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Ich flog nach Rumänien, um mich impfen zu lassen — und ich war nicht die Einzige

Marta Orosz
·Lesedauer: 7 Min.
Impftermin Anfang Januar 2021 in einem Krankenhaus in der rumänischen Hauptstadt Bukarest.
Impftermin Anfang Januar 2021 in einem Krankenhaus in der rumänischen Hauptstadt Bukarest.

Ich könnte unzählige psychologische und pragmatische Gründe aufzählen, warum ich meine Einladung zu einem Impftermin in Deutschland nicht abgewartet habe und mich in einem anderen Land impfen ließ. Im Kern geht es aber nur um eins: Ich hatte die Möglichkeit, mich sofort und unbürokratisch impfen zu lassen.

Als gesunde und junge Person ohne Vorerkrankungen wäre ich nach den diversen Impfrechnern in Deutschland erst im August mit dem ersten Impftermin dran. Mit zwei Staatsbürgerschaften gehöre ich aber zu denen, die sich in zwei EU-Ländern impfen lassen können. Für mich gab es diese Möglichkeit in Rumänien. Im rumänischen Registerportal konnte ich mir mit zwei Klicks einen sofortigen Impftermin reservieren. Kurz darauf habe ich meine Flüge gebucht.

Eine Impfkampagne, die in ihrer Effizienz überrascht

Rumänien mit seinen 20 Millionen Einwohnern ist, was das Impfen angeht, ein Paradox: Denn obwohl die medizinische Versorgung in vielen Fällen katastrophal ist, hat das Land eine überraschend effiziente Impfkampagne aufgestellt. Überraschend ist auch, dass trotz teilweise katastrophalen Zustände in den Krankenhäusern die Covid-Sterblichkeitsrate in Rumänien auf dem gleichen Niveau ist, wie in Deutschland. 2,50 Prozent der Infizierten starben in Rumänien, in Deutschland sind es 2,61 Prozent. Corona hat aber auch dieses Land nicht geschont, die aktuellen Inzidenzwerte in einzelnen Städten liegen weit über den deutschen Werten und die Zahl der Infizierten ist dadurch auch im Verhältnis höher als hierzulande.

Wie die Regierung das Land durch die Krise steuerte, konnte ich durch den regelmäßigen Austausch mit Familie und Freunden mitverfolgen. Auch dort sind die Unterschiede je nach Region groß – und auch dort sind die Demonstrationen der Corona-Leugner eine große Herausforderung für die Bekämpfung der Pandemie. Einiges lief aber in Rumänien anders: So wurde beispielsweise nach dem Ausbruch der Pandemie die Quarantänepflicht ernst genommen und Verstöße mit Geldstrafen geahndet. Schulschließungen dauerten mehrere Monate und Masken sind auch auf der Straße Pflicht.

Seit Mitte März ist die Anmeldung für alle offen

Auch als es zum Impfen kam, stellte das Land eine andere Strategie auf. Die Impfkampagne ging am 27. Dezember 2020 los: Priorität hatte das medizinische Personal und Mitarbeiter in öffentlichen und sozialen Einrichtungen, die sich durch ihre Arbeit mit Menschen täglich exponiert sind. Ab dem 15. Januar 2021 konnten sich dann auch Personen über 65, für Risikogruppen mit chronischen Krankheiten, aber auch Obdachlose und systemrelevante Berufe für einen Impftermin anmelden. Die Gruppe systemrelevanter Berufe hat das Land weit gefasst: So galten auch Lehrer, Journalisten und Mitarbeiter in der Verwaltung als systemrelevant. 

Ab dem 15. März öffnete das Online-Impfportal für die ganze Bevölkerung und folgte damit seiner auf zwei Säulen basierter Strategie. Wer sich schnell impfen lassen will, dem steht in erster Linie der Impfstoff von AstraZeneca zur Verfügung. Wer lieber auf die mRNA-Impfstoffe setzt, muss sich meistens auf eine Warteliste eintragen. Die Wartelisten, die im Schnitt 600 bis 2,500 Personen umfassen, priorisieren weiterhin automatisch die Risikogruppen.

Ich konnte aus drei Impfzentren wählen

So wird sichergestellt, dass Risikogruppen, ältere Menschen und systemrelevante Berufe weiterhin Priorität genießen und die Impfbereitschaft junger und gesunder Menschen, wie ich, zu keinen Engpässen führt. 

Eine Online-Karte zeigt die Verfügbarkeit in den rund 350 Impfzentren des Landes. So konnte ich mir den Stand in den einzelnen Impfzentren anschauen: Wo gibt es noch freie Termine? Welcher Impfstoff wird verabreicht? Mit einer Identifikationsnummer aus meinem Pass konnte ich mich über das Online-Portal registrieren. In die Universitätsstadt Klausenburg (Cluj-Napoca auf rumänisch) im Westen Rumäniens, wo meine Freunde wohnen und wohin es auch regelmäßige Direktflüge gibt, konnte ich aus drei Impfzentren wählen, die freie Termine hatten. 

Der zentrale Unterschied in der Strategie liegt darin, dass die Impfstoffe nicht zurückgehalten werden, um einer ursprünglich festgelegten Impfreihenfolge zu folgen. Dort, wo tausende von AstraZeneca-Impfdosen in den Kühlschränken liegen, gibt das System Termine frei. So gab es am Montag zum Beispiel über 65.000 freie Termine - zum Großteil AstraZeneca, einige wenige für Pfizer/Biontech und 2.400 für den Moderna Impfstoff. Vereinfacht wird alles dadurch, dass man unabhängig vom Wohnort sich überall anmelden und impfen lassen kann.

Das Impfzentrum, bei dem ich mich angemeldet habe, wurde in der Turnhalle eines Gymnasiums eingerichtet. Krankenschwestern, Ärzte und Helfer sorgten für einen schnellen Ablauf. Während die Helfer meinen Ausweis mit der Terminbestätigung abglichen, füllte ich einen Fragebogen aus. Es ging darum, ob ich chronische Krankheiten habe, Arzneimittel nehme und ob ich Unverträglichkeiten habe – der Fragebogen, den man oft auch beim regulären Arztbesuch in Deutschland ausfüllt. Ich musste auch unterschreiben, dass ich mich freiwillig zum Impfen entschieden habe.

Danach hat mich eine Krankenschwester in eine der separierten Räumlichkeiten geholt, wo ich die Impfung bekommen habe. Im Anschluss bekam ich die digital signierte Bescheinigung über die genauen Angaben zur Impfung und nach 15 Minuten durfte ich das Impfzentrum verlassen. 

AstraZeneca wird weiter verimpft - an alle Altersgruppen

An diesem Tag hätten sich hier noch 200 Personen impfen lassen können. Aber auch in Rumänien haben die Meldungen über die Thrombose-Risiken bei AstraZeneca zu etwa 200.000 Terminabsagen geführt. Zwar hat das Land noch keine Thrombosefälle im Zusammenhang mit dem Impfstoff registriert, dennoch beobachten die Behörden die Entwicklung und werden die Verabreichung der zweiten Dosis stoppen, wenn es entsprechende Erkenntnisse gibt. Bislang ist das zuständige Expertenteam jedoch der Meinung, dass AstraZeneca nicht weniger Risiken birgt, als alle anderen Impfstoffe und setzen das Impfen fort. 

Trotz besseren Zugangs zum Impfstoff hat Rumänien niedrigere Impfraten als Deutschland, wie die Zahlen der Universität Oxford zeigen. Stand 10. April wurde nur 11,74 Prozent der Bevölkerung geimpft, in Deutschland waren es 4 Prozent mehr. Die niedrige Impfrate liegt auch daran, dass es auch in Rumänien viele Bürger gibt, die dem Impfen skeptisch gegenüber stehen oder die Pandemie leugnen. Außerdem ist es für viele ältere Menschen in ländlichen Regionen nicht so einfach, sich online oder telefonisch registrieren zu lassen. Sie sollen ab Ende April von ihren Hausärzten geimpft werden.

In die AstraZeneca-Impfzentren zieht es vor allem die jüngeren Leute: Die, die wegen ihrer Arbeit oder schulpflichtigen Kindern sich nicht komplett isolieren können. Und die schnellstmöglich wieder reisen wollen.

Bekannte reisten auch nach Serbien und Ungarn

Ich bin nicht die einzige, die es ins Ausland zog für eine Impfung. Auch aus Belgien und Frankreich reisten Bekannte nach Ungarn oder Rumänien, um sich dort schnell impfen zu lassen. Einige Bekannte reisten nach Serbien, wo sie ohne Aufenthaltstitel sich auch als deutsche Staatsbürger impfen lassen konnten. Das Land hat zu viel bestellt, es blieb genügend Impfstoff übrig. Der andere Grund ist, dass nicht alle in Serbien bisher die Impfung erhalten haben, weil viele ihr skeptisch gegenüber stehen. Die serbischen Impfzentren waren teilweise rund um die Uhr geöffnet, um die Impfwilligen zu empfangen. Für diejenigen, die eine britische Krankenversicherungsnummer haben, steht der Weg offen, sich in Großbritannien impfen zu lassen.

 Nach meiner Erfahrung und Gesprächen mit sechs Personen aus Deutschland und Belgien, die sich ebenfalls in einem anderen Land impfen ließen, spricht nichts gegen einen solchen Versuch. Es lohnt sich jedoch abzuwägen, mit welcher Ansteckungsgefahr eine solche Reise einhergeht.

Trotz Impfung gelten die Lockdown-Regeln

Meine Freunde, die sich im Alter zwischen 30 und 45 impfen ließen, müssen sich in Rumänien weiterhin an die strengen Einschränkungen halten: Sie tragen überall Masken und halten sich an die Ausgangssperren. Doch in einer Pandemie, in der man sich seit einem Jahr der Situation ausgeliefert fühlt, hat die Entscheidung, sich impfen zu lassen, was Besonderes. Zum ersten Mal seit einem Jahr sind immer mehr Menschen in der Lage, selbst etwas gegen die Pandemie zu tun. 

Es war auch seit einiger Zeit für viele in meinem Freundeskreis in Rumänien das erste Mal seit März 2020, dass sie wieder sorglos mit ihren ebenfalls geimpften Eltern die Feiertage verbringen konnten. Ein winziger Schritt in die Normalität, der aber in der Pandemie auf einmal doch so viel bedeutet.