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Facebook im Fake News-Fegefeuer: Der Druck auf das weltgrößte Social Network steigt

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Stand zuletzt immer öfter in der Kritik: Facebook-CEO Mark Zuckerberg (AP Photo/Eric Risberg)


Es ist das ewige Mantra von Mark Zuckerberg: Das weltgrößte soziale Netzwerk will die Welt offener machen und besser miteinander verbinden – so formulierte es der Facebook-Chef einst im Mission Statement zum Börsengang 2012. Fünf Jahre später ist Facebook zwar wertvoller denn je, doch der Gegenwind bläst dem Social Media-Anbieter so kräftig wie nie entgegen: Die Debatte um Hassbotschaften, Fake News und gekaufte Anzeigen bei der US-Wahl 2016 kratzen dramatisch am Image von Facebook.

Das Bild hat Symbolcharakter: “Das ist das, was magisch ist “, erklärte die Avatar-Ausgabe von Mark Zuckerberg zu Wochenbeginn in einem Video, dass der Facebook-Chef auf seinem Profil im weltgrößten sozialen Netzwerk postete. Im Hintergrund zu sehen waren Bilder aus Puerto Rico und eine Spur der Verwüstung, die der Hurrikan Maria vor drei Wochen auf der tropischen Insel hinterlassen hatte.

„Man bekommt einen Eindruck für den Schaden, den der Hurrikan hinterlassen hat, das ist, was magisch an virtueller Realität ist, dass man das Gefühl dafür bekommt, wirklich an einem Ort zu sein“, erklärt Zuckerberg als Cartoon-Charakter im Gespräch mit Mitarbeiterin Rachel Franklin im Promotion-Video für die Virtual Reality-Brille Oculus Rift.

Mark Zuckerberg im Shitstorm: “Spitze der Geschmacklosigkeit“

Die Folge: Ein Shitstorm epischer Gewalt brach über den Facebook-Gründer herein. Mangelnde Empathie war noch das Geringste, was dem 33-jährigen Familienvater in den unzähligen Kommentaren unter dem Video vorgeworfen wurde.

Als “Spitze der Geschmacklosigkeit“ watschte das Techblog TheNextWeb Zuckerbergs Inszenierung ab. TheVerge, ein anderes Techblog, war gleicher Meinung und kritisierte das VR-Video als „keinen idealen Weg, um über Möglichkeiten zu sprechen, wie den Hurrikan-Opfern geholfen werden kann – besonders für einen Milliardär aus dem Silicon Valley.“ Zwar entschuldigte sich Zuckerberg tags darauf für den irritierenden Auftritt, doch der PR-Schaden war angerichtet.

Kritische Stimmen aus der Politik mehren sich

Es ist die Spitze des Eisberges eines Jahres, in dem die Stimmung erstmals in den 13 Jahren des Bestehens gegen Facebook kippt. Das mit Abstand weltgrößte soziale Netzwerk, das Ende Juni erst den Durchbruch durch die 2-Milliarden-Nutzer-Marke vermelden konnte, wächst zwar weiter rasant und ist an der Wall Street (auch dank seiner Tochter Instagram) mit einer Marktkapitalisierung von erstmals über einer halben Billion Dollar so wertvoll wie nie, doch die Vorwürfe aus der Politik und Gesellschaft prasseln immer heftiger auf Facebook ein.

Lange Zeit beschränkte sich die Kritik auf nörgelnde Nutzer, die sich über Umstellungen nach Relaunches, undurchsichtige Privatsphäre-Einstellungen oder eine aggressive Mobilstrategie geärgert haben – seit 2016 zieht jedoch zusätzlicher Gegenwind aus der Politik auf. Während seit Jahren vor allem deutsche Politiker Facebook für den laxen Umgang mit Hassbotschaften („Hate Speech“) und Anfeindungen im Kommentarbereich des weltgrößten sozialen Netzwerks kritisieren, ist der Social Media-Dienst wie auch andere Stars des Silicon Valleys in der Obama-Ära größtenteils gut weggekommen.

Der dynamische US-Präsident, der einen Großteil seiner Popularität seinen eigenen Auftritten in den sozialen Medien verdankt, lebte über Jahre in enger Symbiose mit Apple, Google und Facebook – den Vorzeige-Unternehmen des neuen Amerikas.

Die Stimmung kippte mit der US-Wahl 

Das Verhältnis änderte sich jedoch mit der US-Wahl. Ungewohnt offen kritisierte Barack Obama Facebook in den letzten Tagen seiner Präsidentschaft: „In einem Zeitalter, in dem es so viele aktive Fehlinformationen gibt – und sie sind gut verpackt, sie sehen echt aus, wenn man sie im Facebook Feed sieht  –, in dem alles gleich aussieht und es keine Unterschiede gibt, wird es schwer, unsere Werte zu schützen“, kommentierte der scheidende US-Präsident im vergangenen November anlässlich seines Abschiedsbesuchs in Deutschland den überraschenden Wahlausgang.

“Wenn man nicht zwischen echten Argumenten und Propaganda unterscheiden kann, haben wir ein Problem“, legte Obama den Finger in die Wunde. Was der scheidende US-Präsident meinte, sollte zum geflügelten Wort seines Amtsnachfolgers werden: Fake News! Mark Zuckerberg versuchte den Vorwurf schnell wegzuwischen: „Ehrlich gesagt, ich halte die Idee, dass Fake News die Wahl beeinflusst haben könnten, für ziemlich verrückt“, erwiderte der inzwischen 72-fache Milliardär zunächst bockig.

Facebook wird Fake News-Verdacht nicht mehr los

Doch das Fake News-Gespenst sollte Facebook nicht mehr loswerden. Kein anderes Thema beschäftigt die Medienwelt so intensiv wie die Auswirkungen von bewusst eingesetzten Falschinformationen wie im vergangenen US-Wahlkampf. Wie Facebook im September vor dem US-Kongress zugab, wurden in den Monaten vor der US-Wahl mehr als 3000 Anzeigen aus Russland im Wert von 100.000 Dollar geschaltet – von Fake-Profilen.

Das klare Ziel: auf den letzten Metern der US-Wahl in umkämpften Bundesstaaten wie Michigan und Wisconsin zu polarisieren und die Stimmung in Richtung Trump zu drehen. Bei rund zehn Millionen Menschen in den USA wurden die Anzeigen im Social Network ausgespielt. Donald Trump gewann die beiden Bundesstaaten mit denkbar knappen Mehrheiten von 10.700 bzw. 22.700 Stimmen – und mit ihnen sensationell die US-Wahl. „Je mehr Facebook enthüllt, desto schlimmer ist es“, fällt das Blog Engadget ein vernichtendes Urteil.

„Früh verstanden, dass es auf Facebook ankommt, damit Trump gewinnt“

Und damit nicht genug: Donald Trumps leitender Digitalberater Brad Parscale erklärte in den vergangenen Tagen zudem gegenüber dem Nachrichtenformat „60 Minutes“ wie eng die Verbindung zu Facebook im Wahlkampf war.

Zahlreiche Mitarbeiter von Facebook hätten ihm „jeden geheimen Knopf, Klick, jede Technologie, die es gibt“, erklärt – schließlich buchte Trump jede Menge Anzeigen bei Facebook, um die richtigen Wählerschichten zu erreichen. „Ich habe früh verstanden, dass es auf Facebook ankommt, damit Trump gewinnt“, erklärte Parscale sichtlich stolz gegenüber CBS.

Bewirbt sich Zuckerberg am Ende um die Präsidentschaft?

Für Facebook sind die Umstände als auch der Ausgang der US-Wahl ein nicht endender Albtraum. Entsprechend wurde die Kritik an Zuckerberg und seinem laxen Umgang mit den Vorwürfen immer lauter: „Zuckerberg scheint die moralischen Grundfertigkeiten vermissen zu lassen, die Tragweite seiner Schuld und Verfehlungen zu erkennen“, watschte das Branchenorgan Wired den Facebook-Chef in einem Leitartikel brutal ab.

In seinen öffentlichen Auftritten scheint Zuckerberg unterdessen bewusst einen Gegenpol gegen die schrille Rhetorik von Donald Trump setzen zu wollen. „Es ist nicht mehr genug, nur die Welt zu verbinden. Wir müssen auch daran arbeiten, die Welt enger zusammenzubringen. Wir haben die Verantwortung, mehr zu tun“, schrieb Zuckerberg im Juni in einem Manifest zum Erreichen der 2-Milliarden-Nutzer-Marke, in ungewohnt staatstragendem Ton.

Dazu kommt Zuckerbergs überraschendes Jahresziel, bis Ende 2017 alle Bundesstaaten bereist zu haben – manch einer fühlt sich angesichts des minutiös dokumentierten US-Trips schon an eine vorgezogene Präsidentschaftskampagne erinnert. „Einige haben mich gefragt, ob die diesjährige Herausforderung etwas damit zu tun hat, dass ich nach einem politischen Amt strebe. Das tut sie nicht“, versuchte der 33-Jährige jegliche Ambitionen, er selbst könnte sich einmal um die Präsidentschaft bemühen, zu zerstreuen.

Mark Zuckerberg bittet um Vergebung

Doch dass er selbst mit Facebook zum Politikum geworden ist, scheint den Vater zweier Kinder unterdessen doch sehr zu beschäftigen. Am jüdischen Versöhnungstag Yom Kippur gab sich Zuckerberg dann doch noch einsichtig.

„Für die Art und Weise, wie meine Arbeit verwendet wurde, um Menschen zu spalten, anstatt uns zusammenzubringen, bitte ich um Vergebung und werde daran arbeiten, es besser zu machen“, erklärte der Facebook-CEO in einem Post am 1. Oktober voller Demut. Es sieht so aus, als hätte Zuckerberg dabei so viel Arbeit wie nie zuvor vor sich…