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Frank Thelen investiert Millionen in Start-up Smartlane

Investor Frank Thelen (Getty)


Unternehmerin Monja Mühling will die Logistik digitalisieren. Ihr neuer Investor Frank Thelen hält Smartlane für einen möglichen „europäischen Tech-Champion“.

Als einzige Frau auf der Bühne zu stehen ist Monja Mühling gewohnt. Selbstbewusst ließ die 30-Jährige im Mai beim Pitch auf der Investorenkonferenz VentureCon in München Fotos von Lastwagen und Informationen zu ihrem Unternehmen Smartlane über die Leinwand tanzen. Gleich zweimal trat sie vors Publikum: am Vormittag, um Kunden zu gewinnen, am Nachmittag, um Investoren zu locken.

Die Mühe lohnte sich: Nach der Präsentation kamen mehr als 20 Investoren auf das Team zu, erinnert sie sich.

Doch die Münchener Unternehmerin entschied sich für den Bonner Gründer und Investor Frank Thelen und seinen Wagniskapitalfonds Freigeist Capital, der nun mit einem hohen einstelligen Millionenbetrag in die 2015 gegründete Firma investiert, wie das Handelsblatt exklusiv erfuhr.

In kein anderes Unternehmen hat Thelen, bekannt durch das TV-Duell „Höhle der Löwen“, bislang mehr investiert. Aus gutem Grund, wie er findet. „Smartlane hat das Potenzial, ein europäischer Tech-Champion zu werden“, sagt er.
Tatsächlich könnte das Münchener Start-up dabei helfen, einen Markt zu revolutionieren, der immer noch zu großen Teilen von Telefon, Faxgerät und Excel-Tabellen dominiert wird: die Logistik. „Als ich anfing, mich mit der Idee von Smartlane zu befassen, konnte ich kaum glauben, wie analog das Geschäft in vielen Bereichen noch ist“, sagte Investor Thelen dem Handelsblatt. „Das wollen wir mit der Smartlane-Technologie nun ändern.“

Kern des Münchener Start-ups ist eine cloudbasierte Software, die Logistikfirmen dabei hilft, Flotten effizienter zu steuern. Die Technologie berücksichtigt Lieferzeitfenster, die Kapazitäten der Fahrer, Wünsche der Kunden und die Art und Größe der Flotte. Auf dieser Basis berechnen Algorithmen in wenigen Minuten die idealen Touren.

Das System lernt ständig dazu. Dafür nutzt es selbst entwickelte Künstliche Intelligenz, die Kartendaten von Here, Informationen über die Echtzeit-Verkehrslage sowie die Positionen der Fahrzeuge. „Transport Mining“ nennen die Gründer von Smartlane das Prinzip.

Wichtig für Investoren wie Thelen: Smartlane konnte mit seiner Technologie bereits große Kunden von der Technologie überzeugen, darunter die Deutsche Bahn, Fr. Meyer’s Sohn und Metro. Smartlane verspricht sich viel vom neuen Investor. „Frank Thelen und Freigeist boten viel mehr an als das, was Finanzinvestoren sonst mitbringen“, sagte Mühling.

So wird das Freigeist-Team die Gründerin mit Know-how und Kontakten unterstützen. Konkret bedeutet das: Thelen bringt nicht nur Geld ein, er und sein Team coachen die Gründerin und ihre Kollegen – und übernehmen durchaus auch operative Aufgaben. „Das ist unsere Philosophie“, sagt Thelen. „Geld ist der kleinste Teil, den wir einbringen.“
Thelens Freigeist-Kollege Alex Koch hilft den jungen Unternehmen bei der technologischen Weiterentwicklung, Marc Sieberger bei der Kommerzialisierung sowie im Aufbau der Organisation.

Thelen selbst unterstützt bei der Strategie – und öffnet Türen zu potenziellen Kunden und Partnern. Nachdem Freigeist in die Flugtaxi-Firma Lilium investiert hatte, war Sieberger dort zeitweise sogar Interims-Finanzchef. Diese Erfahrung beim Aufbau junger Unternehmen will das Freigeist-Team nun auch bei Smartlane einbringen.

Mit der Mischung aus den Zukunftsthemen Künstliche Intelligenz und Logistik hatte Smartlane schon früh Investoren angezogen. In der Frühphase stiegen das Family Office Ideenschaft Invest, der Hamburger Mobility Fund und der Next Logistics Accelerator ein, bei dem das Start-up auch ein Accelerator-Programm durchlief.

Die Seed-Investoren bleiben an Bord. Zudem nahm die Firma am Start-up-Programm Kickstart der TU München teil. Beim Vernetzen half das Investorennetzwerk BayStartup.

Bonner investieren eigenes Geld

Ein wichtiger Unterschied zwischen Thelens Freigeist-Fonds und anderen Wagniskapitalfinanciers ist, dass die Bonner nur ihr eigenes Geld investieren, das sie durch den Verkauf von Unternehmen wie ip.labs, Wunderlist, Mytaxi und an‧deren verdient haben. „Wir sind ein Gründerteam, das selbst schon mehrfach gemeinsam Unter‧nehmen aufgebaut hat“, sagt Thelen über Freigeist. „Deshalb verstehen wir uns nicht nur als Investoren, sondern immer auch als Unternehmer.“

Bislang hat Freigeist – auch durch die Investments in der Start-up-Show „Höhle der Löwen“ – in unterschiedlichste Felder investiert. Mal in Food-Firmen, mal in Mode-Start-ups. Einen klaren Fokus gab es bislang nicht. Doch das soll sich laut Thelen ändern: „Wir wollen uns künftig viel stärker auf Deep-Tech konzentrieren“, sagt er. Hochkomplexe Technologien also, die zum Beispiel Prozesse in der Industrie vereinfachen können.

So ein Unternehmen ist Smartlane. Die gebürtige Odenwälderin Mühling hatte das Unternehmen 2015 gemeinsam mit den Informatikern Florian Schimandl und Mathias Baur gegründet. Mühling studierte Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Technologie und Informatik im Grundstudium. Ein Interview im Rahmen ihrer Masterarbeit brachte sie mit den beiden zusammen, die sie daraufhin – noch während des bereits laufenden Exist-Gründerstipendiums – ins Team holten.

Der potenzielle Markt für Smartlane ist groß. So könnten zum Beispiel Einzelhandelsketten mit der Technologie die Belieferung ihrer Filialen oder von Endkunden organisieren. Thelen glaubt, dass Smartlane das Potenzial habe, eine Gegenmacht zu Amazons ausgeklügelter Logistik-Technologie zu werden. „Bislang haben Händler außerhalb von Amazon kaum Zugang zu solcher Technologie“, sagt er. „Smartlane wird das ändern.“

Die Nachfrage jedenfalls ist da: Gerade bei Themen wie der Flexibilisierung von Zustellzeit und -ort, automatisierten Echtzeit-Benachrichtigungen und Lieferungen am selben Tag wollen die Unternehmen verstärkt auf Digitalisierung setzen. Aktuell nutzen 54 Prozent der Firmen Big-Data-Analytik, zeigt eine Fraunhofer-Studie. In fünf Jahren wollen dies 83 Prozent tun. Künstliche Intelligenz haben bislang allerdings nur vier Prozent der Firmen im Einsatz – in fünf Jahren wollen dies immerhin 25 Prozent der Befragten ändern.

Mit dem Erlös aus der Finanzierungsrunde will das Start-up nun das Wachstum beschleunigen. „Wir wollen eine starke Marke aufbauen“, sagt Mühling. „Das Ziel ist, dass jeder, der seine Transportlogistik und die dahinterstehenden Prozesse automatisieren und optimieren will, zuerst an Smartlane denkt.“