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Fette Fees, Schampus, Yachten: Wie Adler um die Banker buhlte

(Bloomberg) -- Cevdet Caner weiß, wie man Geschäftspartner umgarnt.

Im Sommer 2009, ein Jahr nach der Bankenkrise und dem Zusammenbruch seiner ersten großen Immobilienfirma Level One, brachte der österreichische Geschäftsmann eine Gruppe von Finanziers und Immobilienmagnaten auf seinem Schnellboot von Cannes nach St. Tropez, berichten Leute, die dabei waren, aber nicht namentlich genannt werden wollen. Caner übernahm vom Skipper das Steuer und nahm Kurs auf den Club 55, den legendären Hotspot für Stars und Prominente. Dort stießen weitere Gäste zu der Gruppe, die es am Ende auf eine Champagner-Rechnung von zehntausenden Euro brachte, heißt es.

Wer in den letzten zehn Jahren mit der Adler-Gruppe zusammengearbeitet hat, dem ist dieser Stil nicht fremd. Partys an der Côte d’Azur und Yachtausflüge gehörten bei Adler dazu, wenn um Finanziers geworben wurde, sagen Personen, die die Firma näher kennen. Und mit Erfolg: Adler bekam genügend Geld zusammen, um aus relativer Bedeutungslosigkeit - mit Immobilien im Wert von 50 Millionen Euro im Jahr 2013 - zu einem der größten Vermieter Deutschlands aufzusteigen. Caners Frau ist die zweitgrößte Aktionärin der angeschlagenen Immobilienfirma, Caner selbst hat das Unternehmen beraten.

Wichtiger als Feiern und Clubbesuche war jedoch der stete Fluss an Provisionen, die die Spitzenbanken einstrichen, die der Adler Group SA und Tochterfirmen wie der Adler Real Estate AG bei der Emission von 8 Milliarden Euro an Bonds zwischen 2017 und 2021 geholfen haben. Schätzungen auf Basis der Prospekte zufolge summieren sich die Erträge über die Jahre auf 120 Millionen Euro - deutlich mehr als üblich. Das Geschäft lief hauptsächlich über vier Banken: JPMorgan Chase & Co, Deutsche Bank AG, Barclays Plc und Goldman Sachs Group Inc.

Das Nachsehen haben jetzt viele der Anleger, die diese Bonds gekauft haben. Adler kämpft ums Überleben, nachdem ein Leerverkäufer und ein Whistleblower Vorwürfe publik gemacht hatten, wonach der Konzern auf systematischem Betrug aufgebaut sei - eine Behauptung, die Adler zurückweist. An der Börse ist Adler innerhalb eines Jahres um mehr als 80% eingebrochen. Anleihen der Gruppe handeln mit hohen Abschlägen. Letzte Woche beschuldigte die deutsche Finanzaufsicht Bafin Adler, ein wichtiges Projekt massiv über dem Wert in den Büchern stehen zu haben. Adler bestreitet das und will Rechtsmittel gegen den Bafin-Befund ergreifen.

Die Banken haben ihr eigenes Engagement rasch reduziert; JPMorgan und Goldman Sachs haben sogar darauf gewettet, dass die Anleihen fallen und Adler seine Schulden nicht begleichen kann. Aber Fondsmanager wie Schroders Plc, BlackRock Inc. und Pimco dürften insgesamt Hunderte von Millionen mit Adler verlieren. Einige Gläubiger, darunter der Hedgefonds GLG Partners, haben inzwischen Anwälte eingeschaltet.

“Wenn ein Unternehmen in so kurzer Zeit so hohe Schulden anhäuft, erinnert das an die Finanzkrise, in der es zu viele Risiken im System gab und die Anleger sich übernommen hatten”, sagt Nicholas Ryder, Professor an der Universität Cardiff. “Es schaut so aus, als hätten die Banken geschlafen, als sie die Investoren so hohen Schulden aussetzten.”

Die Banken lehnten eine Stellungnahme ab.

Lockeres Geld

Als die Zentralbanken nach der Finanzkrise von 2008 die Geldhähne aufdrehten, häuften viele Immobilienunternehmen riesige Schuldenberge an. Doch Adler expandierte noch schneller als die meisten anderen und verließ sich dabei nicht nur auf ultratiefe Zinsen. Es stützte sich auch auf ein Netzwerk von Finanziers und Bankern und manchmal auf deren persönliche Beziehung zu Caner.

Gegen den Linzer war jahrelang in Sachen Level One strafrechtlich ermittelt worden, bevor er 2020 in Österreich freigesprochen wurde. Bezüglich Adler hat er sich stets bemüht, seine Distanz deutlich zu machen. Ein kürzlich von Adler selbst in Auftrag gegebenes Gutachten von KPMG zu den Betrugsvorwürfen zeigt jedoch, dass er eng in die Führung des Unternehmens eingebunden war. So leitete er Sitzungen, beriet bei Gehaltsfragen und fädelte Transaktionen ein.

Caner hatte den Bericht bei Erscheinen begrüßt und erklärt, dieser widerlege die “rufschädigenden Behauptungen” gegen ihn und Adler.

Caners Verbindungen zu Bankern reichen bis in seine Zeit bei Level One zurück. Tomas de Vargas, ein ehemaliger Investmentbanker, beriet Level One bei der Umschuldung, nachdem das Unternehmen 2008 mit 1,2 Milliarden Euro Verbindlichkeiten kollabiert war. Etwa fünf Jahre später übernahm er die Kapitalmarktaktivitäten der Adler Real Estate und stieg dort 2017 zum Co-CEO auf.

Bis 2013 war Adler Real Estate mit seinem überschaubaren Portfolio an Wohnimmobilien auf den Kapitalmärkten eine kleine Nummer. Nach de Vargas Einstieg ging es allerdings schnell voran. Der Immobilienbestand wuchs bis 2017 auf 2,4 Milliarden Euro - größtenteils finanziert durch lokale Banken. Um weiter zu wachsen, brauchte Adler Zugang zu Anleihefinanzierungen, wie sie nur Investmentbanken arrangieren können.

Um die großen Namen an Bord zu bekommen, lud de Vargas gerne Dutzende von Bankern, Anwälten und Wirtschaftsprüfern zu oft mehrtägigen Treffen auf eine Yacht ein. Die Treffen wurden zum Teil von Adler bezahlt, und auch Caner tauchte gelegentlich auf, berichtet eine mit den Zusammenkünften vertraute Person.

Über de Vargas kam Adler auch in Kontakt mit den Bankern Guillermo Baygual und Ashish Agrawal von JPMorgan, wie aus einem Brief hervorgeht, den ein anonymer Informant letztes Jahr an JPMorgan schickte und den Bloomberg News einsehen konnte. In dem Schreiben wird behauptet, dass die beiden Adlers wichtigste Kontakte bei JPMorgan waren und dass sie von Caners angeblichem Einfluss wussten, aber “halfen, diesen zu verschleiern”. Bei wenigstens einem Treffen auf der Yacht nahmen sie ebenfalls teil, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen berichten.

Laut seinem Anwalt habe Caner die beiden Banker nie getroffen und sie hätten nicht dazu beigetragen, seine Rolle im Unklaren zu halten. JPMorgan führte letztes Jahr eine Untersuchung zu dem Hinweis des Informanten durch. Baygual - früher Co-Leiter der Immobilienabteilung - und Agrawal - laut seinem LinkedIn-Profil ein M&A-Banker - arbeiten weiterhin bei der Bank, so ein Sprecher. Die beiden reagierten nicht auf Bitten um eine Stellungnahme.

Provisionsmaschine

Adlers Hunger auf Deals und Investitionen sorgte für ständigen Liquiditätsbedarf und machte das Unternehmen zu einem großen Ertragsbringer für Barclays, Deutsche Bank und vor allem JPMorgan. In den letzten Jahren zahlte Adler mit die höchsten Transaktionsgebühren in der Branche in Deutschland, wobei JPMorgan nach Angaben einer mit der Angelegenheit vertrauten Person seit 2019 mehr als die Hälfte des Kuchens abbekam.

Die Banken, die Adler beim Verkauf ihrer Anleihen begleiteten, dürften laut den Prospekten im Durchschnitt etwa 1,5% der Emissionssumme als Provision erhalten haben. Das liegt deutlich über den für diese Art von Geschäft üblichen 0,75% bis 1%. JPMorgan vertrieb noch im April 2021 eine Adler-Anleihe im Wert von 500 Millionen Euro, einen Monat, nachdem der Informant die Bank erstmals angeschrieben hatte.

Auch an Überbrückungskrediten für Übernahmen verdienten die Banken nicht schlecht. JPMorgan erhielt informierten Kreisen zufolge allein 13 Millionen Euro für einen Überbrückungskredit in Höhe von 3,5 Milliarden Euro an Ado Properties im Dezember 2019. Dieser Kredit diente der Umsetzung der Dreierfusion aus Adler Real Estate, Ado und Consus Real Estate AG, aus der die Adler Group hervorging. Auch das lag einige Millionen über den Preisen, die Immobilienfirmen mit einem ähnlichen Rating zu erwarten hatten, sagen Banker, die die Branche kennen. JPMorgan hatte bereits 2018 einen Überbrückungskredit für Adlers Übernahme von Brack Capital Properties NV zur Verfügung gestellt.

JPMorgan fungierte auch als Konsortialführer für eine Anleihe von Consus im Volumen von 400 Millionen Euro im Vorfeld der Dreierfusion im Mai 2019. KepCap, Morgan Stanley und Oddo waren ebenfalls Teil des Konsortiums. Die Anleihe wurde mit einer Rendite von über 10% bepreist und lag damit weit über dem, was bei der Bonitätseinstufung von Consus von B-/B zu erwarten gewesen wäre. Anleger konnten sich offenbar nur schwer mit dem Risikoprofil anfreunden.

Eine in dem KPMG-Gutachten veröffentlichte E-Mail von Caner zeigt, dass eine der Konsortialbanken wahrscheinlich einen Teil der Anleihen auf das eigene Buch nahm - ein typisches Zeichen dafür, dass es schwierig war, Abnehmer zu finden. “Um es klar zu sagen: Niemand außer dieser kleinen Gruppe darf wissen, dass die Bank X eine Position in den Anleihen genommen hat”, schrieb Caner im Mai 2019. Diese Information sollte “selbst innerhalb Ihrer Organisationen sehr geheim gehalten werden”, fügte er hinzu.

Überschrift des Artikels im Original:

Fat Fees, Champagne and Yachts. How Adler Wooed Its Bankers

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