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Flucht in die Bondmärkte: Renditen von Bundes- und US-Anleihen auf Rekordtiefs

Die Suche der Investoren nach Sicherheit findet kein Ende. In den USA wie in Deutschland werden neue Meilensteine am Anleihemarkt gesetzt.

Die Flucht der Investoren in sichere Staatsanleihen hat neue Dimensionen angenommen. Die Kurse steigen so rasant wie lange nicht. Im Gegenzug markieren die Renditen neue historische Tiefstände – sowohl in den USA als auch in Deutschland.

In den USA sackte die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihe in der Spitze um ein Drittel beziehungsweise 0,27 Prozentpunkte auf bis zu 0,66 Prozent ab. So einen deutlichen Renditerutsch gab es seit fast zehn Jahren nicht. Üblicherweise gelten bei Renditen von sicheren Staatsanleihen bereits Tagesveränderungen von 0,05 Prozentpunkten als deutlich. Die zehnjährige US-Staatsanleihe gilt als wichtigster Bond weltweit.

Bis zum späten Freitagabend stieg die Rendite der zehnjährigen Treasuries genannten US-Zinspapiere wieder auf 0,76 Prozent. Damit lag sie immer noch auf einem historisch niedrigen Schlussstand. Anfang des Jahres rentierten zehnjährige US-Bonds noch mit 1,9 Prozent, Ende 2018 waren es mehr als drei Prozent.

Die Unsicherheit mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus macht Investoren extrem nervös, und das zeigt sich eben am Anleihemarkt besonders deutlich. „Es ist ein verrückter Markt“, sagt Shaun ‧Roach, einer der Chefvolkswirte bei der Ratingagentur S & P Global.

Dass Roach recht hat, zeigt sich nicht nur bei der zehnjährigen US-Staatsanleihe, sondern auch bei anderen Laufzeiten und in anderen Ländern. Die Rendite 30-jähriger ‧Treasuries markierte am Freitag mit 1,19 Prozent ein Rekordtief und sackte sogar noch stärker ab als die der Zehnjährigen.

Selbst der am längsten laufende Bond der Euro-Zone, die in 100 Jahren fällige österreichische Staatsanleihe, wirft für Neukäufer eine Rendite von weniger als einem halben Prozent ab. Das ist ebenfalls so wenig wie noch nie.

In Deutschland sackten die Renditen zum Wochenende weniger deutlich ab als in den USA, aber auch das reichte für neue Meilensteine. Mit zwischenzeitlich minus 0,745 Prozent markierte die zehnjährige Bundesanleihe hauchdünn ebenso ein Rekordtief wie die 30-jährige mit minus 0,35 Prozent. Anfang des Jahres lag die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe bei minus 0,17 Prozent, bei der 30-jährigen waren es plus 0,35 Prozent.

Ihre letzten historischen Tiefstände hatten deutsche Bundesanleihen im August vergangenen Jahres erreicht. Damals drohte der Handelsstreit zwischen den USA und China zu eskalieren und ließ Anleger eine Rezession fürchten. Auch die Aktienmärkte brachen damals kurz ein.

Mit der Entspannung im Handelsstreit legten jedoch auch die Aktienmärkte bis Ende des vergangenen Jahres wieder zu, und Investoren zogen sich aus Anleihen zurück. Die Ängste der Investoren vor einem Rückschlag in der Weltwirtschaft sind an den Anleihemärkten aber schon längere Zeit ausgeprägter als bei Aktien. Bei Anleihen sinken die Renditen schließlich schon länger als die Kurse an den Aktienmärkten.

Die aktuelle Bewegung an allen Märkten zeigt ganz deutlich, dass die Investoren zurück im Krisenmodus sind: Die Großanleger fliehen aus riskanteren Anlageklassen wie Aktien und Rohstoffen und parken ihr Geld in Bonds.

Null Prozent in den USA?

Experten gehen davon aus, dass dies so weitergeht. „Renditen von null Prozent sind weltweit vorstellbar“, sagt Roach von S & P Global. Er ist nicht der einzige Ökonom, der in diese Richtung denkt.

Der ehemalige US-Notenbankchef Alan Greenspan schließt selbst für 30-jährige US-Anleihen eine Rendite von null Prozent oder sogar darunter nicht mehr aus. „Es gibt keine Untergrenze mehr“, sagte Greenspan in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Vor allem in Europa und Japan liegen die Renditen schon lange unter null Prozent. Dabei geht es weltweit um Anleihen im Wert von 14,4 Billionen Dollar. Das sind drei Billionen mehr als Mitte Januar und damit vor der Zeit, als sich das Coronavirus von China aus über die Welt verbreitete. Minusrenditen bedeuten, dass Investoren, die Anleihen heute kaufen und bis zur Fälligkeit halten, inklusive Zinszahlungen weniger Geld zurückbekommen, als sie angelegt haben.

Zinssenkungen erwartet

Bei der Anleihenrally spielt auch die Hoffnung der Investoren auf weitere Zinssenkungen der Notenbanken eine Rolle. Die US-Notenbank (Fed) hatte am Dienstag überraschend ihren Leitzins um einen halben Prozentpunkt auf eine Spanne zwischen 1,0 und 1,25 Prozent gesenkt. Es war die erste Zinssenkung der Fed außerhalb einer regulären Sitzung des geldpolitischen Ausschusses seit der Finanzkrise.

Investoren gehen davon aus, dass die Fed die Leitzinsen weiter senken wird. „Die Märkte spiegeln schon jetzt eine weitere Leitzinssenkung um einen halben Prozentpunkt bis März wider und nochmals 0,15 Prozentpunkte für April“, heißt es bei der Bank Barclays. Noch längerfristiger rücke ein Leitzins von null Prozent in den USA in greifbare Nähe.

Die US-Notenbanker werden ihre nächste Zinsentscheidung auf einer regulären Sitzung des geldpolitischen Ausschusses am 18. März treffen. Die Europäische Zentralbank (EZB) tagt schon am Donnerstag – und dabei steigt der Druck auf die europäischen Währungshüter. Jedoch hat die EZB weniger Spielraum für eine Lockerung der Geldpolitik als die Fed.

Der Leitzins für Ausleihungen liegt im Euro-Raum schon seit vier Jahren bei null Prozent. Der Einlagesatz, zu dem Banken über Nacht Geld bei der Notenbank parken, könnte aber noch weiter von derzeit minus 0,5 Prozent gesenkt werden. Cem Keltek, Analyst bei der Commerzbank, sagt dazu: „Aktuell ist eine Zinssenkung um 0,1 Prozentpunkte für die EZB-Sitzung in der nächsten Woche an den Märkten eingepreist.“

Außerdem würden die Märkte wohl erwarten, dass die EZB ihre Anleihekäufe ausweiten wird. Ihr umstrittenes Kaufprogramm für Anleihen hatten die europäischen Währungshüter im vergangenen November wieder aufgenommen. Seither kaufen sie pro Monat Anleihen – vor allem Staatspapiere – im Wert von 20 Milliarden Euro.

Das alles bedeutet: Die Rally an den Anleihemärkten ist noch nicht vorbei. Für die zehnjährige Bundesanleihe rufen Experten wie Suki Mann, bekannter unabhängiger Stratege der Website creditmarketdaily.com, schon minus 1,0 Prozent als Zielmarke für die Rendite dieser zehnjährigen Bundesanleihe aus.