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Warum es für die Deutsche Bank besonders wichtig ist, den US-Banken-Stresstest zu bestehen

Donnerstagnacht veröffentlicht die US-Notenbank die Ergebnisse ihrer Banken-Stresstests. Wegen der Coronakrise werden sie anders ausfallen als zuvor.

Wie stark sind Amerikas Banken? Seit Beginn der Coronakrise stehen die Finanzinstitute im Fokus der Politik und der Regulierer. Sie wollen sichergehen, dass die Pandemie nicht auch noch eine neue Finanzkrise verursacht. Gleichzeitig sind die Banken angehalten, an Unternehmen und Privathaushalte möglichst viele Kredite zu vergeben, um die Folgen der schweren Rezession abzufedern. Die US-Notenbank Federal Reserve wird am Donnerstag die Ergebnisse der Banken-Stresstests veröffentlichen, die in letzter Minute noch ergänzt wurden. Dies sind die wichtigsten Fragen zum Thema:

Berücksichtigt die Fed auch die Auswirkungen der Coronakrise?

Nur zum Teil. Der reguläre Stresstest bezieht sich auf die Bilanzsummen der Banken von Ende 2019. Der wichtigste Test besteht aus der umfassenden Kapitalanalyse, Comprehensive Capital Analysis and Review, kurz CCAR genannt. Hier prüft die Fed, wie die Banken ihre Bilanzen verwalten und ob sie stark genug sind, um Dividenden zu zahlen oder Aktien zurückzukaufen.
Bei ausländischen Instituten, die – wie die Deutsche Bank – eine Holding in den USA haben, geht es um die Frage, ob sie Kapital an den Mutterkonzern überweisen dürfen und ob sie grundsätzlich eine Reihe von Vorgaben in Bezug auf Kernkapital- und Verschuldungsquoten erfüllen. Neben den quantitativen Aspekten gibt es hier auch qualitative Anforderungen, unter anderem an das Risikomanagement der Bank.

Um die Auswirkungen der Coronakrise zu berücksichtigen, ergänzte die Fed den Stresstest in diesem Jahr noch um eine sogenannte Sensibilitätsanalyse. Dabei prüft die Fed, welche Auswirkungen verschiedene Szenarien der wirtschaftlichen Erholung haben: Erholt sich die Wirtschaft schnell oder V-förmig, erholt sich die Wirtschaft nur langsam oder U-förmig, und wie stehen die Banken da, wenn es nach einer ersten Besserung einen neuen wirtschaftlichen Einbruch (W-förmige Erholung) gibt?

Statt lediglich zu kategorisieren, welche Bank bestanden hat und welche nicht, hat die Fed einen nuancierten Ansatz gewählt. Dabei steht ein sogenannter „Stress Capital Buffer“ im Mittelpunkt. Der gibt vor, wie viel Kapital die Institute zusätzlich zu den bisherigen Minimalvorgaben vorhalten müssen. Wie hoch dieser zusätzliche Kapitalpuffer sein muss, will die Fed im August veröffentlichen.

Werden alle Ergebnisse öffentlich gemacht?

Nein. Die Fed veröffentlicht nur noch bei den Auslandsbanken, wer bei dem regulären Teil des Stresstests durchfällt und wer nicht. Bei amerikanischen Häusern bespricht die Fed abseits der Öffentlichkeit etwaige Mängel. Wenn Auslandsbanken wie die Deutsche Bank, die britische Barclays sowie die Schweizer Banken UBS und Credit Suisse den Test in diesem Jahr bestehen, gelten für sie ab dem kommenden Jahr die gleichen Regeln wie für die US-Institute.

Die Ergebnisse der Sensibilitätsanalyse werden nicht für jedes einzelne Institut aufgeschlüsselt werden. Die Fed wird sich nur im Allgemeinen dazu äußern, erklärte Vizechef Randy Quarles, der für regulatorische Angelegenheiten zuständig ist, bei einer Veranstaltung am Freitag. Die Fed hat offenbar Sorge, dass einzelne Häuser unter Druck geraten könnten, wenn sie zu sehr im Fokus negativer Schlagzeilen stehen. Das könnte die Institute unnötig destabilisieren.

Dieser Ansatz stößt jedoch auf Kritik. Dass diese Informationen zurückgehalten werden, „beschädigt die Glaubwürdigkeit des Tests“, sagt Gregg Gelzinski vom linksliberalen Thinktank Center for American Progress. Schließlich seien die Stresstests 2009 nach der Finanzkrise eingeführt worden, um Investoren und Kunden zu signalisieren, dass sie schwere wirtschaftliche Rückschläge, wie eine schwere Rezession oder einen Einbruch des Aktien- oder Immobilienmarktes, überstehen können.

Sheila Bair, die frühere Chefin der US-Einlagensicherung FDIC, hält dies zudem für ein Reputationsrisiko für die Fed. „Im Moment muss man der Fed einfach vertrauen. Aber was ist, wenn sie bescheinigt, dass eine Bank stabil ist – und sich das später als falsch herausstellt?“, sagte sie im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Der Prozess muss transparent sein.“

Wie wichtig ist der Stresstest für die Deutsche Bank?

Das Frankfurter Institut hat im vergangenen Jahr zum ersten Mal den Test bestanden, nachdem es zuvor in den Jahren 2015, 2016 und 2018 durchgefallen war. Die Ergebnisse aus 2017 wurden wegen einer Umstellung bei den Tests nicht veröffentlicht. Die Fed fordert, dass die Banken den wichtigen qualitativen Teil zwei Mal hintereinander bestehen, bevor die Ergebnisse nur noch abseits der Öffentlichkeit mit den Banken direkt besprochen werden.

Wenn die Bank das gute Ergebnis aus dem vergangenen Jahr wiederholen kann, wird es für sie also in den kommenden Jahren einfacher werden, weil der öffentliche Druck wegfällt. Christiana Riley, die Amerikachefin der Deutschen Bank, hat es sich zur obersten Priorität gemacht, das seit Jahren angespannte Verhältnis zu den US-Aufsehern zu verbessern. Einen Rückschlag will die Bank verhindern.

Das Institut hat zwischen 2017 und 2019 900 Millionen Euro investiert, um das Risikomanagement, die Compliance- und die Anti-Geldwäsche-Abteilungen zu stärken, auch in den USA. Doch es werde Jahre dauern, bis die benötigten Reformen auch tatsächlich umgesetzt würden, geben Branchenexperten zu bedenken.

Im Mai wurde bekannt, dass die Bank von der regionalen Fed in New York erneut einen Rüffel bekommen hatte. Der Aufseher bemängelte weiterhin große Defizite, unter anderem bei der Geldwäschebekämpfung und im Risikomanagement.

Wie geht es den US-Banken in der Krise?

Die strengen Reformen aus den Jahren 2009 und 2010 haben Wirkung gezeigt. „Unsere Banken sind sehr gut kapitalisiert, deutlich höher als vor der Finanzkrise. Auch die Qualität des Kapitals ist besser“, lobte Fed-Chef Jay Powell im April. Die Gewinne aller großen Banken sind im ersten Quartal zwar eingebrochen, vor allem, weil sie die Risikovorsorge für ausfallgefährdete Kredite erhöhen mussten. Doch die Umsätze aus dem Wertpapierhandel boomten und werden Analystenschätzungen zufolge auch im zweiten Quartal weiter stark sein.

Doch große Unsicherheiten bleiben. Die Wirtschaft wird Schätzungen der Fed zufolge im zweiten Quartal um 40 Prozent einbrechen. Powell warnte auf einer Pressekonferenz im Juni, dass es Jahre dauern könnte, bis sich der Arbeitsmarkt erholen wird. Zudem werde die Fed den Leitzins noch lange auf der derzeitigen Spanne von null bis 0,25 Prozentpunkten belassen, was auf das Zinseinkommen der Banken drückt. Bankaktien haben in den vergangenen Monaten deutlich verloren. Der KBW-Bankenindex liegt seit Anfang März rund 20 Prozent im Minus.

Können US-Banken weiter Dividenden zahlen?

Im März haben die großen Wall-Street-Häuser um Branchenführer JP Morgan Chase, Bank of America und Goldman Sachs gemeinsam beschlossen, Aktienrückkäufe bis Ende Juni auszusetzen. Dividenden wurden jedoch weitergezahlt – anders als in Europa. Powell hatte sich in der Vergangenheit stets dagegen ausgesprochen, Dividenden branchenübergreifend zu streichen.

Die Ergebnisse der Stresstests werden zeigen, wie es künftig um die Dividenden und die Rückkäufe steht. US-Banken hatten in den vergangenen Jahren zum Teil mehr als 100 Prozent ihrer Gewinne an die Aktionäre ausgeschüttet, weil die Notenbank dazu grünes Licht gegeben hatte. Aktienrückkäufe machten dabei mit 70 Prozent den deutlich größeren Teil aus. Powell hatte argumentiert, dass eine Reihe von Kleinanlegern auf die Dividenden der Banken angewiesen ist, um passives Einkommen zu generieren.

Doch das Thema ist umstritten. Die frühere Fed-Chefin Janet Yellen sowie die frühere Chefin der US-Einlagensicherung, Sheila Bair, hatten sich schon vor Monaten dafür ausgesprochen, die Dividenden zu kappen, um das Kapital besser für die Vergabe von Krediten zu verwenden.

„Es gibt im Moment einfach noch zu viele Unsicherheiten, das räumt die Fed selbst ein. Man kann daher keine auch nur annähernd verlässlichen Modelle aufstellen“, sagt Sheila Bair im Gespräch mit dem Handelsblatt. Sie fürchtet, dass Banken womöglich hohe Verluste anhäufen könnten. „Und wenn sich später herausstellt, dass die Rezession doch nicht so schlimm war, dann kann man immer noch eine Sonderdividende einführen.“

Wie die Banken ihre Kapitalausschüttungen anpassen werden, wird auf Drängen der Fed in diesem Jahr erst am 29. Juni nach Marktschluss mitgeteilt. In der Vergangenheit war es den Wall-Street-Häusern freigestellt, wann sie dies kommunizieren, einige hatten dies unmittelbar nach der Veröffentlichung der Testergebnisse getan. In diesem Jahr soll es jedoch geordneter zugehen, um nicht für unnötige Unruhe an den Aktienmärkten zu sorgen.