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Warum der beste deutsche Läufer die Reißleine zog

Eigentlich hätte es die Saison von Mohamed Mohumed werden sollen. Der derzeit beste deutsche Langstreckenläufer hatte Anfang Mai bei einem US-Meeting seine 5000-Meter-Bestzeit auf 13:02,03 Minuten gesteigert - die zweitschnellste Zeit, die je ein Deutscher gelaufen ist.

Doch als es darauf ankam, blieb der 23-Jährige alles schuldig. Bei der WM in Eugene und der EM in München schaffte es Mohumed nicht einmal in den Endlauf - und grübelte anschließend über die Gründe.

Nach der Saison zog Mohumed die Konsequenzen und entschied sich zu einem Trainerwechsel: Statt wie bislang bei Bundestrainer Pierre Ayadi zu trainieren, schloss er sich der Gruppe des belgischen Coaches Tim Moriau an, bei dem auch Marathon-Europameister Richard Ringer trainiert

Im SPORT1-Interview verrät Mohamed Mohumed, wann und wieso er sich für den Trainerwechsel entschied, spricht über seine neue Zielsetzung und warum er dieses Jahr zur falschen Zeit am falschen Ort war. (NEWS: Wird er die deutsche WM-Sensation?)

„Ich war mit Abstand der Beste, den Pierre jemals hatte“

SPORT1: Herr Mohumed, Sie sorgten mit Ihren Trainerwechsel für eine Überraschung. Wie kam es dazu?

Mohamed Mohumed: Meine Entscheidung, eine neue Trainingsgruppe zu suchen, ist schon mitten in der Saison gefallen, weil die Leistung zu den Höhepunkten nicht mehr abgerufen wurde. Da hatte ich mich dazu entschieden, dass es das Beste für mich ist, einen neuen Trainer zu suchen. Und zwar einen Trainer, der schon Athleten trainiert hat, die auf dem Niveau gelaufen sind.

SPORT1: Was versprechen Sie sich von der neuen Trainingsgruppe?

Mohumed: Es ist eine internationale Gruppe. In Dortmund war es so, dass ich mit Abstand der Beste war, den mein Coach Pierre (Ayadi, d. R.) jemals hatte. Ich glaube, dass Pierre durch mich viel Erfahrung gesammelt hat – aber in zwei Jahren sind schon die Olympischen Spiele – und für mich ist ganz klar, dass ich in Paris ganz vorne mitlaufen will. Ich habe dieses Jahr bewiesen, dass es möglich ist, aber leider zum falschen Zeitpunkt.

„Vom Konjunktiv kann ich mir nichts kaufen“

SPORT1: Sie sprechen das Rennen zum Saisonbeginn an, als Sie beinahe die 13 Minuten über 5000 Meter unterboten hätten. Waren sie damals einfach zur falschen Zeit in Höchstform?

Mohumed: So kann man das sagen, ich war zu früh zu gut drauf. Wäre der Lauf Anfang Mai in San Juan Capristano ein Diamond-League-Rennen gewesen, wäre schon eine Zeit unter 13 Minuten möglich gewesen. Es war eigentlich nur ein Rennen, das auf die Norm ausgelegt war und wo man den letzten Kilometer schnell gelaufen ist. Wäre es zu dem Zeitpunkt schon ein WM-Rennen gewesen, wäre ich vorne dabei gewesen, aber vom Konjunktiv kann ich mir nichts kaufen. (NEWS: Was ist mit Mohumed los? Der rätselhafte Absturz eines Wunderläufers)

SPORT1: Hat Ihre Saison-Analyse ergeben, dass die Trainingsplanung nicht gestimmt hat?

Mohumed: Wir haben herausgefunden, warum ich mich nicht gut gefühlt habe. Es war so, dass das Training überhaupt nicht mehr ausgesteuert war. Alle Werte haben darauf hingedeutet, dass ich im Übertraining, also im roten Bereich war. So hat sich das angefühlt – und so bin ich am Ende des Tages auch gelaufen. Die Deutschen Meisterschaften waren der letzte Wettkampf, wo es gut ging, danach ging nichts mehr.

SPORT1: Die Trennung von Ayadi war also die Konsequenz aus einer verfehlten Trainingsplanung?

Mohumed: Meine persönliche Entscheidung, mich von Pierre zu trennen, war rein sportlich bedingt. Ich hatte mich schon während der Saison dazu entschieden - aber so einen Trainerwechsel vollzieht man nicht, wie es im Fußball vorkommt, mitten in der Saison. Das macht man erst, wenn die Saison beendet ist und dann kann man auch mit dem neuen Trainer eine neue Vorbereitung starten.

Mohumed konnte zwischen zwei Trainern wählen

SPORT1: Wie kam es dann zum Wechsel zu Tim Moriau?

Mohumed: Ich muss sagen, dass Richard (Ringer, d. R.) ausschlaggebend für meine Entscheidung war, seine Entwicklung hat mich sehr beeindruckt. Er ist einer, der schon lange dabei ist und erfolgreich den Wechsel von der Bahn auf die Straße bewältigt hat. In München war er auf den Punkt topfit – und viele anderen meiner neuen Trainingsgruppe auch. Tim Moriau hat vier, fünf Athleten, die bei Olympia waren – und wenn du solch eine Erfahrung hast, dann weißt du genau, wie du die Athleten auf den Punkt fit bekommst. Wenn man nur einen Athleten hat, der gerade den Sprung dahin geschafft hat, dann ist das ein bisschen waghalsiger.

SPORT1: Ihr Bruder Yassin vollzieht den gleichen Weg wie Sie und wechselt ebenfalls zur Trainingsgruppe von Tim Moriau...

Mohumed: Mein Bruder ist auch dabei und steht komplett hinter der Entscheidung. Bei ihm lief es leider überhaupt nicht in dieser Saison, es war noch schlimmer als bei mir. Letztes Jahr war er noch Vize-Europameister und dieses Jahr haben wir es nicht einmal geschafft, dass er auf den Punkt fit war. Deswegen war es nicht nur eine Entscheidung, die von meiner Seite kam, sondern von uns beiden.

SPORT1: Und nächste Saison wird dann alles besser?

Mohumed: Mein Trainer ist sehr überzeugt von mir und glaubt, dass das wirklich explodieren kann. Ich konnte zwischen dem Trainer von Konstanze Klosterhalfen (Pete Julian) und Tim wählen. Für mich war es nicht der richtige Schritt, in die USA zu gehen. Ich glaube mit Tim habe ich den besten Mann in Europa für mich gewonnen, seine Ergebnisse zeigen, dass er ein sehr erfolgreicher Trainer ist.