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„Für Kunden entfallen die Funktionen“: Mercedes muss in der Chip-Krise bei Neuwagen Ausstattungen streichen

·Lesedauer: 4 Min.
Gefahr im Verzug: Mercedes-Benz kann den Aktiven Totwinkel-Assistenten (im Bild: S-Klasse) für wichtige Volumenmodelle momentan nicht liefern.
Gefahr im Verzug: Mercedes-Benz kann den Aktiven Totwinkel-Assistenten (im Bild: S-Klasse) für wichtige Volumenmodelle momentan nicht liefern.

Der weltweit anhaltende Mangel an Elektronikbauteilen zwingt Mercedes-Benz zu weiteren Einschränkungen beim Verbau wichtiger Technik-Optionen in Neufahrzeugen. Dies belegt eine achtseitige Auflistung des Autobauers, die Business Insider einsehen konnte. Das vertrauliche Dokument trägt die nüchterne Überschrift „Diverse Baureihen – Anpassung Produktangebot Auftragsbestand wegen Halbleiter-Engpass“ und wurde im November dieses Jahres aktualisiert. Bei Vertriebspartnern und Kunden sorgen die Inhalte der Tabelle für „helle Aufregung bis hin zu blankem Entsetzen“, so ein norddeutscher Mercedes-Händler.

Die interne Liste gliedert sich in sechs Spalten: Neben „Code“ und „Bezeichnung“ sowie „Betroffene Baureihen“ lauten die Überschriften der Spalten „Kommentar“ und „Stand der Umstellung“ sowie „Steuercode“. Demnach entfällt neuerdings der Code 234, mit dem Mercedes-Benz das Sicherheits-Feature „Totwinkel-Assistent“ bezeichnet. Betroffen sind etwa die Einstiegsautos der A-Klasse und die SUVs GLA/ GLB/ GLC.

"Ausgenommen sind die AMG-Modelle", heißt es in einem Kommentar dazu. Und: „Bitte beachten Sie, dass der aktive Totwinkel-Assistent als Bestandteil der Fahrassistenzpakete 23P, P20 und PAY weiterhin verfügbar ist. Bei den Fahrassistenzpaketen sind die Kontingente allerdings gedeckelt worden, sodass eine Umstellung von 234 auf eines der Fahrassistenz-Pakete leider nicht möglich ist.“

Winterausstattung nur in abgespeckter Form verfügbar

Rechtzeitig zum nahenden Winterbeginn muss Mercedes-Benz die Lenkradheizung (Code 443) sowie das Wärme-Komfort-Paket (P68) streichen – und das ausgerechnet in den bei Vielfahrern beliebten Dienstwagen der gehobenen E-Klasse (ausgenommen AMG-Typen E 53 und E 63 S). „Dadurch entfallen auch Ausstattungen, die nicht als Einzel-SA (Einzel-Sonderausstattung; Anm. d. Red.) buchbar waren: Code 902 (Sitzheizung Plus), Code 436 (Komfort-Kopfstützen vorn)“, muss der Stuttgarter Autobauer mitteilen. Zum Stand der Umstellung heißt es lapidar: „Die Umsetzung erfolgt kurzfristig.“

Selbst das Flaggschiff der Schwaben – die prestigeträchtige S-Klasse (W/ V 223) – bleibt nicht verschont – nicht einmal in der besonders margenstarken Maybach-Version (Z 223) oder als stromgetriebener Imageträger EQS (V 297). Bei diesen Luxuslimousinen musste der Hersteller Ende Oktober für das komfortable „Air-Balance Paket“ und das „Energizing Paket vorn“ mitteilen: „P21 und PBS werden kurzfristig bis auf Weiteres aus dem Angebot gestrichen. Die Anpassung der Preisliste erfolgt in Kürze“.

Preisminderung und Nachrüstungen erfordern Mehrarbeit und -kosten

Die hohen Kosten sowie die enorme Komplexität, die mit derlei Eingriffen in das Produktionsprogramm verbunden sind, lässt das entsprechende Feld „Steuercode“ erahnen: „P21 wird aus allen erreichbaren Aufträgen entfernt. Falls der Code PBS (Energizing Paket) Bestandteil des Auftrags ist, muss dieser ebenfalls entfernt werden. Alle nicht erreichbaren Aufträge erhalten zentralseitig den Code 091, der den Preisbaustein auf 0,00 € absenkt. Dabei entfällt die Beduftung, der Ionisator wird kostenlos zugesteuert.“ Mit anderen Worten: Mercedes-Benz muss einige der teuren Optionen dem Kunden schenken, da die ihm versprochenen Anwendungen nicht zu halten sind.

Und: „Bitte beachten Sie, dass die S-Klasse Maybach (Z 223) den Code 091 ebenfalls erhalten können. Dummyverbau erfolgt mit Code 091, im Übergang zur Berechnung vs. Kunde muss Code 091 wieder raus und P21 vollständig berechnet werden, da hier eine Nachrüstung der Fahrzeuge erfolgt“. Mit „Dummy“ sind Bauteil-Attrappen bezeichnet, denen bestimmte Chips fehlen.

Bei anderen Codes musste Mercedes-Benz notgedrungen den sogenannten Minderpreiscode DMQ einführen, „der den Auftrag um 500 € reduziert“, wie die Übersicht zeigt. Heißt: Hier kommt der Hersteller der Kundschaft im Preis um 500 Euro entgegen.

Bereits im September hatte Mercedes-Benz für etliche Baureihen intern einen „Engpass bei Code 549 (MBUX Head Unit high) melden müssen. „Durch die Bereinigung erhalten die Aufträge automatisch den Code 548 (MBUX Head Unit mid)“, hieß es damals. „Für Kunden entfallen die Funktionen der links genannten Sachverhalte (unter anderem „MBUX Augmented Reality für Navigation“ und „TV Tuner“; Anm. d. Red.), die Displaygröße und die generelle Funktionalität bleiben erhalten.“

In der Zwischenzeit allerdings sind bei Daimlers Premium-Pkw-Label einige zuvor gestrichene Ausstattungen wieder verfügbar. Dazu gehören etwa „Multikontursitze vorne und hinten“ in der S-Klasse sowie das stark nachgefragte „Widescreen-Cockpit“ in der E-Klasse.

Zudem machen die Halbleiter-Engpässe auch Wettbewerbern von Mercedes-Benz wie BMW und Volkswagen zu schaffen. Dem VW-Konzern droht gar ein massiver Konflikt mit den chinesischen Joint-Ventures, da diese nach Informationen von Business Insider für 2022 auf eine signifikant bessere Versorgung mit Chips als in 2021 drängen. Doch die begehrten Elektronikbauteile bleiben aller Voraussicht nach knapp: Kommen die Wolfsburger also den Forderungen aus dem Reich der Mitte nach, müssen sie womöglich ihre Standorte in Europa und Amerika bei der Belieferung entsprechend schlechter stellen.

Mercedes-Benz reagiert routiniert

Eine Sprecherin des Mercedes-Benz-Vertriebs Deutschland erklärte auf Anfrage: „Grundsätzlich variieren Lieferzeiten je nach Baureihe und Ausstattung der einzelnen Modelle. Aufgrund der Auswirkungen durch den gegenwärtig weltweit bestehenden Lieferengpass an bestimmten Halbleiterkomponenten kommt es derzeit zu Einschränkungen im Ausstattungsangebot bei verschiedenen Baureihen. Daraus ergeben sich auch Verzögerungen bei der Auslieferung.“ Von den aktuellen Lieferverzögerungen seien alle Kundengruppen betroffen. Lapidar heißt es: „Betroffene Kunden werden von ihren Mercedes-Benz Händlern informiert.“

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