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F1-Rennen Bel-gähn 2020: Hamilton holt nur 25 statt 26 Punkte!

Christian Nimmervoll
·Lesedauer: 6 Min.

Lewis Hamilton ist dem siebenten WM-Titel einen weiteren Schritt näher gekommen. Der Mercedes-Pilot hat in Spa-Francorchamps den Grand Prix von Belgien vor seinem Teamkollegen Valtteri Bottas und Max Verstappen (Red Bull) gewonnen und führt in der Fahrerwertung nach sieben von 17 Rennen der Formel-1-Saison 2020 jetzt 47 Punkte vor Verstappen.

Zum kompletten Ergebnis des Belgien-GP!

Übermäßig spannend war das Rennen nicht. Das merkt man auch an den internen Headline-Vorschlägen unserer Kollegen vom Motorsport Network. Da wurde als möglicher Entwurf vorgeschlagen: "Hamilton: Mercedes-Fabrik vom Gewinnen so gelangweilt, dass sie nicht einmal mehr jubeln". Was Spa 2020 ziemlich gut zusammenfasst.

Hamiltons fünfter Sieg im siebten Rennen hatte nur einen Schönheitsfehler: Den Bonuspunkt für die schnellste Runde, den er nach 43 von 44 Runden noch in der Tasche wähnte, verlor er in der letzten Runde an Daniel Ricciardo. Der Renault-Pilot fuhr auf P4 im Niemandsland und hob sich seine Attacke für die allerletzte Runde auf, sodass Hamilton nicht mehr kontern konnte.

Hamilton: "Das war nicht das leichteste Rennen"

Die wenigen brisanten Momente, die es zu überstehen galt, hat Mercedes weltmeisterlich geregelt. Etwa den Start, wo Hamilton und Bottas zu keinem Zeitpunkt in Gefahr waren. Die internen Spannungen, als Bottas den Powerknopf drücken wollte, ihn sein Renningenieur aber informierte, dass das gegen den eigenen Teamkollegen nicht erlaubt sei.

Hamiltons Verbremser in der Bus-Stop-Schikane in Runde 37, als das Rennen praktisch schon gelaufen war. Oder auch den Doppelstopp in Runde 11, während der Safety-Car-Phase, als Bottas kurz hinter Hamilton warten musste, aber schon genug Vorsprung hatte, um seinen zweiten Platz gegen Verstappen hauchdünn zu verteidigen.

 

Und als Hamilton Toto Wolff in Runde 16 mit dem Boxenfunk "Loss of Power" einen Herzinfarkt bescherte, konnte Renningenieur Peter Bonnington binnen Sekunden Entwarnung geben: "Lewis, das ist nur Energiemanagement." Trotzdem beteuert der sechsmalige Weltmeister, der am Ende 15,5 Sekunden Vorsprung auf den ersten Nicht-Mercedes hatte: "War nicht das leichteste Rennen."

Er habe einmal einen Verbremser bei Les Combes gehabt, berichtet Hamilton, "und von da an fingen Vibrationen an. Die Reifentemperaturen fielen nach und nach in den Keller, ganz egal, wie viel Gas ich gegeben habe." Danach habe er Angst vor einem "Silverstone-Szenario" gehabt, aber: "Ich habe es mir angeschaut. War noch genug Gummi drauf. Wohl nicht so schlimm."

Wolff: "Am Ende "war ein bisschen Zittern dabei"

Mercedes-Teamchef Wolff sieht das anders: "Am Ende war es auf der Einstoppstrategie total marginal. Wir hatten überhaupt keinen Gummi mehr. Vibrationen ohne Ende, auch Verstappen. Da kann natürlich von einer Sekunde auf die andere der Reifen kaputtgehen. Du hast einen Platten und dann verlierst du das Rennen. Deswegen war am Ende ein bisschen Zittern dabei."

Die Wahrheit ist: Nur einmal hieß es für die Fans kurz Luft anhalten, als über die TV-Schirme ein regelrechtes Schlachtfeld voller Wrackteile flatterte. Zwischen den Kurven 13 und 14 war es in Runde 10 zu einem Crash mit Antonio Giovinazzi (Alfa Romeo) und George Russell (Williams) gekommen. Zum Glück blieben dabei beide unverletzt.

 

Was zunächst eine Kollision vermuten ließ, war tatsächlich nur Giovinazzi, der die Kontrolle über seinen Alfa verlor, und Russell, dessen rechte Vorderradaufhängung von einem losen Rad getroffen wurde. "Ich habe am Kurvenausgang plötzlich Übersteuern bekommen. Ich habe einfach zu viel gepusht", gibt Giovinazzi zu.

Russell atmet nach der Schrecksekunde auf: "Ich hatte Glück im Unglück. Ich wollte links ausweichen, doch dann hat mich der Reifen getroffen. Ich bin frustriert, weil wir bis dahin ein tolles Rennen hatten. Aber andererseits glücklich, dass wir heutzutage Halo an den Autos haben. Sonst hätte das viel schlimmer ausgehen können."

Räikkönen wird bester Ferrari-Pilot

Möglich, dass für Giovinazzi bei Alfa Romeo die Luft im Hinblick auf ein Stammcockpit 2021 langsam dünn wird. Schon vor einem Jahr hat er in Spa ein Rennen wegen eines Fahrfehlers weggeschmissen. Und mit Callum Ilott, Robert Schwarzman und Mick Schumacher scharren drei Ferrari-Junioren in den Startlöchern, die ihn ablösen könnten.

Punkte hätte es für Giovinazzi sowieso nicht gegeben, denn Teamkollege Kimi Räikkönen, der zum Zeitpunkt des Unfalls in seinem Windschatten fuhr, belegte auch nur P12. Damit war der "Iceman" in Belgien bester Ferrari-Fahrer, denn Sebastian Vettel (13.) und Charles Leclerc (14.) konnten mit der Alfa-Romeo-Pace nicht mithalten.

 

Wie schlecht Ferrari war, zeigte sich mehrmals. Zum Beispiel, als Vettel von Räikkönen überholt wurde und sich nicht wehren konnte, auf identischen Reifen. Oder als der Boxenstopp von Leclerc mehr als zehn Sekunden dauerte. Oder auch beim direkten Duell der beiden in Runde 19, als sich Vettel nicht einfach überholen lassen wollte und es zu einer leichten Berührung kam.

"Ich hatte das Gefühl, dass wir einfach nicht mehr können", seufzt Vettel. "Kimi ist phasenweise von mir weggezogen. Das Ergebnis ist verdient. Wir waren nicht schnell genug. Es ist klar, dass sich bis nächste Woche und in den nächsten Wochen nichts dramatisch ändern wird. Trotzdem, glaube ich, waren wir dieses Rennen schlechter als die Rennen zuvor. Das müssen wir verstehen."

Renault im Aufwind - Gasly glänzt

Ganz anders das Fazit von Renault: "Nach einem so schlechten Wochenende wie in Barcelona so zurückzuschlagen, ist die beste Antwort", freut sich Esteban Ocon über seinen fünften Platz, unmittelbar hinter Ricciardo. Besonders zufriedenstellend: In der letzten Runde gewann er noch eine Position gegen Alexander Albon (Red Bull).

Albon war vor Ocon gestartet, hatte den Franzosen aber in der ersten Runde vorbeilassen müssen. Beim Boxenstopp ging der Thailänder wieder vorbei - und es dauerte bis in die letzte Runde, ehe Ocon zurückschlagen konnte. Die Reifen der beiden waren gleich alt, aber: "Vielleicht waren die Mediums nicht die richtige Entscheidung." Ocon hatte auf Hard den längeren Atem.

 

Und sonst? Pierre Gasly (AlphaTauri) startete als Einziger auf Hard und lag phasenweise an vierter Stelle. Am Ende wurde er Achter, 3,6 Sekunden hinter Lando Norris (McLaren) und 5,2 Sekunden vor Lance Stroll (Racing Point). Dessen Teamkollege Sergio Perez holte als Zehnter einen Punkt, trotz verpatzter Strategie, weil er während der Safety-Car-Phase nicht an die Box gekommen war.

"Mercedes gewinnen zu sehen", sagt Hamilton abschließend, "ist wahrscheinlich nicht das, was sich alle wünschen. Aber ganz egal, wie viel wir gewinnen: Wir bleiben konzentriert. Unsere Jungs feiern nicht, sondern gehen zurück ins Büro und überlegen sich, wie wir auch das nächste Rennen gewinnen können." Das schon in einer Woche in Monza stattfindet.

Paddock live: Der Rennsonntag in Spa-Francorchamps im Ticker

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.