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Ein Karneval ohne Touristen – Venedig steckt in der Krise

Die Hotels in Venedig bleiben zum Karneval größtenteils leer. Schuld ist nicht nur das schlechte Krisenmanagement, sondern auch das Wegbleiben der Chinesen.

Erst kam das Hochwasser – und jetzt bleiben auch noch viele chinesische Touristen wegen des Coronavirus weg. Foto: dpa

An diesem Wochenende beginnt der Karneval in Venedig. Er dauert zwei Wochen, nicht bloß ein paar Tage wie in Deutschland. Touristen aus aller Welt kommen zum „Carnevale di Venezia“ und staunen über die vielen kunstvollen Masken und die prächtigen historischen Kostüme. Jeden Tag gibt es kulturelle Events und Umzüge entlang der Kanäle und auf dem Markusplatz.

Doch dieses Jahr wird es anders. „Es ist richtig leer“, sagt Daniele D’Este. Er ist Gondoliere und wartet an der Riva degli Schiavoni direkt vor dem berühmten Hotel Danieli auf Kunden. „Ein Freund, der dort arbeitet, sagte mir, dass nur 60 der 250 Zimmer reserviert seien“, berichtet er.

Chinesische Touristen, die gerade in dieser Jahreszeit kämen, hätte er seit Tagen nicht mehr gesehen, und nur wenige Amerikaner seien mit seiner Gondel durch die Kanäle gefahren. „Hoffentlich kommen jetzt zum Karneval wenigstens die Franzosen, Engländer und Deutschen.“

Die Stadt ist in der Krise. Erst das Hochwasser Mitte November, dann der Ausbruch des Coronavirus haben dem Tourismus geschadet. Auf rund 60 Millionen Euro Verlust schätzt der Verband der Hoteliers von Venedig den Schaden durch die beiden Faktoren. Schon zum Jahreswechsel seien die Buchungen um die Hälfte zurückgegangen.

„Während des Karnevals liegt die Beschäftigungsquote in den Hotels bei 100 Prozent“, sagt Claudio Scarpa, Direktor des Verbands, der 400 Hotels in Venedig vertritt, in denen 10.000 Menschen arbeiten. „Jetzt sind wir bei einem Rückgang von 30 Prozent und wir gehen davon aus, dass das noch schlimmer wird.“ Und es treffe nicht nur Hotels, sondern auch Restaurants, Händler und örtliche Kunsthandwerker.

Flugverbindungen von und nach China sind eingestellt

Wegen des Ausbruchs des Coronavirus ist der Tourismus aus China eingebrochen, der für Italien zu den wichtigsten Märkten gehört. Die Flugverbindungen von und nach China sind eingestellt. Normalerweise kommen große Reisegruppen rund um das chinesische Neujahrsfest – und damit zur Nachsaison in Italien. Venedig gehört wie Florenz und Rom zum festen Teil des Besuchsprogramms.

„Jetzt überlegen auch viele Touristen aus den USA, lieber zu Hause zu bleiben“, sagt Scarpa. Noch sei der Einbruch zu Karneval nicht übermäßig, meint Paola Mar, die Stadträtin für Tourismus. Aber es sehe danach aus, dass es im März nicht besser werde, eher schlechter. „Wir hoffen aber, dass wir das auffangen können mit europäischen Touristen.“  

Den ersten Einbruch bei den Buchungen brachte das Jahrhunderthochwasser am 13. November. Das Wasser stieg entlang der Kanäle so schnell, dass die Touristen kaum hinterherkamen mit dem Kauf von Wasserstiefeln. In den Hotels liefen die Keller voll, die Heizungen fielen aus und die Aufzüge.

Der Markusplatz wurde erst mit hölzernen Gehstegen ausgerüstet, dann ganz gesperrt. Giuseppe, ein Kellner im Café Florian an der Piazza, stellt die berühmte heiße Schokolade vorsichtig auf den Tisch und erinnert sich. „Wir sind ja Hochwasser gewohnt, aber im November war es wirklich schlimm“, sagt er mit gedämpfter Stimme und deutet auf die Sitzbank aus rotem Samt, die sich im ältesten Café der Welt die ganze Wand entlang zieht.

„Das Wasser hat die ganzen Polster kaputt gemacht“, sagt er. Eine Woche lang hatte das 1720 eröffnete Caféhaus geschlossen, um die Schäden zu beseitigen und die Bänke mit frischen Polstern zu bespannen. „Wir müssen schnell sein, wir haben gar keine andere Wahl“, stellt er klar.

Frust der Venezianer

Giuseppe spiegelt die Haltung vieler Venezianer wider. In ihren Pragmatismus hat sich längst Frust gemischt. Denn die Einwohner klagen darüber, dass das Leben für sie immer schwerer und immer teurer wird.

„Hochwasser hat es immer gegeben und wir sind gut darauf vorbereitet und können damit umgehen“, sagt Stefano Polizzi, Physikprofessor und Umweltaktivist, der mitten in Venedig wohnt. Doch das habe immer nur ein paar Tage gedauert, jetzt aber kämen die Überflutungen häufiger – für ihn ein Beleg für den Klimawandel.

Das zweite große Problem für die Einwohner sind die Touristenmassen, vor allem im Sommer. Zu den Billig-Tagesausflüglern kommen die vielen Menschen von den Kreuzfahrtschiffen, die immer noch in die Lagune ganz nah an die Stadt fahren und an der Substanz Venedigs zehren. Keine Initiative hat es bisher geschafft, sie aus der Stadt zu verbannen.

„Es gibt so viel, was wir längst hätten tun sollen“, ärgert sich eine Unternehmerin, die einen Schmuckladen auf der Insel Murano besitzt und ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Wieso begrenzt niemand die Anzahl der Touristen, die pro Tag in die Stadt kommen? Wenn sich die Touristenmassen durch die engen Gassen schieben, kann doch keiner mehr Venedig genießen.“

Ihr ganzes Leben hat sie auf der Insel verbracht, die für ihre Glaskunst weltberühmt ist. Schmuck zu entwerfen ist ihre Leidenschaft, doch sie macht sich Sorgen, ob der Laden auch in den kommenden Jahren noch genügend Geld zum Leben abwirft.

„Niemand kämpft für uns“

Den Einbruch bei den Buchungen habe sie sofort gemerkt, sagt sie, auch wenn sie einräumt, dass ihr Verhältnis zu den Besuchern aus aller Welt zu einer Art Hassliebe geworden ist. Ihr Laden ist gegenüber einer Kirche mit einem kleinen Innenhof. „Im Sommer sitzen dort Touristen, essen Pizza und lassen dann ihren Müll liegen. Und ich muss sauber machen, damit es vor meinem Geschäft nicht schmutzig ist“, beschwert sie sich. „Wieso können die nicht ins Restaurant gehen?“

Sie fühlt sich wie viele andere Venezianer allein gelassen, vom Bürgermeister und den Politikern in Rom. „Niemand kämpft für uns. Dabei sind wir es, die die Stadt am Leben halten. Wie langweilig wäre Venedig, wenn man aus der Stadt ein Freiluftmuseum macht?“

Gerade die kleinen Künstler, die die Stadt so liebenswert machen, müsste die Politik fördern, fordert sie. Günstigere Mieten, weniger Steuern – da könnte man einiges bewegen. „Sonst wird die Stadt immer stärker polarisiert: Die teuren Designerläden auf der einen Seite und der billige Ramsch aus China auf der anderen. Die Mitte wird ausgehöhlt.“

Doch wenn der Tourismus weiter einbricht wie im Moment, werden sich die Bewohner bald nach Chinesen, Amerikanern und Europäern zurücksehnen.    

„Wieso begrenzt niemand die Anzahl der Touristen, die pro Tag in die Stadt kommen?“ Foto: dpa