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Warum auch für Unternehmen der nachhaltige Umgang mit Landflächen notwendig ist

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Die Bilanz der internationalen Nachhaltigkeitspolitik Anfang der 2020er-Jahre fällt einer Analyse zufolge „ernüchternd aus“. Experten sehen dringenden Handlungsbedarf.

Das Pantanal brennt. Es ist eines der größten Binnenland-Feuchtgebiete der Welt und im Amazonas-Gebiet. Der WBGU fordert, dass Handelsabkommen an Klimaschutz und eine Wende im Umgang mit Land gekoppelt werden. Foto: dpa
Das Pantanal brennt. Es ist eines der größten Binnenland-Feuchtgebiete der Welt und im Amazonas-Gebiet. Der WBGU fordert, dass Handelsabkommen an Klimaschutz und eine Wende im Umgang mit Land gekoppelt werden. Foto: dpa

Klimaschutz wird häufig mit der Reduzierung von Treibhausgasemissionen gleichgesetzt. Weniger im Fokus steht dabei der nachhaltige Umgang mit Land. Ein Fehler, findet der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und wirbt dafür, die globale Landwende zu einer politischen Priorität zu machen.

„Nur wenn sich unser Umgang mit Land grundlegend ändert, kann Klimaschutz gelingen, der dramatische Verlust der biologischen Vielfalt abgewendet und das globale Ernährungssystem nachhaltig gestaltet werden“, heißt es in einem neuen Gutachten des Gremiums, das an diesem Dienstag an Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) übergeben wird.

Die Bilanz der internationalen Nachhaltigkeitspolitik Anfang der 2020er-Jahre „fällt ernüchternd aus“, lautet das Ergebnis der Analyse aus dem Gutachten mit dem etwas sperrigen Namen „Landwende im Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration“. Die Klimaschutzziele des Pariser Klimaabkommens „scheinen nur noch erreichbar, wenn Landflächen verstärkt genutzt werden, um der Atmosphäre Kohlendioxid zu entziehen“.

Das globale Ernährungssystem befinde sich in einer Krise. Für ein Viertel der Menschheit sei die Ernährungssicherung gefährdet, ein weiteres Viertel leide an gesundheitsschädlichem Überkonsum.

Zudem bedrohten die externen Effekte der industriellen Landwirtschaft die natürlichen Lebensgrundlagen und die Biodiversität erlebe weltweit ein dramatisches Massenaussterben. Damit nehme die Kapazität der Ökosysteme erheblich ab, zu Klimaregulierung und Ernährungssicherung beizutragen.

Klimaschutz, Biodiversität und Ernährungssicherung wichtig für Unternehmen

Das bedeutet auch für die Wirtschaft nichts Gutes. „Klimaschutz, Erhalt der Biodiversität und Ernährungssicherung – also die Aspekte, die im Zentrum unseres Gutachtens stehen – sind für Wirtschaft und Unternehmen von hoher Bedeutung“, sagt die Volkswirtschaftlerin Karen Pittel vom Münchener Ifo-Institut, die auch zur Autorengruppe des WBGU-Gutachtens gehört.

So könnten beispielsweise Extremwetterereignisse problematisch für Lieferketten werden, sagt Pittel dem Handelsblatt. Die Ausrottung von Arten könne Ökosysteme, in denen Ackerbau, Forstwirtschaft oder Fischfang betrieben werde, destabilisieren.

Auch Unternehmen im Pharmabereich profitierten von genetischer Vielfalt. Eine steigende Degradation der Böden führe zu langfristig sinkenden Erträgen – ein Trend, den der Klimawandel noch beschleunigen könne. Es gebe also vielfältige Gründe, warum Unternehmen ein Interesse an einem veränderten Umgang mit Land hätten.

Der WBGU sieht dringenden Handlungsbedarf. Erstens müsse die Zerstörung der terrestrischen Ökosysteme beendet und stattdessen in ihre Erhaltung und Renaturierung investiert werden. Zweitens sollten Schutzgebiete ausgebaut werden, und zwar auf 30 Prozent der Erdoberfläche. Das trage nicht nur zum Klimaschutz bei, sondern erhalte langfristige Potenziale für die Ernährungssicherung.



Die dritte Forderung bezieht sich auf eine „auf Vielfalt beruhende Landwirtschaft“ und die Abkehr von der industriellen Landwirtschaft. „Damit werden gleichzeitig Ernährungssicherung, Klimaschutz und Erhaltung der Biodiversität gefördert.“ Agrarsubventionen sollten dem Gutachten nach immer an ökologische Verbesserungen geknüpft werden.

Viertens: eine Umstellung von Ernährungsgewohnheiten, vor allem durch weniger Fleischkonsum. Und fünftens: verstärktes Bauen mit Holz, um auf diese Weise langfristig Kohlenstoff zu speichern. Das Holz muss dafür allerdings aus nachhaltiger Waldwirtschaft stammen, die weder die Biodiversität noch die Ernährungssicherung gefährdet.

Als zentral erachtet es der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung, dass die EU ihre Außenhandelspolitik für eine globale Landwende einsetzt: „Die EU sollte den nachhaltigen Umgang mit Land zum zentralen Gegenstand der Verhandlungen zukünftiger und der Reform bestehender Handelsabkommen machen.“

Zudem sollte sie ihr handelspolitisches Gewicht nutzen, um den Schutz globaler Gemeingüter stärker in den Regelungen der Welthandelsorganisation zu verankern. Die Entwicklung und Produktion von nachhaltigen Gütern und Dienstleistungen sollen durch den Abbau von Handelshemmnissen gefördert werden.

Mahnungen werden dringlicher

Erst vor wenigen Tagen hatte der Weltbiodiversitätsrat wegen Naturzerstörung und des Artensterbens vor einem rasant wachsenden Risiko neuer Pandemien gewarnt. Diese würden ohne Gegensteuern künftig nicht nur häufiger auftreten, sondern sich auch noch schneller verbreiten und mehr Menschen töten als Covid-19, heißt es in einem am Freitag veröffentlichten Bericht von 22 Experten der UN-Organisation.

Die Ursachen für Pandemien sind die gleichen, die auch zum Verlust der biologischen Vielfalt beitragen: das Eindringen des Menschen in vormals intakte Ökosysteme, etwa durch die weltweite Ausdehnung und Intensivierung der Landwirtschaft sowie den unregulierten Handel mit Wildtieren. Um das Risiko zukünftiger Pandemien zu verringern, empfiehlt der Weltbiodiversitätsrat, vermehrt in vorsorgende Maßnahmen zum Schutz der Natur zu investieren.

„Die Naturzerstörung ist die Krise hinter der Krise“, sagte Umweltministerin Schulze. Die menschliche Gesundheit hänge direkt von einer intakten Natur ab.

Deswegen sei es wichtig, bei aller akuten Krisenbewältigung die tieferen Ursachen der Pandemie nicht zu vergessen und alles dafür zu tun, die Entstehung künftiger Pandemien zu verhindern. „Pandemien haben zwar ihren Ursprung im Tierreich, aber ihre Entstehung wird von menschlichen Aktivitäten bestimmt“, meint Schulze.

Vor einem guten Jahr hatte bereits der Weltklimarat IPCC gefordert, die Art und Weise, wie Lebensmittel produziert und Land bewirtschaftet würde, drastisch zu verändern. Der Übergang zu grüner Energie, umweltfreundlicherem Verkehr und sauberer Industrie allein werde die weltweiten Treibhausgasemissionen nicht ausreichend senken, um eine globale Erwärmung von mehr als 1,5 Grad Celsius zu verhindern, hieß es. Die Erderwärmung in Kombination mit nicht nachhaltiger Landwirtschaft könne sich zudem massiv auf die Nahrungsproduktion auswirken und zu Versorgungsengpässen führen.

Artensterben und Naturzerstörung schreiten voran: Wissenschaftler fordern die Ausweitung von Schutzzonen. Foto: dpa
Artensterben und Naturzerstörung schreiten voran: Wissenschaftler fordern die Ausweitung von Schutzzonen. Foto: dpa