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„Für die Art, wie wir damals gelebt haben, wird man heute gefeuert“: Ex-Bankvorstand Leonhard Fischer über seine Zeit als Investmentbanker

Leonhard Fischer wurde einst als das „Wunderkind“ der Finanzwelt bezeichnet. - Copyright: Leonhard Fischer
Leonhard Fischer wurde einst als das „Wunderkind“ der Finanzwelt bezeichnet. - Copyright: Leonhard Fischer

Mit nur 36 Jahren stieg Leonhard Fischer in den Vorstand der Dresdner Bank auf. Das war 1998. Beim Geldhaus war Fischer für das Investmentbanking verantwortlich. Nachdem die Allianz die Traditionsbank übernommen hatte, stieg er sogar in das Führungsgremium des Versicherungskonzerns auf. Doch seine Traumkarriere hielt nicht lange an. 2002 verließ Fischer die Bank – er sei der Krise zum Opfer gefallen, heißt es. Heute bezeichnet Fischer sich selbst als „arbeitsloser Ex-Banker“. Business Insider traf den einstigen Finanz-Star zum Interview.

Business Insider: Wie wird man mit 36 Jahren Vorstand einer Großbank?

Leonhard Fischer: „Ich war der Jüngste in der Geschichte deutscher Großbanken, der je Vorstand wurde. Ich war aber auch der Jüngste, der wieder gefeuert wurde. Ich bestehe darauf. Es ist harte Arbeit, beide Rekorde zu halten. Wie wird man es? Für eine Karriere gibt es drei Grundeigenschaften, die bedeutend sind. Die sind Risikobereitschaft, Networking-Begabung und Technical Skills. Es gibt niemanden, der alles drei gut kann. Im besten Falle kannst du 1,75. Du musst dir überlegen, was deine Stärken sind. Und es ist wie beim Fußball: Du musst konsequent auf deine Stärken setzen und deine Schwächen möglichst gering halten. Meine Stärke war Risikobereitschaft und Technical Skills.“

BI: Networking war deine Schwäche?

Fischer: „Ich telefoniere nicht genug, schreibe auch nicht genug SMS, mag auch nicht Mittagessen gehen oder was man sonst so macht. Nein, das war und ist nicht meine Stärke.“

BI: Was bedeutet es, risikofreudig zu sein?

Fischer: „Risiko heißt, dass man bereit ist, sein Geld und seine Karriere kühl kalkuliert einzusetzen, ohne zu wissen, was die Zukunft bringt. Aber: Die meisten Menschen, die ich kenne, sind viel erfolgreicher, wenn sie nicht so viel Risiko eingehen.“

Der extreme Lifestyle war Teil der Kultur

BI: Es gibt viele Klischees über den Lifestyle von Investmentbankern in den Neunzigern – Partys, Kokain und viel Arbeit. Wenn du auf die Zeit zurückblickst, ist das wahr?

Fischer: „Es war eher schlimmer, als du denkst. Für die Art, wie wir damals gelebt haben, wird man heute garantiert gefeuert. Kokain, Drogen waren nie mein Ding. Aber ich weiß, dass es sehr verbreitet war. Allerdings fürchte ich, dass auch heute Drogen immer noch verbreitet sind. Der extreme Lifestyle war Teil unserer Kultur. Man war stolz drauf, wenn man bis 5:00 Uhr morgens auf der Piste war und um 6:30 Uhr geschniegelt in der Morgen-Konferenz stand.“

BI: Vermisst du diese Zeit?

Fischer: „Du vermisst immer deine Zwanziger, wenn du 60 bist.“

1998: Leonhard Fischer als Vorstandsmitglied der Dresdner Bank AG. - Copyright: picture alliance / photothek | imo
1998: Leonhard Fischer als Vorstandsmitglied der Dresdner Bank AG. - Copyright: picture alliance / photothek | imo

BI: Wie war die Atmosphäre in diesem Haifischbecken der Finanzwelt?

Fischer: „Das war ein Haifischbecken, klar. Aber wir hatten ein Riesenvorteil: Wir waren eine Wachstumsbranche. Jedes Jahr stiegen die Umsätze. Egal, wie gut du bist, wenn du in einer schrumpfenden Branche arbeitest, ist es so, als ob du gegen eine Gegenstromanlage schwimmst. Du musst doppelt so viel Kraft aufbringen, um die Hälfte der Strecke zurückzulegen. Mein Rat: Du musst versuchen, in einer Branche zu arbeiten, wo du mit dem Strom schwimmst. Und das war damals Banking und das ist es heute nicht. Wenn du heute in einer Bank bist, ist es sehr viel mehr Verteilungskampf, weil der Kuchen schrumpft. Zu meiner Zeit war es vielleicht ein Haifischbecken, aber für uns alle ist der Kuchen gewachsen. Das ist ein großer Unterschied. Wenn du die letzten 30 Jahre im Silicon Valley verbracht hast, dann hast du in einem anderen Umfeld gelebt, mit ganz anderen Wahrscheinlichkeiten zum Erfolg, weil alles wächst. Wenn du die letzten 30 Jahre in der Kohleindustrie verbracht hast, wo jedes Jahr ein weiteres Unternehmen zumacht – ja, dann ist es schwerer mit der Karriere.“

BI: Was ist die Branche der Zukunft?

Fischer: „Ich glaube, dass das 21. Jahrhundert sich massiv von den letzten 40 Jahren unterscheiden wird und muss. Es ist an der Zeit, mit technologischem Fortschritt die Umwelt- und Energie-Probleme für die Welt zu lösen. Ich denke, dass wir in den letzten Jahrzehnten nicht zu viel, sondern zu wenig technischen Fortschritt hatten. Die Unternehmen dieser Branche werden profitieren.“

Bis zu acht Millionen Euro pro Jahr verdient

BI: Wie sah dein Alltag als Vorstand einer Bank aus?

Fischer: „Wenn du Vorstand für das Investmentbanking warst, warst du für einen Bereich verantwortlich, der rund um die Uhr lief. Ich habe fürs Geschäft gelebt. Ich bin mit Bloomberg eingeschlafen und mit Bloomberg aufgewacht.

Ansonsten war mein Leben als Vorstand extrem fremdbestimmt. Ich habe mir mal ausgerechnet, dass Anfang des Jahres bereits 220 Tage von 365 verplant sind. Ich wusste also am 1. Januar schon, wo ich am 30. September sein muss. Den Teil des Vorstanddaseins fand ich nervig.“

BI: Warst du glücklich damals?

Fischer: „Ja, klar. Erfolg ist eine Droge, die einen high macht und dazu führt, dass man noch mehr davon haben will, bis es dann leider vorbei ist. Und dann muss man auf Entzug gehen.“

BI: Wie viel verdient man als Bankenvorstand?

Fischer: „Ich habe zwischen zwei und acht Millionen Euro verdient.“

BI: Was ist das Beste daran, so viel Geld zu verdienen?

Fischer: „Freiheit. Vor allem, wenn man es anlegt und nicht alles verschwendet. Wir haben es das Leck-mich-am-Arsch-Geld genannt. Wenn man es hinkriegt, so viel Geld zu verdienen, dass man nicht mehr arbeiten muss, ist es ein Privileg im Leben.“

„Work-Life-Balance verstehe ich nicht“

BI: Was war das Wichtigste, was du über Geld gelernt hast?

Fischer: „Es ist bedrucktes Papier. Nimm es nicht zu ernst. Ich weiß, das klingt jetzt arrogant, aber ich habe ja nicht immer Geld besessen. Ich glaube an Geld nicht. Darum habe ich auch in der Regel kein Geld auf dem Konto. Ich glaube, Geld ist eine fluide Größe, die ständig verschwindet und zudem vom Staat manipuliert wird. Und dem Staat vertraue ich nicht besonders. Ich bin ein Liberaler aus der ganz alten Schule. Wenn ich Staat höre, bekomme ich Angst. Geld ist ein Fantasieprodukt des Staates, der kann es dir jederzeit wegnehmen. Geld musst du entweder ausgeben und genießen oder du musst es vernünftig anlegen. Du darfst es auf keinen Fall zu lange liegen lassen.“

BI: Was sind deine Ratschläge für junge Menschen, die erfolgreich sein wollen?

Fischer: „Mir steht es nicht zu, die jungen Leute zu kritisieren. Ich wurde damals auch kritisiert und fand es scheiße. Aber: Work-Life-Balance verstehe ich nicht. Wenn jemand Karriere machen will, gab es damals keinen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit. Das Ganze ist ineinander verschwommen. Ich war so begeistert von meinem Beruf und von den Kapitalmärkten, dass ich eigentlich 24 Stunden lang in dieser Welt leben wollte. Ich glaube, wenn man nicht nur erfolgreich, sondern besonders erfolgreich sein will, muss man etwas machen, in dem man aufgeht, sodass man den Begriff Work-Life-Balance nicht versteht. Und wenn man ihn versteht, dann so, wie ich es gelebt habe. 30 Jahre arbeitest du und danach machst du, was du willst.“