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FC Barcelona: Top-Klub droht der tiefe Fall

Ben Barthmann
Sports Editor

Der FC Barcelona ist im spanischen Meisterrennen zurückgefallen. Die Zeit als absoluter Top-Klub scheint vorbei - und Lionel Messi ist auch nicht mehr lange da.

Lionel Messi ist beim FC Barcelona oft der Mann für Alles. (Bild: Getty Images)

2006, 2009, 2011 und 2015 hat der FC Barcelona die Champions League gewonnen. Noch immer träumen die Fans von diesen Zeiten, in denen Pep Guardiolas brillantes Ballbesitzspiel oder das gefürchtete “MSN”-Trio den Pokal mit den großen Ohren in die Heimat brachten.

Angesichts der Erfolge war die Fallhöhe natürlich hoch. Zuvor war der FC Barcelona nicht unbedingt ein Top-Klub gewesen. Diesem Zustand scheint sich der Klub in den letzten Monaten, eigentlich vielmehr schon Jahren, wieder anzunähern.

Das 2:2 gegen Atletico Madrid am Dienstagabend bedeutet schon fast das Aus im Rennen um die Meisterschaft mit Real Madrid. Schon zuvor hatte Barcelona in vielen Fällen die schlechtesten Werte seit vielen Jahren: 69 Punkte nach 32 Spieltagen gab es zuletzt 07/08, 72 Tore zuletzt 07/08 und satte 33 Gegentore zuletzt 03/04.

Schlagzeilen macht der FC Barcelona immer. In letzter Zeit waren diese aber immer seltener positiv. Erst kürzlich sorgte der Tausch von Arthur (23, Brasilianer, potentieller Xavi-Ersatz) mit Juventus’ Miralem Pjanic (30, Bosnier, alternder Strippenzieher) für Schlagzeilen.

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Transfers seit Jahren ein Debakel

Ein genauerer Blick auf den Transfer offenbart die offensichtlichen finanziellen Vorteile für den FC Barcelona, der seine Bilanz vor dem 30. Juni noch dringend aufhübschen musste. Ein genauerer Blick offenbart aber auch die eklatanten strategischen Schwächen, die den Klub seit vielen Jahren plagen.

Barca hat den eigenen Kurs verloren. Der Kader ist hochgradig veraltet, die Millionen-Transfers rund um Ousmane Dembele (125 Millionen, ständig verletzt), Philippe Coutinho (145 Millionen, Anpassungsprobleme, nach München verliehen) und Antoine Griezmann (120 Millionen, passt nicht ins System) sind nur die Spitze eines Transfer-Debakels von unfassbarem Ausmaß.

Seit dem Guardiola-Abgang waren sechs Trainer im Amt und selbst der letztlich doch sehr erfolgreiche Luis Enrique wackelte im Lauf seiner drei Jahre nicht nur einmal bedenklich. Neuer Kandidat: Quique Setien, seit Januar im Amt, der theoretisch wunderbar zur einstigen Philosophie passt, praktisch aber über zahlreiche Hürden stolpert.

Neuer Trainer, alte Muster - und Messi altert

Setien versucht sich daran, alte Tugenden wieder einzusetzen. Bisher scheiterte er allerdings an Spielern, die den Ansprüchen eines solchen Systems nicht genügen und zuletzt auch immer mehr an internen Querelen.

“Wenn ich jedes Spiel drei Talente spielen lasse, werde ich bald gefeuert”, klagte er auf einer Pressekonferenz. Nicht weil er die Talente spielen lässt, sondern weil er um die Ergebnisse fürchtet. Das macht sich in der Aufstellung bemerkbar: Barca stellt ein Team, das fast ausschließlich von Ü30-Spielern getragen wird.

Mittendrin steckt Lionel Messi. Mit 33 Jahren ist der Argentinier noch immer die Lebensversicherung der Katalanen. Aber wer den Spielaufbau, das Chancen herausspielen und letztlich auch noch die Tore übernehmen muss, wird irgendwann auch müde. Er lamentiert, gestikuliert, reagiert enttäuscht auf die Aktionen seiner Mitspieler.

Große Macht der Spieler?

Das äußerst sich auch in merkwürdigen Situationen wie der beim 2:2 gegen Celta. Eder Sarabia, Co-Trainer von Setien, redete auf Messi ein, der sich gleich zweimal abwandte. Keine ungewöhnliche Situation im Leistungsfußball, Emotionen spielen immer eine Rolle, wohl aber bei einem Remis gegen einen Abstiegskandidaten kein gutes Zeichen.

Jener Sarabia hatte sich wenige Wochen nach seiner Ankunft mit Setien schon öffentlich entschuldigen müssen, weil den Spielern seine laute Anfeuerung, gepaart mit dem ein oder anderen Schimpfwort, von der Seitenlinie nicht gefiel. In Interviews drückten Barca-Veteranen wie Luis Suarez zuletzt indirekt ihren Unmut über das Trainerteam aus.

Suárez' Aussage lässt tief blicken: Barca-Coach wackelt

In Spanien spricht man abfällig vom “Club de amigos”, dem Klub der Freunde. Die Verschwörungstheorie geht davon aus, dass Lionel Messi den Klub lenkt und sein Wort ein enormes Gewicht hat. Ob das stimmt ist natürlich unklar, insgesamt aber scheint sich schon seit längerem zu zeigen, warum Pep Guardiola vor seinem Abgang empfahl, den Kader im großen Stil umzukrempeln und viele Spieler auszutauschen.

Eigengewächse werden zu Cash gemacht

Die Hoffnung heißt derweil La Masia. Das allerdings aus zwei Blickwinkeln. Während sich die Fans wünschen, dass Talenten aus eigenem Hause endlich wieder Chancen eingeräumt werden, scheint das Management in den Eigengewächsen vor allem Dollarscheine zu sehen.

Das geht schon seit vielen Jahren so. Und während sich manches Ex-Talent an anderer Stelle verdient macht, prominente Beispiele gibt es genug, scheint das Management die kleinen Beträge für den nächsten vermeintlichen Mega-Transfer, aktuell sind Neymar (PSG) und Lautaro Martinez (Inter) im Gespräch, zu sammeln.

Ob das Geld dafür trotz aller Verkäufe reicht, ist aktuell mehr als fraglich. Die Coronakrise hat den Club hart getroffen, das Gehaltsgefüge ächzt unter der Last, die in den letzten Jahren mit Spielern ausgehandelt wurde und europaweit seinesgleichen sucht. Der Verkauf von Eigengewächs Marc Cucurella ist ein gutes Beispiel: Barca verzichtete in einem komplexen Vertrag auf mögliche langfristige Gewinne, um jetzt sofort vier Millionen Euro mehr zu erhalten.

Milan, Arsenal oder ManUnited als mahnende Beispiele

2021 warten die Wahlen des neuen Präsidenten auf den Klub. Der aktuelle Strippenzieher, Josep Maria Bartomeu, wird nicht mehr antreten, wohl aber einen Kandidaten aus seinem Lager aufstellen. Ihm gegenüber steht ein buntes Ensemble aus Kandidaten, die sich wahrscheinlich gegenseitig die Stimmen nehmen werden - so geschah es schon bei den letzten Wahlen.

Der vielleicht vielversprechendste Kandidat heißt Victor Font. Er verspricht ein Zurückbesinnen auf alte Werte und hat unter anderem Xavi Hernandez als potentiellen Trainer an der Angel, wenn man den immer deutlicheren Zeichen Glauben schenkt.

Die Mitglieder des Klubs haben es nun also in der Hand, den stolpernden Klub davor zu bewahren, zurück in international unbedeutenden Zeiten zu fallen. Sonst droht Barcelona vielleicht ein Schicksal, wie es zuletzt den AC Milan, Manchester United oder auch den FC Arsenal ereilt hat. Diese bewiesen, wie anhaltend schlechtes Management aus einem Top-Klub schnell einen 1B-Klub machen kann.

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