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Das große Zittern um Condor: Gibt es die Millionenhilfe vom Bund?

Im Gegensatz zur Konzernmutter Thomas Cook ist Condor profitabel. Foto: dpa

Die Insolvenz von Thomas Cook ist auch für die Tochter Condor bitter. Ohne Staatshilfe oder einen Investor dürfte die Airline kaum überleben können.

Die Pleite des britischen Reisekonzerns Thomas Cook sorgt für Chaos in der Tourismusbranche. Weltweit sind 600.000 Reisende betroffen. Allein Großbritannien charterte 45 Flugzeuge, um 150.000 Landsleute heimzuholen.

Die meisten deutschen Urlauber müssen indes auf das Überleben der Thomas-Cook-Konzerntochter Condor hoffen. Die Fluggesellschaft hat offenbar in Berlin einen Antrag auf Staatshilfe gestellt – ähnlich wie Air Berlin vor Jahren.

Damals gewährte der Bund eine Bürgschaft über 150 Millionen Euro, um den Flugbetrieb eine Weile aufrechtzuerhalten, generell retten ließ sich die Fluggesellschaft damit nicht.

Anders als die Konzernmutter ist Condor profitabel. Bislang hat die Airline auch noch keine Insolvenz angemeldet. Dennoch müssen die rund 3000 Mitarbeiter nun fürchten, schon bald in den Sog der Pleite von Thomas Cook gezogen zu werden.

Condor braucht dringend den staatlich verbürgten Überbrückungskredit für den Weiterbetrieb. Angeblich soll es sich um 200 Millionen Euro handeln. Airlines müssen dem Luftfahrtbundesamt (LBA) darlegen, dass sie finanziell stets in der Lage sind, einen sicheren Flugbetrieb zu garantieren.

Die Bundesregierung hat über den Fall noch nicht entschieden. Man prüfe, hieß es beim Bundeswirtschaftsministerium. Auch Bundesverbraucherschutzministerin Christine Lambrecht (SPD) äußerte sich bislang nicht zur Lage bei Condor.

Am Montagnachmittag kamen die Experten aus dem Bundesjustizministerium und dem Wirtschaftsministerium zusammen, um den Fall zu beraten. Klar ist: Für die Regierung ist es eine heikle Entscheidung.

Voraussetzung für einen positiven Bescheid, der dann auch vor der EU-Kommission in Brüssel Bestand hat, ist eine wirtschaftliche Perspektive für das Unternehmen. Zwar hat Condor-Chef Ralf Teckentrup die Kosten des Unternehmens auf ein durchaus wettbewerbsfähiges Niveau gedrückt. Auch stammt ein Teil des Umsatzes aus dem Verkauf von sogenannten Einzelplätzen, die nicht über die Mutter vermarktet werden.

Allerdings fehlen der Fluggesellschaft nach der Pleite von Thomas Cook deren Urlauber als Fluggäste. Zudem braucht eine Airline für den Weiterbetrieb Flugzeuge. Condor selbst gehört nur eine einzige Maschine. Der Rest der Flotte ist geleast, zum Teil von der insolventen Muttergesellschaft.

Damit Condor weiterfliegen kann, müssen die Leasinggeber grünes Licht geben. Die Condor-Spitze führt Branchenkreisen zufolge bereits seit Tagen Gespräche mit ihren Gläubigern und der Regierung.

Doch die Politik kann kaum helfen: Erst am Freitag hat die Große Koalition ihr Klimaschutzpaket verabschiedet. Darin beklagt sie die Dumpingpreise in der Luftfahrt und will diese künftig gesetzlich unterbinden. Nur wenige Tage später einen Ferienflieger mit Staatsgeld zu retten und damit die Überkapazitäten im Markt zu alimentieren, dürfte nur schwer vermittelbar sein.

Zumal ein solcher Kredit auch nur kurzzeitig helfen dürfte. Um den reiseschwachen Winter zu überbrücken, braucht eine Airline in der Größe von Condor geschätzte 400 Millionen Euro – mehr also als die Staatsbürgschaft. Helfen kann nur ein anderer Reisekonzern, der die Maschinen und die Kassen füllt, oder ein Investor.

Die Suche nach Rettern ist zeitintensiv. Ein Notverkauf von Condor etwa an Lufthansa ist kaum umsetzbar. Die Kartellbehörden müssten einen solchen Deal intensiv prüfen, die Freigabe käme wahrscheinlich zu spät.

Schon bei der Insolvenz von Air Berlin hatte Lufthansa über Wochen mit eigenen Mitteln den Betrieb der Air-Berlin-Tochter Niki finanziert – in der Hoffnung, das Unternehmen am Ende übernehmen zu können. Doch der Plan scheiterte an den EU-Kartellbehörden.

Das Geld – rund 50 Millionen Euro – war weg. Es ist kaum zu erwarten, dass Lufthansa ein solches Experiment erneut wagen wird. Dennoch hoffen die Mitarbeiter und Arbeitnehmervertreter, dass der Bund helfen wird.

„Wir appellieren an die Bundesregierung, ihrer Verantwortung für die Arbeitsplätze bei Condor gerecht zu werden und den beantragten staatlichen Überbrückungskredit zu gewähren“, sagte Markus Wahl, der Präsident der Pilotenvertretung Vereinigung Cockpit: „Das Geschäft von Condor ist profitabel, das Unternehmen hat eine Zukunft.“


Schockstarre in Großbritannien

Condor ist einer der Leidtragenden einer Fehlentwicklung, die sich schon länger abzeichnete. Von der Beinahepleite vor einigen Jahren hat sich Thomas Cook nie richtig erholt. Bis zuletzt musste das Unternehmen hohe Kredite bedienen. Es fehlte Geld für Investitionen in die Erneuerung des Geschäftsmodells.

Hinzu kamen die Unsicherheit durch den EU-Ausstieg Großbritanniens und ein immer schärferer Wettbewerb. Mittlerweile könnten die Kunden auch bei Airlines wie Easyjet, Ryanair oder Eurowings neben dem Flug Hotels oder etwa Surfkurse buchen.

„Die Paketreise ist nicht tot. Alleine die gute Absicherung ist für Reisende weiterhin attraktiv“, sagt Gerald Wissel vom Beratungsunternehmen Airborne Consulting in Hamburg: „Allerdings stellen die ihre Reisen heute über das Internet selbst zusammen.“ Thomas Cook hat sich auf diese neue Reisewelt nicht ausreichend eingestellt, anders als die Konkurrenz.

Tui-Chef Friedrich Joussen hat rechtzeitig in eigene „Assets“ investiert wie neue Hotels oder Kreuzfahrtschiffe. Die Kunden können sich aus diesem Portfolio ihren Urlaub nach eigenen Präferenzen zusammenbauen. Zwar leidet auch Tui unter den zunehmend sprunghafteren Kunden, steht aber solide finanziert da.

Dagegen herrscht in Großbritannien Schockstarre. Viele Briten waren stolz darauf, dass einer der weltgrößten Touristikkonzerne aus ihrem Land kam. Angesprochen auf die Ursachen für das Scheitern macht Russ Mould von der Investmentgesellschaft AJ Bell eine simple Rechnung auf: Obwohl Thomas Cook 22 Millionen Kunden habe, erziele das Unternehmen lediglich ein unbereinigtes Ergebnis von 250 Millionen Pfund (283 Millionen Euro). „Das sind umgerechnet gerade einmal elf Pfund (12,50 Euro) pro Kunde. Das ist so gut wie nichts, wenn man sich den Aufwand anschaut, den man bei der Organisation und der Vermarktung von Reisen hat.“

Dennoch ist in der Heimat von Thomas Cook ein Streit darüber entbrannt, ob der Staat dem Konzern hätte helfen müssen. Die Kosten, die auf den britischen Steuerzahler wegen der Rückholung der 150.000 Briten im Ausland und Kompensationszahlungen zukommen könnten, werden auf bis zu 600 Millionen Pfund (680 Millionen Euro) geschätzt.

Johnson wollte keinen Präzedenzfall

Die britische Oppositionspartei Labour argumentiert, die Regierung hätte dem Unternehmen beispringen müssen. Vor dem Insolvenzantrag habe der Konzern um wesentlich weniger Geld gebeten. Das bestätigt zwar der britische Premierministers Boris Johnson. Danach hatte Thomas Cook nach einer Geldspritze in Höhe von 150 Millionen Pfund (170 Millionen Euro) gefragt. Doch man habe sich dagegen entschieden zu helfen. Es sei „um eine Menge Steuergeld gegangen“, so Johnson.

Man wolle keinen Präzedenzfall setzen, schließlich wäre es ein „moralisches Risiko“, wenn Unternehmen davon ausgehen könnten, dass der Staat im Notfall einspringen werde. „Ich denke, wir müssen prüfen, wie sich Reiseveranstalter in Zukunft vor Insolvenzen schützen können“, sagte Johnson.

Außerdem müsse man erwägen, inwieweit Manager zur Verantwortung gezogen werden können. Ein Gedanke, den die Opposition unterstützt: Es wäre „absolut richtig“, wenn Manager ihre Boni zurückzahlen müssten, sagte John McDonnell, der im Schattenkabinett für das Wirtschaftsressort verantwortlich ist.

Im Gegensatz zur konservativen Regierung wäre seine Partei aber eingesprungen, um die Ferien vieler Briten und die Arbeitsplätze zu retten. Es wäre besser gewesen „einzuschreiten, die Situation zu stabilisieren, um dem Unternehmen etwas Luft zu verschaffen“, damit Arbeitsplätze und Verbraucher nach dem „Versagen des Managements“ bei Thomas Cook geschützt gewesen seien.

Ähnlich argumentieren Arbeitnehmervertreter. „Es gibt detaillierte Pläne, um die Urlauber zurückzuholen, und die Spitzenpolitiker werden sich dafür selbst loben. Und das werden sie auch weiter tun“, wetterte die britische Pilotengewerkschaft Balpa. „Aber gleichzeitig wurden die Mitarbeiter, ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, ans Messer geliefert.“