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Frankreichs Jugendliche in der Pandemie – eine geopferte Generation?

Hanke, Thomas
·Lesedauer: 5 Min.

Depressionen, Armut, Arbeitslosigkeit: In Frankreich ist die Rede von einer geopferten Generation. Doch manche Experten halten das für übertrieben.

Besonders junge Menschen leiden unter den Auswirkungen der Coronakrise. Foto: dpa
Besonders junge Menschen leiden unter den Auswirkungen der Coronakrise. Foto: dpa

Das Wort von der „geopferten Generation“ macht die Runde in Frankreich. Gemeint sind die 18- bis 29-Jährigen, die wegen der Covid-19-Krise keinen Job finden, die Schule abbrechen, ihre Ausbildung unterbrechen müssen oder seit fast einem Jahr nur noch virtuell an der Hochschule unterrichtet werden – wenn überhaupt.

Ökonomen wie Emmanuelle Auriol von der Toulouse School of Economics befürchten, dass in wenigen Jahren die Qualifikation vieler Jugendlicher deutlich niedriger liegen wird als heute, ihre Unterbeschäftigung zunehmen wird, weil „die Lockdowns vor allem bei jungen Franzosen aus sozialschwachen Familien den Schulerfolg beeinträchtigen, während die Wohlhabenden ihre Kinder unterstützen können“.

Den Gegenpol zu diesen Befürchtungen bildet der Chef des französischen Unternehmerverbandes Geoffroy Roux de Bézieux: „Die Formel der geopferten Generation geht völlig an der Wirklichkeit vorbei: Wir zählen in diesem Jahr mehr als 400.000 Auszubildende, das ist ein neuer Rekord“, sagt er dem Handelsblatt. Wie sich die Wirtschaft im nächsten Jahr entwickeln werde, sei derzeit überhaupt nicht absehbar, doch nichts spreche dafür, dass die Jugendlichen einer düsteren Zukunft entgegengingen.

Wer hat nun recht?

Fragt man die Jugendlichen selbst, ergibt sich ein äußerst kontrastreiches Bild. Sie liefern Belege für eine hohe subjektive Betroffenheit: Deutlich mehr als die Hälfte sagt in repräsentativen Befragungen, die Gesellschaft verwehre ihnen einen angemessenen Platz.

Fast neun von zehn denken, dass sie in den nächsten Jahrzehnten für die während der Krise aufgenommenen Schulden geradestehen müssen, acht von zehn meinen, dass sie kein normales soziales und affektives Leben haben werden. Doch nur knapp über die Hälfte glaubt, wirklich einer „geopferten Generation“ anzugehören. Und noch paradoxer: Mehr als sechs von zehn sagen, dass sie optimistisch in die Zukunft sehen.

Schon diese wenigen Schlaglichter zeigen, dass der Ausdruck „geopferte Generation“ wohl übertrieben ist. Es geht nicht um eine ganze Generation, wohl aber um viele von denen, die heute in der Ausbildung sind oder sich zum ersten Mal um einen Job bemühen. Je nach sozialer Herkunft, nach Ausbildungsgang und Branche ist das Bild etwas anders.

Der Cercle des économistes, Frankreichs wichtigste Vereinigung von Ökonomen, veranstaltete kürzlich eine Konferenz zum Thema, bei der viele Jugendliche zu Wort kamen. Sie wiesen darauf hin, dass zwanzig bis dreißig Prozent von ihnen unter Depressionen litten. Eine beträchtliche Zahl sei auf Lebensmittelspenden karitativer Organisationen angewiesen, hätten nicht genug Geld zum Leben, weil ihre Minijobs gestrichen wurden.

Bleuenn Laot, die eine Ausbildung zur Krankenpflegerin macht, stellte dar, was die Krise für sie und ihre Kolleginnen bedeutet: „15.000 bis 20.000 von uns wurden gebeten, unseren Unterricht abzubrechen, um als Nothilfe in den überlasteten Krankenhäusern zu arbeiten.“ Unerfahren und mit rudimentären Kenntnissen ausgestattet habe das einige überfordert.

Mehrere Monate lang konnten sie ihre Ausbildung nicht fortführen. „Das Schlimmste aber ist, dass wir bis heute nicht wissen, ob wir das verpasste irgendwann nachholen können oder ob wir mit unserem lückenhaften Wissen in den Beruf gehen müssen.“

Viele Studenten haben ebenfalls mit großen Hindernissen zu kämpfen. Wer in diesem Jahr frisch an die Uni kam, hat nie gelernt, sich in die neue Umgebung zu integrieren, den Arbeitsstil aufzunehmen, der ganz anders ist als an der Schule, oder auch nur Kommilitonen für eine Lerngruppe zu finden: Die Lehrveranstaltungen fanden bestenfalls virtuell statt. Wer dagegen kurz vor dem Abschluss steht, konnte oft die geforderten Praktika nicht leisten, weil die beiden Lockdowns das unmöglich machten.

Der Staat hat viel Geld bereitgestellt für Programme, die „Garantie für Jugendliche“ oder „Ein Jugendlicher, ein Job“ heißen und beispielsweise Arbeitgeber durch Zuschüsse dazu ermutigen sollen, trotz unsicherer Geschäftslage Jobs oder Ausbildungsplätze anzubieten.

Qualität der Ausbildung leidet unter Fernunterricht

Eine gewisse Wirkung müssen sie gehabt haben, weil im dritten Quartal die Arbeitslosenquote der 15- bis 24-Jährigen mit knapp 23 Prozent „nur“ drei Prozentpunkte höher lag als ein Jahr zuvor. Aber abgesehen davon: 23 Prozent ist ein sehr hoher Wert, viele Zuschüsse werden im kommenden Jahr auslaufen und die große Pleitewelle in den Unternehmen, die Jobchancen massiv verschlechtern wird, dürfte erst nächstes Jahr anrollen.

Im November gab es 30 Prozent weniger Insolvenzen als vor einem Jahr – nicht etwa, weil die Lage so gut ist, sondern einfach, weil die Verwaltungen nicht normal arbeiteten und viele Unternehmensschließungen nicht abgewickelt werden konnten. Auch das zeigt, was 2021 erst noch auf die Wirtschaft zukommen wird.

Denis Ferrand, Chef des arbeitgebernahen Wirtschaftsforschungsinstituts Rexecode, hält ebenfalls nichts vom Schlagwort „geopferte Generation“. Doch er stimmt auch nicht in die Euphorie des Verbandschefs Roux de Bézieux ein: „Zahlenmäßig gibt es mehr Auszubildende, doch die Qualität der Ausbildung ist viel schlechter, weil sie per Videokonferenz erfolgt.“

Irgendeinen Job finde am Ende fast jeder. Doch aus der empirischen Wirtschaftsforschung sei bekannt, dass in sehr vielen Fällen die erste Einstellung den Karriereverlauf bestimme: „Geschieht das während der Hochkonjunktur, liegt das Lebenseinkommen hoch, ist es dagegen während der Krise, wird es niedrig sein.“

Das Einstiegsniveau sei extrem wichtig, „aber das eigentliche Problem ist, dass es in den späteren Jahren zu wenige Möglichkeiten gibt, das zu kompensieren, daran müssen wir arbeiten, statt die Jugendlichen zu bedauern und ihnen zu suggerieren, dass ihr Schicksal besiegelt ist“.

Frankreich habe ein besonderes Problem mit seiner Managementkultur: Es werde zu wenig darauf geachtet, Menschen mit einem niedrigen Einstiegsgehalt einen Übergang in besser bezahlte Funktionen zu bieten. „Es ist unfassbar, wer bei uns mit einem Mindestlohn anfängt, beendet seine Karriere oft mit dem Mindestlohn“, empört sich Ferrand. Lobende Worte findet der Ökonom für Laurent Bergé, den Chef der reformerischen Gewerkschaft CFDT: „Der kämpft seit Langem darum, diese Starrheit zu überwinden.“

Schon vor der Covid-19-Krise hatten sich die Arbeitsmarktbedingungen für Berufseinsteiger verschlechtert. 25 Prozent derer, die 1992 ihren Uni-Abschluss machten, arbeiteten fünf Jahre später unterhalb ihrer Qualifikation. Dreizehn Jahre später hatte sich dieser Anteil auf 50 Prozent erhöht.

Längst nicht alle Angehörigen der „Generation Covid“ werden es im Beruf schwerer haben als frühere Generationen. Aber die Aussichten, ein sorgenfreies und erfülltes Leben zu führen, sind definitiv schlechter. „Es ist nicht einfach, wenn man heute 20 Jahre als ist“, sagte Staatspräsident Emmanuel Macron kürzlich in einem Interview. In den letzten beiden Jahren seiner Amtszeit könnte er etwas dafür tun, dass es ein wenig einfacher wird.

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