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„Ich fliege einen voll besetzten Jumbo-Jet und weiß nicht, wie viel Treibstoff noch im Tank ist“

·Lesedauer: 10 Min.

Tournee geplatzt, Varieté geschlossen, Märkte verboten – Bernhard Paul, Gründer des Circus Roncalli, kämpft ums Überleben. Was eine Entscheidung aus der Nazi-Diktatur damit zu tun hat.

Bernhard Paul, 73, gründete Roncalli 1975, damals noch gemeinsam mit dem Künstler André Heller. Roncalli gilt als einer der bekanntesten Zirkus-Betriebe der Welt. Geschäftssitz und Winterquartier von Roncalli ist Köln.

Herr Paul, seit Anfang der Woche ist Deutschland zum zweiten Mal in einem Lockdown, der im Prinzip alles betrifft, was in der Freizeit geschieht, vom Sport bis zur Kultur. Wie hart trifft es Roncalli?
Zum Circus Roncalli gehören ja die unterschiedlichsten Veranstaltungen. Vom Zirkus selbst über verschiedene Auftritte und Events bis zu Weihnachtsmärkten und zu unserem Varieté Apollo am Rheinufer in Düsseldorf. Dort hatten wir nun seit einer Woche ein neues Programm gespielt. Dazu haben wir Artisten aus der ganzen Welt zusammengeholt nach Düsseldorf, haben sie untergebracht, Proben durchgeführt, Kostüme geschneidert, Musik, Licht eingestellt, alles. Dann haben wir gespielt.

Mit Abstand?
Ja sicher, wir haben ein komplettes Hygienekonzept auf die Beine gestellt und gefühlt einen Quadratkilometer Plexiglas verarbeitet. Wir haben ein Verkehrssystem eingebaut, sodass es nur Einbahnwege gibt und die Leute einander nicht begegnen. Wir haben sogar die Pause abgeschafft, die eigentlich ein Teil des Konzepts ist, weil die Leute dann etwas essen und trinken; den Umsatz brauchen wir eigentlich, sonst geht es sich nicht aus. Wir haben eine Person extra angestellt, die dauernd mit Desinfektionsmitteln die Tische nachwischt. Alles, was man tun kann, haben wir gemacht. Das Apollo ist einer der sichersten Orte in ganz Düsseldorf. Statt 500 Sitzplätzen haben wir auf 180 Plätze reduziert. Und dann kam der zweite Lockdown – jetzt dürfen wir von einem Tag auf den anderen nicht mehr spielen.

Hätte sich das Programm bei dem Aufwand und den wenigen Zuschauern überhaupt gerechnet?
Nein, es rechnet sich eh alles nicht – indem wir spielen, machen wir schlicht weniger Minus. Von einem Plus reden wir ja überhaupt nicht. Denn die Kosten laufen weiter: Wir zahlen die volle Miete, von der uns der Vermieter nicht einen Euro nachlässt, wir zahlen Strom, wir zahlen für unser Personal – wenn man das Theater in der Früh aufsperrt, hat man schon die ersten Unkosten.

Normalerweise beschäftigt allein das Apollo 100 Mitarbeiter?
Ja, im Normalfall ist das so. Und für uns alle heißt es jetzt: Wir dürfen nicht mehr spielen. Als wir am Sonntagabend die vorerst letzte Vorstellung gegeben haben, haben alle geheult. Das Publikum hat mit uns geweint, die haben gemerkt, dass wir alle tief bewegt sind, weil wir wieder nicht spielen dürfen, nachdem wir acht Monate lang auf den Fingernägeln gekaut haben. Aber wir sind ja nicht allein – das Showbusiness weltweit ist zum Erliegen gekommen. Von Las Vegas bis zum Moulin Rouge oder Lido in Paris – sie spielen alle nicht. Wenn ein Krieg herrscht, kann man vielleicht noch in ein anderes Land ausweichen. Aber diesmal ist es weltweit, das hat es noch nie gegeben.

Für Sie fällt mehr weg als das Varieté – was mussten Sie noch streichen?
Nehmen Sie allein die acht Kreuzfahrtschiffe von TUI, wo wir das Programm machen. Die Schiffe fahren nicht. Events finden nicht statt: Der historische Weihnachtsmarkt, den wir in Hamburg schon ewig ausrichten – dürfen wir nicht öffnen. Der Weihnachtszirkus in Berlin im Tempodrom – keine Spielerlaubnis. Einen weiteren Weihnachtszirkus in Osnabrück – dürfen wir nicht. Das Einzige, was wir noch machen konnten, war das Apollo. Aber das ist jetzt auch wieder vorbei.

Der erste Schlag kam schon früh – ausgerechnet im Frühjahr wollte Roncalli mit seinem neuen Programm auf Tour gehen. Wie haben Sie das im März erlebt?
Wir waren tatsächlich in Deutschland die Ersten, die es getroffen hat in diesem Frühjahr. Wir hatten alles vorbereitet für die Premiere unseres neuen Programms. Wir hatten den ganzen Circus mit einem Sonderzug nach Recklinghausen gebracht, alles aufgebaut, eingeleuchtet, einstudiert. Dann kam die Generalprobe, am nächsten Tag, einem Samstag, sollte die Premiere sein unseres Programms „All for Art – Art for All“. Alles lief gut. Und in der Nacht kam der Bürgermeister und sagte: Ihr dürft morgen nicht spielen. Das zog uns den Boden unter den Füßen weg.

Was haben Sie getan?
Wir haben zwei, drei Tagen durchgeatmet und dabei abgebaut. Und uns gesagt, dann fangen wir eben woanders an, dann feiern wir in Köln Premiere. Es war schließlich als Tournee geplant, die hatten wir zwei Jahre lang vorbereitet. Und dann platzte uns ein Termin nach dem anderen weg, Köln, Düsseldorf, Wien – nichts ging mehr. Das zehrte an den Nerven, denn niemand konnte sagen, wie lange das dauern würde. Darum habe ich auch die Artisten nicht einfach wegschicken können, es hätte ja auch jeden Moment wieder losgehen können.

Dadurch stiegen die Kosten…
…es war gelinde gesagt eine richtige Scheiß-Situation. Allein der Auf- und Abbau in Recklinghausen hat uns 500.000 Euro gekostet. Ganz zu schweigen vom Aufbau, Strom, Platzgebühr, Wasser, Entsorgung und so weiter. Ich habe dann Armin Laschet…

…also dem Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen…
…aus Anlass der Situation gleich einen offenen Brief geschrieben und ihm die Lage geschildert: Wir brauchen eine Förderung, sonst können wir nicht existieren, wir haben 150 Leute im Zirkus und 100 Leute im Varieté, die alle nicht arbeiten dürfen. Die Antwort war, dass er mir die Adresse der NRW-Kulturbeauftragten zuschickte. Deren Antwort war, dass wir nicht Kultur seien!

Und dann?
Hat sie mich an das Wirtschaftsministerium verwiesen, und von dort habe ich die gleiche Antwort bekommen: Wir sind für Sie nicht zuständig. Daraufhin habe ich Armin Laschet noch einmal geschrieben, von dem ich immerhin den Großen Staatspreis des Landes bekommen habe, noch dazu sind wir Kulturbotschafter des Landes NRW. Auch waren wir für das Land bei der Weltausstellung in Sevilla und haben das Land bei einem Kulturaustausch in Moskau vertreten. Mir waren 1986 als erster Circus mit Wagen und Zelt in Moskau. Dafür habe ich sogar das Bundesverdienstkreuz bekommen.


Roncalli ist kulturell förderungswürdig

Viel Ehr...
Ja, und vor diesem Hintergrund habe ich gefragt: Warum gelten wir jetzt nicht als Kultur? Ich habe zudem seit vielen Jahren vom Kultusministerium den Bescheid, dass Roncalli kulturell förderungswürdig ist. Gründe genug, um zu fragen, warum wir nicht zur Kultur zählen? Wir zählen zum Gewerbe. Fällt denn niemanden auf, dass wir ein Orchester und Ballett beschäftigen?

Was geschah dann?
Nachdem ich von Ministerium zum Ministerium hin-und- hergeschoben wurde, habe ich einen Brief geschrieben und um einen Termin gebeten um unsere Situation zu schildern und um Roncalli zu retten. Schließlich habe ich 250 Arbeitsplätze zu sichern. Ich habe bis zum heutigen Tag nicht einen Mitarbeiter entlassen. Leider habe ich nach drei Monaten bis heute noch keine Antwort bekommen.

Was würde Roncalli helfen?
Es geht zunächst einmal darum, dass wir in die richtige Schublade kommen, Roncalli ist nicht Gewerbe, sondern Kultur. Dies zieht jede Menge Probleme nach sich: steuerlich, gewerblich und so weiter. Dadurch werden wir anders besteuert. Das allein macht schon das Überleben schwer. Besonders bitter ist es, wenn man weiß, seit wann Circus nicht als Kultur gilt.

Seit wann ist das so?
Das ist ein unsägliches Erbe aus der Zeit der Nazi-Diktatur. Im Dritten Reich hat der Propagandaminister Goebbels festgestellt, dass im Circus und in Cabarets sehr viele Juden arbeiten. Daraufhin hat er den Circus abqualifiziert, das sei „Afterkunst“ und hat ihn aus der Kultur ausgeschlossen und praktisch zu einer Art Gewerbe gemacht. Und seit dem Dritten Reich ist das nun so. Ich habe das allen Politikern von Helmut Kohl bis Armin Laschet erklärt, und alle haben gesagt, das könne ja nicht sein, sie wollten sich kümmern. Passiert ist bis heute nichts. Der Zirkus gilt bis heute in Deutschland nicht als Kultur. Obwohl er in der EU in allen anderen Ländern als Kultur gilt und auch noch gefördert wird.

Welche Folgen hat das?
Wir müssen Gewerbesteuer zahlen und einen ganzen Rattenschwanz an Vorschriften beachten wie jeder Handwerksbetrieb. Was denken Sie, in welcher Berufsgenossenschaft der Circus Roncalli angemeldet ist? Wir gehören zum Bereich Gastronomie! Sind Musiker Kellner oder die Tänzerinnen und das Ballett Serviererinnen? Es passt hinten und vorne nicht. Der Circus hat keine richtige Lobby, dabei muss er endlich einmal in das richtige Raster kommen, sonst rutschen wir wieder durch alles durch und uns wird nicht geholfen. Circus ist Kultur. Was denn sonst?!

Das klingt, als helfen Ihnen die angekündigten 75 Prozent Ausfallgeld, die Wirtschaftsminister Altmaier angekündigt hat für den laufenden Monat, auch nicht weiter?
Erstens mal wurde es angekündigt, das heißt noch nicht, dass wir es kriegen. Dann redet er nur von einem Monat , aber wir sind schon acht Monate ohne Einnahmen. Das würde allein das Apollo betreffen – und es würde nichts groß ändern.

Warum nicht?
Dafür könnten wir in dem Monat gerade die Miete zahlen und Unkosten decken. Es ist ja nicht so, dass wir, wenn wir spielen, riesige Gewinne einfahren. Und mit dem Circus fallen wir, wie gesagt, komplett durch alle Raster. Wenn ich die Einnahmen beim Circus jetzt als Säule von 0 bis 100 Prozent hoch darstelle, dann fallen zunächst 80 Prozent Kosten an: Wir zahlen Miete, Strom, Heizung, Klimaanlage, Personal, die Künstler, die Reisen, die Unterbringung der Artisten, Beleuchter, Tontechniker, Orchester und, und, und. Der mögliche Gewinn bleibt bei 20 Prozent. Es ist also nicht so, dass wir mit dem Circus riesige Gewinne einfahren. Staatstheater beispielsweise können leicht mit der vollen Hose stinken, die kriegen ja trotzdem ihr Geld weiter, ob sie nun 100 Sitzplätze verkaufen oder 900, sie bekommen sie bezahlt. Wir bekommen nichts – obwohl wir bei Roncalli schon immer auf alle Dinge achten, die heute so wichtig geworden sind.

Was meinen Sie?
Wir sind seit drei Jahren ein Circustheater, weil wir alle Tiere abgeschafft haben, wir sind plastikfrei, wir verkaufen nur Bioprodukte. Selbst bei Produkten achten wir auf plastikfreie Verpackungen. Wegen unserer Philosophie wurden wir von den herkömmlichen Zirkussen lange angefeindet, wir würden den Zirkus killen. Heute machen sie uns alle nach. Wäre alles geblieben wie in den 50er Jahren, gäbe es schon lange keinen Zirkus mehr – man muss sich bewegen. Und das haben wir auch immer gemacht.

Was passiert mit Roncalli, wenn Sie keine Unterstützung bekommen?
Wir kämpfen die ganze Zeit, wir senken unsere Kosten, wir kürzen unsere Steuervorauszahlung – alles, um flüssig zu bleiben und die laufenden Unkosten zu bezahlen. Und wir zehren unsere eigenen Reserven auf, mit denen wir eigentlich ein eigenes Zirkusmuseum in Köln aufbauen wollten. Aber auch das ist von der Stadt auf Sankt Nimmerlein vertagt. Ich warte seit Jahren auf eine Genehmigung. Die beste Förderung ist weniger Behinderung. Es macht ja keinen Sinn, den Zirkus hoch zu besteuern und dann zu fördern mit demselben Geld. Aber viel Hoffnung habe ich da nicht. Denn da werde ich wie ein Unwissender von einem zum anderen herumgeschickt. Das ist schlimmer als bei Kafka.

Wie lange halten Sie das noch durch?
Sie müssen es sich so vorstellen: Gefahr liegt in der Luft, aber man funktioniert noch. Ich habe einige Ideen, was wir tun können, aber das ist noch nicht spruchreif. Und niemand kann sagen, dass es nächstes Jahr besser wird. Wissen Sie – es fühlt sich so an: Ich fliege einen voll besetzten Jumbo-Jet und weiß nicht, wie viel Treibstoff noch im Tank ist. Noch fliege ich und reagiere – auf Wind, den Kompass, alles funktioniert. Aber ich weiß nicht, wie lange ich noch fliegen kann. Wann stürzen wir ab? Wir sind über dem Meer und wissen nicht, ob wir ans Ufer kommen, zum nächsten Flughafen. Und das geht nicht allein uns so, sondern der ganzen freien Kulturszene. Alle hängen in der Luft. Da muss man gute Nerven haben, funktionieren - und durchhalten. Denn ohne Kultur geht es nicht – von Politik allein kann keiner leben.

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