Deutsche Märkte schließen in 26 Minuten

Der Finanzplatz London kämpft gegen den Exodus

·Lesedauer: 8 Min.

Der Brexit ist für Großbritanniens Finanzbranche der größte Einschnitt seit dem „Big Bang“ in den 1980ern. Die Verlagerung von Kapital und Arbeitsplätzen hat gerade erst begonnen.

Für die Londoner Finanzbranche startete 2021 mit einem Schock. Rund sechs Milliarden Euro tägliches Handelsvolumen wanderten am ersten Börsentag des Jahres aus London nach Amsterdam, Paris und andere EU-Standorte ab. Damit verlor das britische Finanzzentrum auf einen Schlag fast die Hälfte seines Aktienhandels.

„Ein spektakuläres Eigentor“, erklärte Alasdair Haynes, Chef des Londoner Börsenbetreibers Aquis Exchange, gegenüber dem Finanzdienst Bloomberg. Europa habe den Kampf um den Aktienhandel klar gewonnen. David Howson, Präsident des Konkurrenten CBOE Europe, stimmte zu: „Der EU-Aktienhandel ist weg und wird nicht wiederkommen.“

Dass der Verlust nicht unerwartet kam, ist nur ein schwacher Trost. Es ist der bislang sichtbarste Preis für den Brexit. Zwar sind die von einigen befürchteten Marktturbulenzen ausgeblieben, aber die Stimmung in den Banken und Fondshäusern ist gedrückt.

Aus EU-Sicht ist Großbritannien seit Neujahr ein Drittstaat. Und die Kommission in Brüssel hat sich vorgenommen, die eigenen Kapitalmärkte auf Kosten von London zu stärken. EU-Marktteilnehmer dürfen deshalb Aktien von europäischen Unternehmen nur noch innerhalb der EU handeln. Auch Teile des Derivatehandels haben sich verlagert – in die EU und an EU-äquivalente Standorte wie New York.

Für die „City“, wie der Londoner Finanzsektor genannt wird, bedeutet der Brexit die einschneidendste Veränderung, seit die damalige Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980er Jahren die Finanzmärkte mit dem „Big Bang“ entfesselte. Auf die Deregulierung folgte ein jahrzehntelanger Boom, der London in eine Liga mit New York katapultierte. In den Docklands entstand mit Canary Wharf ein neues glitzerndes Bankenviertel, das Londons neue Rolle zum Ausdruck brachte.

Regierung verbreitet Optimismus

Beginnt unter Thatchers Nachfolger Boris Johnson nun der Niedergang – oder löst der Brexit den nächsten Liberalisierungsschub aus? In London gehen die Meinungen darüber auseinander. Die Regierung verbreitet Optimismus. In einer Videoschalte mit Managern versicherte der Premierminister vergangene Woche, dass der Finanzsektor von strategischer Bedeutung sei und man alles tun werde, ihn zu fördern.

Finanzminister Rishi Sunak spricht gar vom „Big Bang 2.0“. Der Brexit werde London als globales Finanzzentrum stärken, sagt er. Man könne die Dinge nun anders und besser machen. Er will London zum Mekka für Fintech-Unternehmen und nachhaltige Finanzprodukte aufbauen.

Einige Hedgefondsmanager fordern, die Stadt in ein „Singapur an der Themse“ zu verwandeln und Unternehmen mit niedrigen Steuersätzen anzulocken. Das jedoch ist unwahrscheinlich. Zum einen kann sich die Regierung große Steuersenkungen wegen des gewaltigen Corona-Defizits nicht leisten. Zuletzt wurde eher über eine Erhöhung der Unternehmens- und Kapitalertragsteuer spekuliert. Zum anderen fehlt der politische Wille für radikale Deregulierung.

Stattdessen überlegt die Regierung nur, an einigen Stellschrauben zu drehen:

  • Es wird diskutiert, die Mindestanforderungen für Börsengänge zu senken, um mehr ausländische Unternehmen an die Londoner Börse zu locken. So könnten Firmen künftig nur 10 Prozent ihrer Aktien an die Börse bringen – statt des bisherigen Mindestanteils von 25 Prozent. Der Vorschlag ist jedoch unter Londons institutionellen Anlegern hochumstritten, weil sie um ihre Rechte fürchten.

  • Noch im ersten Quartal will die britische Regierung den Handel mit Schweizer Aktien wieder zulassen – und damit den Verlust des EU-Aktienhandels teilweise ausgleichen. Die EU hatte der Schweiz im Sommer 2019 im Streit um ein wirtschaftliches Rahmenabkommen die Börsenäquivalenz entzogen. Seitdem dürfen Schweizer Aktien nicht mehr in der EU gehandelt werden. London und Zürich wollen sich nun gegenseitig wieder als gleichwertig anerkennen.

  • Die Regierung könnte nach dem Vorbild von Dublin und Luxemburg Anlagefonds steuerneutral stellen, um mehr Fonds nach London zu locken und die Abwanderung von Fondsmanagern in die EU zu verhindern.

  • Längerfristig wäre auch eine Abschaffung der Boni-Obergrenze für Banker denkbar. Diese hatte die EU nach der Finanzkrise eingeführt, um Exzesse einzudämmen. Aus Bankensicht erhöht sie nur die Festgehälter und damit die operativen Kosten. Ein solches Geschenk an die Banken wäre in der Bevölkerung jedoch unpopulär – und aus Regierungssicht inmitten der Wirtschaftskrise auch das falsche Signal.

Diese möglichen Neuerungen verblassen neben den Nachteilen, die der Brexit bringt. Am Neujahrstag haben die britischen Finanzdienstleister ihre „Passporting“-Rechte verloren. Vorher konnten sie in der EU frei reisen und ihre Dienste anbieten. Beides ist nun nicht mehr automatisch erlaubt. Auch die Qualifikationen von Anwälten und Beratern werden nicht mehr automatisch anerkannt. Die Berufsgruppen müssen sich nun um nationale Lizenzen in jedem EU-Land bemühen, in dem sie tätig sein wollen.

Ressourcen in Europa werden neu verteilt

Das Resultat ist eine Neuverteilung der Arbeit innerhalb Europas. Bankmitarbeiter dürfen ihre EU-Kunden nur noch von ihren Filialen in Frankfurt, Paris oder anderen europäischen Finanzplätzen aus bedienen. Wenn beispielsweise ein Londoner Broker mit einem europäischen Kunden telefonieren will, muss er einen Kollegen aus einem EU-Büro dazu bitten.

Die Firmen haben daher schon vor dem Brexit ihre Büros auf dem europäischen Festland aufgestockt. Laut der Beratungsfirma EY sind bisher 7500 Arbeitsplätze und Vermögenswerte in Höhe von 1,2 Billionen Pfund aus London in die EU umgezogen. Weitere Verlagerungen werden erwartet.

Die europäischen Kunden könnten erst wieder aus London bedient werden, wenn die EU-Kommission das britische Regelwerk als gleichwertig einstuft. Je nach Zählung gibt es bis zu 40 separate Äquivalenzentscheidungen für unterschiedliche Finanzbereiche wie Handelsplätze, Vermögensverwalter, Investmentbanken und Clearinghäuser.

Es ist der gleiche rechtliche Rahmen, mit dem auch die Finanzfirmen aus anderen Drittstaaten wie der Schweiz, den USA oder Japan arbeiten. Die Nachteile: Die EU kann den Binnenmarktzugang jederzeit binnen 30 Tagen kündigen. Und es sind nur eine begrenzte Anzahl an Dienstleistungen erfasst. So gibt es keine Äquivalenz für Versicherungen oder das traditionelle Kredit- und Einlagengeschäft von Banken.

EU zögert Äquivalenzentscheidungen hinaus

Aus britischer Sicht ist dieses System daher suboptimal. Die Regierung drängt auf eine verbindlichere Vereinbarung mit mehr Mitspracherechten. In den Freihandelsgesprächen, die Weihnachten zu Ende gingen, war der Finanzsektor ausgespart worden. Man hat aber vereinbart, bis März ein „Memorandum of Understanding“ über die künftige Zusammenarbeit zu unterzeichnen.

Die Erwartungen an das Papier sind in London gering. Im besten Fall werde man sich auf einige Grundsätze zur Regulierung einigen, sagt Andrew Gray, Partner bei der Beratungsfirma PriceWaterhouseCoopers (PwC). Einen Zeitplan für die Äquivalenzentscheidungen der EU-Kommission erwartet er hingegen nicht.

Da das britische Regelwerk aktuell identisch ist mit dem europäischen, gibt es inhaltlich keinen Grund, die Anerkennung zu verweigern. Die Kommission hat jedoch keine Eile: Sie will die Abhängigkeit der europäischen Kapitalmärkte von London verringern und weitere Aktivitäten in die EU lotsen. Offiziell begründet sie ihr Abwarten damit, dass sie erst die britischen Zukunftspläne sehen wolle, bevor sie London für äquivalent erklären könne.

Bank of England: Äquivalenz wäre besser für beide Seiten

Dieses Argument sei „problematisch“, kritisierte kürzlich Andrew Bailey, Gouverneur der Bank of England. Schließlich würden sich Regeln auf beiden Seiten ständig weiterentwickeln. Er verwies darauf, dass Großbritannien bereits 17 Äquivalenzentscheidungen für Firmen aus der EU getroffen habe. Umgekehrt hat die EU bisher nur zwei Bereiche anerkannt, darunter die systemrelevanten Clearinghäuser.

„Es wäre besser für beide Seiten, Äquivalenz zu haben, weil offene Märkte von Vorteil sind“, sagte der britische Notenbankchef. Aber wenn die EU zu viele Bedingungen stelle, „können wir uns nicht darauf einlassen“. Großbritannien könne sich nicht dauerhaft an EU-Regeln binden, sondern müsse in dem Schlüsselsektor Autonomie haben.

Die meisten britischen Firmen haben sich bereits in der neuen Welt eingerichtet. Man erwarte vorerst keine weiteren Äquivalenzentscheidungen der EU, sagt Conor Lawlor vom Bankenverband UK Finance. „Firmen können auch ohne Äquivalenz erfolgreich sein“, sagt Gray. Der Übergang seit Neujahr sei reibungslos verlaufen, weil die Firmen gut vorbereitet waren. Aber durch die Verdoppelung der Strukturen und Fragmentierung der Märkte entstehe ein Schaden.

PwC beziffert die gesamtwirtschaftlichen Kosten mit 1,3 Prozent der Bruttowertschöpfung für Großbritannien und 0,3 Prozent für die EU pro Jahr, wenn der aktuelle Zustand dauerhaft anhalten sollte.

Ein baldiger Sinneswandel in Brüssel gilt als unwahrscheinlich. „Die EU gewährt nur dann Äquivalenz, wenn es in ihrem Interesse ist“, sagt William Wright vom Thinktank New Financial. So gebe es eine auf 18 Monate befristete Erlaubnis für Londoner Clearinghäuser, weil es keine Alternativen in der EU gebe. Auch diese Äquivalenz werde jedoch enden, sobald genug Kapazitäten auf dem Festland aufgebaut seien.

Ein Vorteil des Brexits ist aus Wrights Sicht, dass die Europäische Kapitalmarktunion nun beschleunigt wird. „Der Brexit und Corona haben einen neuen Handlungsdruck in der EU erzeugt“, sagt er. Die europäischen Kapitalmärkte sind unterentwickelt und machen nur 87 Prozent der Wirtschaftsleistung aus. In London entsprechen sie bisher 171 Prozent der Wirtschaftsleistung.

Durch die Verlagerung von Kapital und Expertise werde sich die Lücke verringern, sagt Wright. Für London sieht er jedoch nicht schwarz: Die City sei groß genug, um einige Einbußen zu verkraften.