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Fortschritte bei der Gleichstellung der Geschlechter – aber noch viel zu tun

Frauen sind auf dem Arbeitsmarkt zwar an Bord, aber auf einem anderen Deck als Männer. Beim Verdienst und Spitzenjob-Besetzung gibt es große Unterschiede.

Obwohl Frauen beim Start in den Beruf meist bessere Voraussetzungen mitbringen als Männer, werden sie im weiteren Verlauf des Arbeitslebens abgehängt. Foto: dpa

Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) hält es mit der Kanzlerin. Eine Schwalbe mache noch keinen Sommer, habe Angela Merkel bei einer Veranstaltung zu 100 Jahre Frauenwahlrecht gesagt. Das sehe sie genauso: „Nur weil einige hohe Führungspositionen mit Frauen besetzt sind, haben wir in Sachen Gleichstellung und Gleichberechtigung noch längst nicht alles erledigt“, sagte Giffey diese Woche im Interview mit dem Handelsblatt.

Wie es um die Gleichstellung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt bestellt ist, hat jetzt das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung untersucht. Kernergebnis: Obwohl Frauen beim Start in den Beruf meist bessere Voraussetzungen mitbringen als Männer, werden sie im weiteren Verlauf des Arbeitslebens abgehängt – bei der Bezahlung, bei der Besetzung von Führungspositionen oder der Präsenz in Betriebs- und Aufsichtsräten.

Dabei sind die Erkenntnisse der Düsseldorfer Wissenschaftler nicht wirklich neu: Sie bündeln nur drei Datenquellen – aus dem Mikrozensus, der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) oder vom Statistischen Bundesamt – zu einer Gesamtschau. So untersuchen sie den Stand der Gleichstellung in den sechs Bereichen Bildung, Erwerbsarbeit, Einkommen, Zeit, Sorgearbeit und Mitbestimmung.

Beim Start ins Berufsleben, also wenn sie die Schule verlassen, sind junge Frauen im Schnitt besser qualifiziert als Männer. Rund 38 Prozent der Schulabgänger haben das Abitur in der Tasche, hier liegen beide Geschlechter noch gleichauf. Doch haben Frauen häufiger als Männer die mittlere Reife, während es bei den Hauptschulabschlüssen umgekehrt ist.

Doch schon bei der Berufswahl fängt die Spreizung bei Verdiensten und Karriereoptionen an. Zwar haben die Frauen beim beruflichen Qualifikationsniveau fast zu den Männern aufgeschlossen. Doch entscheiden sie sich häufiger als Männer für einen meist schlechter bezahlten Dienstleistungsberuf und seltener für eine Karriere in der Industrie oder im Handwerk. 

„Die größte Herausforderung bleibt die starke Segregation bei der Einmündung in die Ausbildungsberufe“, schreiben die WSI-Forscher. In Ausbildungsberufen wie zum Kfz-Mechatroniker, Fachinformatiker oder Industriemechaniker liegt der Frauenanteil bei deutlich unter zehn Prozent. 

Die Segregation zeigt sich auch daran, dass es weiter typische Männer- oder Frauenberufe gibt. Gesundheits-, Reinigungs- oder soziale und kulturelle Dienstleistungsberufe sind zu mehr als 70 oder 80 Prozent von Frauen dominiert. In IT- oder naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen ist dagegen nicht einmal jeder vierte Beschäftigte weiblich, in oft gut bezahlten Fertigungsberufen nicht einmal jeder fünfte. 

Sieben von zehn Frauen sind erwerbstätig

Die Situation bei der Erwerbsarbeit fassen die Autoren Dietmar Hobler, Yvonne Lott, Svenja Pfahl und Karin Schulze Buschoff so zusammen: „Frauen sind an Bord, aber auf einem anderen Deck als Männer.“ Bei der Erwerbstätigenquote – also dem Anteil der Beschäftigten an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter – haben sie stark aufgeholt. 

Lag sie im Jahr der Wiedervereinigung nur bei 57 Prozent, so ist sie bis 2018 auf gut 72 Prozent gestiegen. Allerdings liegt die Erwerbsbeteiligung der Männer mit knapp 80 Prozent immer noch fast acht Prozentpunkte höher. 

Auch bei der „Qualität“ der Arbeit hinken die Frauen weiter hinterher. So waren 2017 von den knapp fünf Millionen Beschäftigten, die ausschließlich einen Minijob hatten, fast zwei Drittel (62 Prozent) Frauen. Bei befristeten Jobs gibt es dagegen kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern. 

Das Gründungsgeschehen in Deutschland ist immer noch eine Männerdomäne. Zwar hat sich die Zahl der selbstständigen Frauen zwischen 1991 und 2017 von rund 740.000 auf 1,25 Millionen Personen erhöht. Doch während der Frauenanteil an allen Selbstständigen bei gut einem Drittel liegt, sind mehr als 40 Prozent der Soloselbstständigen weiblich. Diese Einzelkämpfer ohne Angestellten gelten als besonders von Altersarmut bedroht, weil ihr Einkommen oft nicht ausreicht, um selbst vorsorgen zu können. 

Als eine der größten Baustellen auf dem Weg zur Gleichstellung sehen die WSI-Forscher den konstant hohen Anteil an Teilzeitbeschäftigungen unter Frauen. Fast jede zweite Frau, aber nur jeder zehnte Mann arbeitet wöchentlich weniger als 32 Stunden. Im Schnitt arbeiten Frauen mit 30,5 Stunden pro Woche rund acht Stunden weniger als ihre männlichen Kollegen. 

In Haushalten mit Kindern arbeiten fast alle Männer Vollzeit, während die Frauen mehrheitlich Teilzeit arbeiten. Das hat auch mit einer weiter sehr traditionellen Arbeitsteilung zu tun: Hausarbeit, Kindererziehung oder die Pflege von Angehörigen übernehmen in Paarhaushalten mit Kindern überwiegend die Mütter. Selbst wenn sie voll erwerbstätig sind, leisten sie einen deutlich höheren Anteil an unbezahlter Arbeit als die Väter.

Die Unterschiede bei der Ausbildungs- und Berufswahl und die hohe Teilzeitquote weiblicher Beschäftigter sind mitentscheidend für die bekannten Verdienstunterschieden zwischen Männern und Frauen. Der sogenannte Gender Pay Gap sei zwar in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen, liege aber immer noch bei 21 Prozent, heißt es in der WSI-Studie.

Hohes Niedriglohnrisiko

Das Risiko, dass ihr Vollzeitjob nur einen Niedriglohn abwirft, ist wegen der beschriebenen unterschiedlichen Berufswahlpräferenzen bei Frauen deutlich höher als bei Männern. Deshalb, aber auch wegen ihrer hohen Teilzeit- und der geringeren Erwerbstätigenquote sind Frauen häufiger als Männer auf die Unterstützung von Angehörigen angewiesen und seltener durch staatliche Transferleistungen abgesichert. Als Minijobberinnen erwerben sie zum Beispiel keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. 

Allerdings hat sich die Abhängigkeit vom Partner, anderen Angehörigen oder staatlichen Transferleistungen – zumindest was die Rente angeht – in den zurückliegenden Jahren leicht verringert. Bezogen Frauen 1992 noch ein um 69 Prozent niedrigeres durchschnittliches Alterseinkommen als Männer, so hat sich diese „Rentenlücke“ bis 2015 auf 53 Prozent verkleinert.

Auch in Fragen der Mitbestimmung müsse „noch viel bewegt werden, um Gleichstellung zu erreichen“, schreiben die WSI-Forscher. Gemessen an ihrem Anteil in den Belegschaften, sind Frauen in Gewerkschaften oder in Betriebsräten weiter unterrepräsentiert.

Die strenge 30-Prozent-Frauenquote, die für die Aufsichtsräte von rund 100 börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Konzernen gilt, wirke sich zwar positiv bei der Unternehmensmitbestimmung aus. Dennoch liege der Frauenanteil in den Aufsichtsgremien der 160 größten deutschen börsennotierten Unternehmen weiter nur bei 27 Prozent, kritisieren die gewerkschaftsnahen Forscher. Deutlich schlechter sieht es beim Frauenanteil in den Vorständen aus. 

Familienministerin Giffey und Justizministerin Christine Lambrecht wollen deshalb per Gesetz durchsetzen, dass im Vorstand von rund 70 börsennotierten und paritätisch mitbestimmten Unternehmen, die mehr als drei Vorstandsposten haben, mindestens eine Frau vertreten sein muss. Kein Unternehmen werde damit überfordert, sagte Giffey im Handelsblatt-Interview. „Es geht vielmehr um ein starkes Signal in die gesamte Gesellschaft.“ 

Ein solches Signal erhoffen sich auch die Autoren der WSI-Studie. „Wirtschaftliche Unabhängigkeit ist für die Verwirklichungschancen von Frauen und Männern von großer Bedeutung“, schreiben sie. Damit beide Geschlechter gleiche Verwirklichungschancen haben, müsse eine gleiche Beteiligung am Arbeitsmarkt, an wirtschaftlichen Entscheidungsprozessen und an der Besetzung von Top-Positionen möglich sein.