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Fed-Banker: Systemischer Rassismus verlangsamt Wirtschaftswachstum

Knapp drei Wochen nach der Tötung George Floyds hat ein führender Vertreter der US-Notenbank ein Ende des Rassismus gefordert. Ein weiterer Fed-Direktor warnt derweil: Rassismus bedrohe die US-Wirtschaft.

Die Demonstrationen gegen Rassismus in den USA haben rasch auch das weiße Kleinstadt-Amerika erfasst. Seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd durch Polizeigewalt im Mai in Minneapolis kocht es im Land. In Hunderten Städten und Gemeinden in sämtlichen US-Staaten kam es zu Demonstrationen in einem selten oder sogar nie dagewesenen Ausmaß. Es folgten erste Konsequenzen: Polizeichefs traten zurück, Polizeibehörden sollen umgebaut werden, neue Gesetze werden diskutiert und auch die US-Notenbanker thematisieren Rassismus öffentlich.

So etwa der Chef des Notenbank-Ablegers in Dallas, Robert Kaplan, gegenüber dem Sender „CBS“. Systemischer Rassismus und hohe Arbeitslosenquoten bei Afro- und Hispanoamerikanern bremsen die US-Konjunktur nach seiner Einschätzung aus. Eine offenere Volkswirtschaft, in der jeder eine Chance habe, bedeute ein schnelleres Wachstum der Erwerbsbevölkerung und der Produktivität, sagte Kaplan am Sonntag. Eine solche Entwicklung sei im Interesse der USA. Die am schnellsten wachsenden demographischen Gruppen in diesem Land seien die Afro- und Hispanoamerikaner. Wenn diese nicht gleichermaßen partizipieren könnten, würden die USA langsamer vorankommen.

Mit seinen Äußerungen stieß Kaplan ins gleiche Horn wie US-Notenbanker Raphael Bostic, der rund drei Wochen nach der Tötung des Afroamerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis ein Ende des Rassismus forderte. Auch ihn hätten die „wahrlich schrecklichen Ereignisse, die uns an diesen Punkt gebracht haben“, wütend gemacht, hieß es in einem am Freitag auf der Internetseite der Notenbank veröffentlichten Beitrag von Bostic – dem einzigen Afroamerikaner in der Führungsspitze der Federal Reserve. Die Fed könne eine wichtige Rolle dabei spielen, die Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen zu verringern und eine integrativere Wirtschaft zu schaffen. Die Wirtschaft müsse „für alle Amerikaner funktionieren“.

Einen Beitrag zur Beendigung des Rassismus leiste die Fed mit ihrer Reaktion auf die Corona-Pandemie und das nachdrückliche Verfolgen ihrer Ziele, Vollbeschäftigung und eine stabile Inflation herzustellen, schreibt Bostic, der Präsident des Notenbank-Bezirks von Atlanta ist. So bereite sie die Basis für Unternehmen, schneller zu wachsen, mehr Mitarbeiter anzustellen und Chancen für Afroamerikaner und andere zu schaffen, „die nicht so an die Wirtschaft gebunden waren“.

Die „New York Times“ attestiert den USA schon jetzt „ein Jahr des nationalen Traumas“. Dabei ist 2020 noch nicht einmal zur Hälfte vorbei. Begonnen hatte das Jahr mit dem Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Donald Trump und der Gefahr eines Kriegs mit dem Iran. Dann traf das Coronavirus die USA mit voller Wucht. Erst vor wenigen Tagen überstieg die Zahl der Toten die Marke von 100.000. Die Pandemie löste wiederum eine Wirtschaftskrise aus. Mehr als 40 Millionen US-Amerikaner meldeten sich arbeitslos. Nun brechen die Narben von Rassismus und sozialer Ungerechtigkeit im Land wieder auf.

Systematischen Rassismus haben die USA nie überwunden. Der Polizeieinsatz gegen Floyd, festgehalten auf Video, hat aber seit Langem zu einem immensen kollektiven Aufschrei der Empörung gesorgt. Schwarze und andere Minderheiten sind es, die die Coronakrise besonders hart getroffen hat.

Bei den Protesten wird Trump für den Rassismus in den USA mitverantwortlich gemacht. „Der Präsident ist ein Teil davon“, beklagte eine schwarze Demonstrantin vor dem Weißen Haus. Trump-Kritiker meinen seit langem, dass Rechtsextremisten die größte Bedrohung für die USA darstellten. Sie erinnern auch an Trumps Äußerungen nach einem Aufmarsch von Rechtsradikalen in Charlottesville im Bundesstaat Virginia im August 2017, wo eine Gegendemonstrantin getötet wurde. Trump hatte danach gesagt, es habe auf beiden Seiten „sehr gute Menschen“ gegeben. Sein Kommentar löste damals einen Aufschrei aus.

Die demokratische Bürgermeisterin von Atlanta, Keisha Lance Bottoms, sagte Anfang Juni mit Blick auf Trumps Aussagen zu den Unruhen: „Das ist wie eine Neuauflage von Charlottesville.“ Auch in Atlanta kam es nun zu Ausschreitungen. „Er sollte aufhören zu reden“, riet Bottoms. „Er spricht, und er macht es schlimmer. Es gibt Zeiten, in denen man still sein sollte. Und ich wünschte, er würde einfach schweigen.“

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Ein landesweiter Aufschrei gegen Diskriminierung und Rassismus erschüttert die USA. Präsident Donald Trump kann die Gemüter nicht beruhigen – fiel er doch bereits als Geschäftsmann immer wieder selbst mit rassistischen Ausfällen auf. Lesen Sie hier die Analyse von US-Korrespondent Julian Heißler.