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Forscher: Müssen individualisierte Medizin verantwortungsvoll nutzen

Forscher verschiedener Wissenschaftsakademien haben einen verantwortungsvollen Umgang mit der sogenannten individualisierten Medizin gefordert, die maßgeschneiderte Therapien für Krankheiten ermöglicht. Die neuen Verfahren - zum Beispiel Analysen des Erbguts oder der Zell-Proteine - erschlössen "eine ganz neue Qualität unseres Verständnisses von Krankheitsursachen", sagte die Vizepräsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Bärbel Friedrich, am Donnerstag in Berlin. Mit ihrer Fortentwicklung seien aber auch "zahlreiche medizinische, ethische, rechtliche und ökonomische Fragen verbunden".

Mithilfe rechenstarker Computer lassen sich molekulare Informationen über Patienten - etwa über Defekte an Genen und Proteinen in den Zellen - heutzutage recht kostengünstig und in kurzer Zeit gewinnen. Die Erkenntnisse sollen dazu beitragen, präzisere Diagnosen zu stellen und vorbeugend gegen Krankheiten vorzugehen.

Die vor gut zehn Jahren vollendete Entschlüsselung der menschlichen DNA habe noch drei Milliarden Dollar gekostet, heute könne ein individuelles Genom binnen weniger Tage für nur wenige tausend Dollar entschlüsselt werden, sagte die Molekularbiologin Friedrich in Berlin. Forscher hoffen auf maßgeschneiderte, wirkungsvolle Therapien: Bei chronischen Erkrankungen wie Rheuma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes, aber auch bei Krebs oder HIV können genetische Varianten eines Patienten Hinweise darauf geben, welche Medikamente bei ihm wirksam sind und welche nicht.

Für die Stellungnahme sammelten mehr als 20 Wissenschaftler von der Leopoldina, der Akademie der Technikwissenschaften und der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften drei Jahre lang Informationen über den Stand der individualisierten Medizin. Sie empfahlen nun zum einen eine Stärkung der entsprechenden Forschung: "Wir sind nicht gut vorbereitet, was die Bereitstellung dieser Techniken für die Medizin und in den Universitätskliniken angeht", sagte Friedrich. Die Experten forderten Investitionen in diesen Bereich, denn eine flächendeckende Anwendung individualisierter Medizin kann nach ihrer Ansicht langfristig Kosten im Gesundheitssystem sparen.

Der Bioinformatiker Thomas Lengauer sprach sich zudem für eine einheitliche Erhebung und Speicherung der massenhaft anfallenden Patientendaten in sogenannten Biobanken aus. Derzeit seien Patienten-Informationen oft bei verschiedenen Ärzten und Krankenhäusern gespeichert, was eine treffsichere Diagnose erschwere. "Wir brauchen die elektronische Patientenakte", forderte Lengauer.

Die Experten betonten zugleich die Bedeutung des Persönlichkeitsschutzes, um einen Missbrauch sensibler Patientendaten zu verhindern. Bereits jetzt gebe es eine Verpflichtung, die Einwilligung des Patienten für die Datensammlung einzuholen und diese im Anschluss zu anonymisieren, sagte Lengauer. Leopoldina-Vize Friedrich hob hervor, dass Patientenvertreter den Analysemethoden offen gegenüberstünden. Dem steigenden Beratungsbedarf von Ärzten und Patienten müsse aber Rechnung getragen werden - etwa über eine Internetplattform zur individualisierten Medizin, heißt es in der Stellungnahme.

+++ Die Stellungnahme im Internet: http://www.leopoldina.org/uploads/tx_leopublication/2014_Stellungnahme_IndividualisierteMedizin.pdf +++