sind nicht ambitioniert genug, wenn es darum geht, Frauen in Führungspositionen zu bringen“, sagte Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) dem Handelsblatt. 81 Prozent der betroffenen Unternehmen hätten beim Ziel für Frauen auf den Vorstandsposten entweder keine Angaben gemacht oder die Zielgröße „null“ gemeldet, sagte die Ministerin.

„Deshalb muss es hier mehr Druck geben, wenn es dafür nicht stichhaltige Gründe gibt“, betonte Giffey. „Das heißt auch angemessene Sanktionen, die nicht nur symbolischen Charakter haben. Von allein bewegt sich zu wenig.“ Seit 2016 gilt nicht nur eine gesetzliche Frauenquote von 30 Prozent in den Aufsichtsräten für rund 100 börsennotierte und voll mitbestimmungspflichtige Unternehmen.

Darüber hinaus müssen diese Firmen auch individuelle Zielgrößen für Geschlechteranteile in Aufsichtsrat, Vorstand und den zwei Führungsebenen unterhalb des Vorstands festlegen. Betroffen sind hier rund 1 700 Unternehmen, ganz genau sind es derzeit 1747. Diese nimmt Giffey nun ins Visier.

Derzeit wird die Neuregelung im Ministerium hieb- und stichfest gemacht. Sanktionen drohen demnach den betroffenen Gesellschaften, wenn sie sich die Zielgröße „null“ bei Frauen in Führungspositionen setzen und dies nicht begründen oder gar keine Ziele festlegen. Giffey will den Gesetzentwurf noch in der ersten Jahreshälfte vorlegen. Das Vorhaben ist im Koalitionsvertrag mit der Union vereinbart worden.

„Wir wissen natürlich, dass die Begründungspflicht viel Interpretationsspielraum zulässt“, gibt die Bundesfrauenministerin zu. Es werde darum gehen, einen vernünftigen Standard für die Begründung zu definieren. „Drei pauschale Sätze werden nicht reichen. Wir suchen gerade mit dem Justizministerium nach einer Lösung.“


Für die Höhe der Sanktionen wird im Koalitionsvertrag auf das Handelsgesetzbuch verwiesen, das Bußgelder von bis zu zehn Millionen Euro vorsieht oder fünf Prozent des jährlichen Gesamtumsatzes eines Unternehmens. Die Strafen müssten „wehtun“, betonte Giffey.

Die Begründungspflicht soll nachlässige Unternehmen zur Räson bringen. „Ich habe in den vergangenen Jahren zu oft die Antwort bekommen, man sei eben ein technisches Unternehmen, da gebe es nur wenige oder keine guten Frauen“, betonte Giffey.

Zielgröße null? Erreicht

Tatsächlich muten manche Geschäftsberichte und Erklärungen der Unternehmen wunderlich an. So heißt es beim Technikhersteller Norma Group, der Aufsichtsrat halte es „nicht für im Interesse der Gesellschaft“, höhere Zielgrößen für den Frauenanteil im Vorstand festzulegen. Daher sei die Zielgröße weiterhin „null“ und „unverändert erreicht“.

Beim Verpackungsproduzenten Krones hieß es zur Begründung, der Aufsichtsrat habe bislang „keine geeignete Kandidatin für den Vorstand“ finden können und gehe davon aus, „dass dies auch in naher Zukunft schwierig bleibt“. Die Optikerkette Fielmann erklärt, sie entscheide bei der Besetzung von Vorstandsposten „stets nach bester Qualifikation und Eignung zum Wohle des Unternehmens“. Zielgröße: null. TLG Immobilien gelobt sogar, die Zielgröße „null“ solle bis 2022 „nicht unterschritten werden“.

Die Organisation Frauen in die Aufsichtsräte (Fidar) fordert angesichts solcher Berichtslyrik deutliche Strafen. „Unternehmen, die keine Frauen im Vorstand haben und weiterhin als Zielgröße für den Vorstand null setzen, sind Totalverweigerer“, sagte Fidar-Präsidentin Monika Schulz-Strelow dem Handelsblatt. „Die Namen der Unternehmen sollten laufend veröffentlicht werden“, forderte sie.


Damit wären dann auch negative Folgen für das Image des Unternehmens verbunden. Würden Bußgelder verhängt, müsse das im Geschäftsbericht öffentlich gemacht werden. Bei den Begründungen für eine Zielgröße „null“ müsse ausgeführt werden, welche Anstrengungen unternommen wurden.
Da ist zum Beispiel die Thyssenkrupp MillServices & Systems. Sie taucht in der Statistik als eines jener Unternehmen auf, die als Zielgröße „null“ angibt. Auf Anfrage teilt das Unternehmen mit, von den rund 1 700 Mitarbeitern seien nur etwa 80 Frauen. Zumindest dieser Anteil solle sich künftig in den Führungsrollen „spiegeln“. Dafür gebe es Mentoring- und Entwicklungsprogramme.

Elke Holst, Forschungsdirektorin für Genderstudies am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), hält ambitionierte Unternehmensziele für unerlässlich, um Spitzenpositionen mit Frauen zu besetzen. „Männliche Monokulturen in Führungsebenen sind nicht mehr zeitgemäß“, sagte Holst dem Handelsblatt.

„Mehr Frauen in Führungspositionen bedeuten mehr Vorbilder“

Darum sei mehr Druck auf die Unternehmen sinnvoll. „Meistens wirken ökonomische Anreize ganz gut, um Strukturveränderungen bei der Besetzung von Führungspositionen mit Frauen voranzutreiben.“ Hier seien mehr kreative Ansätze gefragt. Auch für die Unternehmen und ihre Innovationskraft werde es sich positiv auszahlen, wenn sich in Entscheidungsprozessen der Blickwinkel vergrößere.

Holst bemängelt, dass sich das Bild von Führung noch immer an tradierten männlichen Lebenswirklichkeiten orientiere. Erwartet würden sehr lange Arbeitszeiten. Außerberufliche „Störungen“, etwa durch familiäre Verpflichtungen, seien nicht vorgesehen. Teilzeitarbeit werde meist als Hinderungsgrund für den Aufstieg gesehen. Auch Geschlechterstereotype müssten überwunden werden. „Mehr Frauen in Führungspositionen bedeuten auch mehr Vorbilder für junge Frauen“, betonte Holst.


Auch Bundesfrauenministerin Giffey pocht auf einen Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch in öffentlichen Behörden. „Dazu zählt für mich auch, dass Führen in Teilzeit selbstverständlich möglich ist“, sagte Giffey. Zudem müsse die Berufswahl klischeefreier laufen. „Es muss Normalität werden, dass Mädchen sich auch für technische Berufe entscheiden und umgekehrt Jungen für soziale Berufe“, forderte Giffey.

Und die SPD-Politikerin nimmt offenbar bereits die verpflichtende Frauenquote für Vorstände in den Blick, die mit der Union jedoch nicht vereinbart ist. „Ich würde mir auch über den Koalitionsvertrag hinaus Maßnahmen wünschen, die dazu beitragen, den Frauenanteil in den Chefetagen der deutschen Wirtschaft zu erhöhen“, sagte Giffey dem Handelsblatt. „Reine Männerklubs sind nämlich einfach nicht mehr zeitgemäß.“