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Fidor Bank wird aufgespalten – Finanzinvestor schlägt zum Schnäppchenpreis zu

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Schlussstrich oder Befreiungsschlag? Die Münchner Fidor Bank, einst gestartet als Fintech-Hoffnungsträger, wird zerteilt und verkauft. Ob die Marke überlebt, ist fraglich.

Ein Kapitel am deutschen Finanzplatz endet – und mit ihm eine Beziehung, die für beide Partner mehr Sorgen als Freude gebracht hat: Die französische Großbank BPCE trennt sich von ihrer Münchener Tochter Fidor Bank. Das einstmals vielversprechende Institut wird an zwei unterschiedliche Bieter verkauft. Wie das Handelsblatt von mit dem Vorgang vertrauten Personen erfahren hat, wurden am vergangenen Freitag die entsprechenden Kaufverträge unterzeichnet.

Die Fidor Bank geht zu einem Schnäppchenpreis an den US-Finanzinvestor Ripplewood Advisors LLC mit Sitz im One Rockefeller Plaza in New York. Dieser Bereich enthält das Geschäft mit Privatkunden, die Fidor zuletzt reihenweise den Rücken gekehrt haben. BPCE hatte den Verkauf an Ripplewood bereits im August angekündigt. 2019 hatten die Franzosen vergeblich versucht, die Fidor Bank für einen Euro zu verkaufen.

Die Tochter Fidor Solutions wiederum geht an die Technologie- und Managementberatung Sopra Steria aus Paris. Fidor Solutions enthält das Geschäft mit Unternehmenskunden, darunter zahlreiche Finanztechnologie-Start-ups (Fintechs). Der Kaufpreis ist bisher unbekannt. Fidor Solutions soll auch in Zukunft Dienstleistungen für die Fidor Bank erbringen.

Auf Anfrage wollten sich weder BPCE, noch Fidor, Sopra Steria oder Ripplewood zum Verkauf äußern. Aus Finanzkreisen heißt es, dass nun „ein positiver Deal“ für Fidor erreicht sei. Auch für Sopra Steria böten sich mithilfe der neuen Tochter Wachstumschancen im deutschen und europäischen Geschäft.

Sopra Steria hat rund 44.000 Mitarbeiter und setzte 2018 circa vier Milliarden Euro um. Mit der eigenen Sparte für Bankensoftware ist Sopra Steria in Deutschland auf Expansionskurs. Seit August 2019 liefert das Unternehmen die technologische Plattform für sieben deutsche Sparda-Banken und will hierzulande weitere Kunden gewinnen, unter anderem in Konkurrenz zum Schweizer Angreifer Avaloq.

Attraktive Vollbanklizenz

Unklar ist, was Ripplewood mit dem Kauf der Fidor Bank bezweckt. Der US-Finanzinvestor hat sich auf die Übernahme von unter Druck geratenen Unternehmen spezialisiert und hält ein rund zehn Milliarden Dollar großes Portfolio an Beteiligungen aus dem Industrie- und Telekommunikationsbereich.

Oliver Mihm zufolge könnte es Ripplewood unter anderem auf die Banklizenz abgesehen haben. Der Chef der Banken-Beratung Investors Marketing sagt: „Wer Fidor übernimmt, erhält eine deutsche Vollbank, die in allen europäischen Ländern ihre Dienstleistungen anbieten kann. Und nicht nur die Hülle ist interessant, auch das funktionierende System dahinter.“

Fidor besitze eine gute technologische Plattform und fähige Entwickler, auf die ein Käufer ebenfalls zurückgreifen könne, so Mihm. Eine entsprechende Übernahme sei allemal günstiger, als eine europäische Bank von Grund auf neu aufzubauen und eine entsprechende Lizenz zu beantragen.

Die Kosten hierfür lägen im hohen siebenstelligen bis niedrigen achtstelligen Bereich. „Möglich ist, dass Ripplewood bereits an einem Finanzhaus oder Fintech beteiligt ist und dessen Angebot nach Europa bringen will. Wenn man Fidor günstig übernommen hat, kann man auf der Plattform der Münchener aufsetzen.“

Beschädigte Marke

Erleichterung über den Deal herrscht in Paris bei BPCE. Die Muttergesellschaft der französischen Genossenschaftsbanken und Sparkassen hatte Fidor im Sommer 2016 mit hohen Erwartungen gekauft. Für den damaligen BPCE-Chef François Pérol war die Übernahme ein „Meilenstein“ für die digitale Transformation seiner Bank. Fidor galt als innovative Internetbank mit digitaler Kreditkarte, einer vielversprechenden Kooperation mit dem Krypto-Handelsplatz Bitcoin.de und jungen, attraktiven Kunden.

Es folgte Ernüchterung. Über Jahre hinweg wussten die Franzosen nicht viel mit ihrer deutschen Tochter anzufangen. Fidor fehlte der geschäftliche Erfolg, seit 2015 schreibt die Bank rote Zahlen.

Nachdem sich Fidor mit zwei britischen Konsumentenkredit-Portfolios verspekuliert hatte, musste BPCE wiederholt Kapital zuschießen, um den Fortbestand zu sichern. Insgesamt hat Paris einen dreistelligen Millionenbetrag eingebracht. Allein 2019 verursachte die Fidor-Bank laut der BPCE-Jahresbilanz „Transformations- und Reorganisationskosten“ von über 130 Millionen Euro.

Fidor, die 2018 noch rund 300.000 Privat- und Geschäftskunden zählte, geriet dennoch nicht zurück auf die Erfolgsspur. Stattdessen machte die Bank mit Kundenverlusten im fünfstelligen Bereich, technischen Ausfällen und der abrupten Kündigung von Partnerschaften mit Start-ups von sich reden.

Skeptischer Beratungschef

Einer der wichtigsten Partner, die Bitcoin Group aus Herford, ist bereits seit über einem Jahr auf dem Absprung. Mit der Verschmelzung der beiden Tochterunternehmen Bitcoin Deutschland und der Futurum Bank soll „Deutschlands erste Kryptobank“ entstehen. Auf den langjährigen Banking-Partner Fidor wäre man damit nicht mehr angewiesen.

Das Fidor-Management in München evaluiert nun, wie die weitere Strategie aussehen könnte. Beratungschef Mihm ist skeptisch, was die weitere Zukunft angeht: „Ich glaube nicht, dass vom Fidor-Konzept in der alten Form noch viel übrig bleibt. Eine ,Fidor 2.0‘ wird es wohl nicht geben. Die Marke hat aus Kundensicht zu sehr gelitten.“

Manche der mehr als 300 Fidor-Mitarbeiter üben sich in Zweckoptimismus: Wenigstens sei die jahrelange Hängepartie unter der Ägide der BPCE nun beendet, heißt es in München. Bis der Verkauf in trockenen Tüchern sei, werde aber noch einige Zeit vergehen.