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Fünf Anlegerfehler – und wie sie sich vermeiden lassen

Fehler passieren an der Börse immer wieder: Was Anleger aus dem schlechten Börsenjahr 2018 und dem guten abgelaufenen Jahr für 2020 lernen können.

Kein Anleger ist auf dem Börsenparkett vor Fehlern gefeit. Foto: dpa

Fehler passieren an der Börse immer wieder. Im Abschwung 2018, wenn Anleger an Aktien zu lange festhalten, oder im Aufschwung 2019, wenn Anleger zu lange nicht dabei sind und deshalb Gewinne verpassen. Fehler zu entlarven und die richtigen Lehren daraus zu ziehen verhilft zu einer erfolgreicheren Anlage.

Hier sind fünf klassische Fehler von Investoren an den Finanzmärkten und welche Schlüsse sich daraus für dieses Jahr ziehen lassen.

Erster Börsenfehler: Das Risiko zu hoch einschätzen

Ende 2018 brachen die Aktienmärkte ein. Gründe dafür waren der schwächere Welthandel, die Angst vor einer Spirale aus Zöllen und Gegenzöllen und vor allem die vielen Gewinnwarnungen der Unternehmen, die ihre Aktionäre auf ein schwieriges Jahr 2019 vorbereiteten.

Anleger verkauften in den November- und Dezembertagen 2018 ihre Aktien, ganz besonders konjunkturempfindliche Industriepapiere, um schneller als die anderen zu sein – und in Erwartung eines noch schlechteren Börsenjahres 2019. Das Jahr startete dann aber mit steigenden Kursen.

Die Überraschung war groß. Keineswegs revidierten die Unternehmen ihre schlechten Erwartungen. Doch die Börsenkurse stiegen, weil mehr Anleger kauften als verkauften.

Was banal klingt, beinhaltet einen wichtigen Kern: Kurse steigen auch dann, wenn sich die Konjunkturindikatoren, so wie Anfang 2019, weiter verschlechtern. Vorausgesetzt, die Mehrzahl der Verkaufswilligen hat ihre Aktien bereits verkauft – so wie Ende 2018.

Als sich 2019 die Perspektiven nicht weiter verschlechterten, sondern auf niedrigerem Niveau stabilisierten, stiegen die Kurse weiter – weil viele Anleger Ende 2018 Schlimmeres für 2019 erwartet hatten. Deshalb wurde 2019 mit einem Dax-Anstieg von rund 25 Prozent eines der besten Aktienjahre – ohne dass die Konjunktur boomte.

Zweiter Börsenfehler: Im Boom kaufen, im Crash verkaufen

Wer Ende 2018 Aktien kaufte anstatt zu verkaufen, machte es richtig. Fast alle Aktien notieren heute höher als vor einem Jahr. Warum? Vor einem Jahr war die Börsenstimmung extrem schlecht.

Kaum jemand wollte etwas von Aktien wissen. Ähnlich, nur noch sehr viel extremer, war es auf dem Höhepunkt der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise Anfang 2009.

Umgekehrt gilt aber auch: Wer in den konjunkturellen Boomjahren 2000 und 2007, in denen das Wachstum grenzenlos schien, Aktien kaufte, schleppte noch zwei bis drei Jahre später mit recht hoher Wahrscheinlichkeit Verluste mit sich. Nur wenige Aktien lagen zu diesem Zeitpunkt im Plus.

Das heißt: Wer inmitten eines weit fortgeschrittenen Börsenabschwungs (Baisse) Aktien kauft und sie in einem gereiften Aufschwung (Hausse) verkauft, macht alles richtig. Das heißt: Die Suche nach der richtigen Aktie ist zwar wichtig.

Aber wichtig ist es auch, ein Gefühl für teure und damit unattraktive sowie für preiswerte und damit attraktive Gesamtmärkte zu entwickeln. Gefragt ist der Blick für das große Ganze.

Das war schon immer so. Wer in den konjunkturellen Abschwungjahren 1967, 1975, 1982 und 2003 auf Aktien setzte, der wurde mit kräftigen Kursgewinnen belohnt: Der Dax, beziehungsweise sein Vorläufer-Index, stieg in diesen vier Rezessionsjahren zwischen 17 und 49 Prozent.

2009, als Deutschland mit einem Minuswachstum von mehr als fünf Prozent die schwerste Rezession der Nachkriegsgeschichte erlebte, stieg der Dax um 24 Prozent.

Umgekehrt waren Boomjahre wie 2000, in dem die Euphorie um Hightech-Unternehmen keine Grenzen kannte, keine gute Börsenzeit. Der Dax fiel um 7,5 Prozent.

Anleger versuchen jedes Mal, mit ihren Käufen und Verkäufen die Zukunft vorwegzunehmen. Und das gelingt ihnen oft erstaunlich gut.

Auch, weil ein simples Naturgesetz lautet, dass jedem wirtschaftlichen Abschwung ein Aufschwung folgt.

Dritter Börsenfehler: Sich zu sehr auf wenige Einzelwerte fokussieren

Adidas-Aktien gewannen 2019 mehr als 50 Prozent, Wirecard verloren über 20 Prozent. Vor einem Jahr war dies wohl kaum absehbar. Auch dass die Deutsche Post 2019 über 40 Prozent gewann, dürfte viele überrascht haben.

Wer wenige Einzelwerte in seinem Depot favorisiert, braucht ein gutes Gespür. Da sind auf der einen Seite Erfolgsaktien wie Adidas und Linde. Deren Kurse steigen und steigen – und das schon seit vielen Jahren.

Auf der anderen Seite verloren Deutsche Bank und die wohl bekannteste Aktie im Dax, die Deutsche Telekom, viel an Wert. Die T-Aktie stieg im Jahr 2000 auf über 100 Euro – heute wären Anleger froh, wenn Kurse von 20 Euro erreicht würden.

Wer das richtige Gespür hatte, konnte große Verluste vermeiden – indem er rechtzeitig verkaufte oder gar nicht erst kaufte. Denn die Telekom ist in einer schrumpfenden Branche hohem Wettbewerbsdruck ausgesetzt.

Darüber hinaus war die Aktie, gemessen am Kurs und Firmengewinn, im Jahr 2000 exorbitant überbewertet. Ebenso war es wichtig, Finanztitel wie die Deutsche Bank vor Ausbruch der Immobilien- und Finanzkrise zu verkaufen – und sie nicht wieder zu kaufen.

Dagegen profitierten die Aktionäre vieler Unternehmen, die frühzeitig den aufstrebenden Märkten in Fernost gefolgt sind. Also Aktien wie Adidas, Linde und SAP.

Das Erfolgsrezept ist, dass diese Unternehmen mehr als 70 Prozent ihrer Umsätze im Ausland erwirtschaften und gut an der Nachfrage in Boomländern und in stark wachsenden Regionen wie Asien und Nordamerika verdienen.

Wer sich dieses gute Gespür für Einzelaktien nicht zutraut, sollte auf Börsenindizes setzen und sein Risiko dadurch mindern – etwa in Form von preisgünstigen ETFs.

Vierter Börsenfehler: Niedrige Umsätze mit düsteren Perspektiven zu verbinden

Anfang 2019 stiegen die Aktienkurse bei niedrigen Umsätzen. „Der Aufschwung zum Jahresauftakt steht auf wackeligem Fundament, denn die Umsätze sind gering.“ Mit diesem Satz äußern Analysten und Medien häufig ihre Skepsis gegenüber einer Rally an den Aktienmärkten.

Umgekehrt dienen ihnen hohe Umsätze als Beleg für eine starke und intakte Aufwärtsbewegung – weil das Interesse der Anleger vermeintlich hoch ist.

Diese Deutung ist falsch. Bei niedrigen Umsätzen kaufen zwar nur wenige Anleger. Doch gleichzeitig verkaufen auch wenige. Hohe Umsätze zeugen dagegen von einem starken Verkaufsdruck.

Fakt ist: Jedem Kauf steht immer ein Verkauf gegenüber. Ein wichtiges Signal, dass sich eine Börsen-Hausse dem Ende zuneigt, sind rasant steigende Aktienumsätze – bei gleichzeitig steigenden Kursen.

In solch einer Phase wechseln die Aktien von „festen“ in „zittrige Hände“ – das wusste schon der verstorbene Börsenaltmeister André Kostolany: Erfahrene Anleger verkaufen an unerfahrene.

Folgen schließlich den neuen Anlegern keine weiteren nach, ist es bis zum Absturz nicht mehr weit. Einmal in Gang gekommen, beschleunigt sich die Talfahrt, wenn sich Banken und Versicherungen mit automatischen Verkaufsprogrammen vor weiteren Verlusten schützen. Die Umsätze steigen rasant.

Wenn anschließend die Stimmung am Boden ist, Anleger sich von ihren letzten Beständen trennen, ist die Zeit reif für eine Erholung. Zu diesem Zeitpunkt gibt es nur noch wenige neue Verkäufer und Käufer.

Markantes Beispiel dafür ist das Jahr 2003. Wenige Anleger trauten sich im Frühjahr, als der Irak-Krieg ausbrach und die Welt vor einer Rezession stand, Aktien zu kaufen.

Allerdings verkauften auch nur noch wenige Aktionäre ihre Papiere; es hatte bereits vorher reichlich Gelegenheiten dafür gegeben. Die Kurse stiegen trotz des Stimmungstiefs.

Fünfter Börsenfehler: Den Tagesnachrichten hinterherlaufen

Mehr als 100.000 Nachrichten laufen täglich über die Ticker, mehr als 100 haben durchaus die Relevanz, Kurse zu beeinflussen – und sie schaffen es auch.

Die Verlockung ist groß, möglichst viele Informationen aufzugreifen, zu verarbeiten und umzusetzen, um daraus eine Anlageentscheidung abzuleiten – und sein Depot ständig der neuen Situation anzupassen. Das ist fatal.

Einem Tag mit guten Nachrichten folgt oft ein Tag mit negativen Meldungen – sei es aus der Weltwirtschaft, aus der deutschen Binnenwirtschaft oder aus den Unternehmen selbst. Schlimmer noch: Viele einzelne Nachrichten sind geeignet, die Kurse sowohl nach oben als auch nach unten zu beeinflussen, je nachdem, ob die Grundstimmung gerade gut oder schlecht ist.

So beflügeln Übernahmegerüchte die Aktienkurse fast immer dann, wenn die Grundstimmung gut ist. Anleger heben dann die Chancen der Wettbewerbsvorteile und Synergieeffekte durch die Fusion in den Vordergrund.

Wenn die allgemeine Stimmung hingegen negativ ist, lähmen Fusionsabsichten die Kurse, weil Anleger eher die Risiken des Scheiterns der Integration und vor allem die finanzielle Schwächung infolge des (hohen) Kaufpreises bemängeln.

Tatsächlich sind die meisten Kursbewegungen nur kurzfristig und für eine Langfristanlage unwichtig. Langfristig steigt der Kurs einer Aktie, wenn das Unternehmen bessere Produkte herstellt, profitabler als seine Wettbewerber wirtschaftet und die Gewinne auf Dauer überdurchschnittlich stark steigert.

Alle Nachrichten abseits der Firma beeinflussen zwar ebenfalls den Aktienkurs und oftmals sogar stärker als Meldungen aus dem Unternehmen selbst – aber immer nur kurz- und mittelfristig, nicht auf lange Sicht.