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Füllstand der Gasspeicher steigt auf Rekord von 99,89 Prozent – der Vorrat an Erdgas in Deutschland war noch nie so groß

Die Gasspeicher in Deutschland sind so voll wie noch nie. - Copyright: Picture Alliance
Die Gasspeicher in Deutschland sind so voll wie noch nie. - Copyright: Picture Alliance

Der Füllstand der Gasspeicher in Deutschland hat einen neuen Rekordwert erreicht. Übers Wochenende stieg er auf 99,89 Prozent. Damit wurde der bisherige Höchststand von 99,66 Prozent aus dem November 2019 übertroffen. In den Speichern lagert mit 245,1 Terawattstunden so viel Erdgas wie nie zuvor. Dieser Vorrat allein reicht für gut zwei Wintermonate. Im Januar und Februar zusammen waren in Deutschland knapp 227 Terawattstunden Gas verbraucht worden.

Derzeit wird immer noch weiter Gas eingespeichert. Am Wochenende stieg der Füllstand um 0,16 Prozentpunkte. Auch der größte deutsche Speicher im niedersächsischen Rehden ist nun zu 94,66 Prozent gefüllt. Das geht aus Daten des europäischen Gasspeicherverbandes GIE hervor.

In Deutschland gibt es rund 25 Speicherbetreiber mit über 40 Untertage-Gasspeichern. Sie gleichen Schwankungen beim Verbrauch aus. Bis zum Ende der Heizperiode nehmen die Füllstände in jedem Jahr ab. Vor diesem Winter haben die Speicher eine besondere Bedeutung, da Russland kein Gas mehr über die Pipeline Nord Stream 1 liefert.

Obwohl die Speicher zu fast 100 Prozent gefüllt sind, können laut Speicherverband Ines weiter kleinere Gasmengen eingespeichert werden. Der Geschäftsführer der Initiative Energien Speichern (Ines), Sebastian Bleschke, rechnet bei den aktuellen Wetterprognosen damit, dass "der Kipppunkt, an dem Ausspeicherungen die Einspeicherungen im Saldo überwiegen, noch im November erreicht" wird.

Bleschke verwies darauf, dass der Füllstand aufgrund technischer Besonderheiten sogar leicht über 100 Prozent steigen könne. "Gasspeicher sind nicht mit einem Tank vergleichbar, der voll oder leer sein kann", sagte er. Vielmehr hänge die Befüllmöglichkeit von Einflussfaktoren ab, wie etwa der Temperatur, dem Brennwert oder auch vom Druck des vorgelagerten Gasnetzes. "Unter optimalen Bedingungen kann es durchaus sein, dass Gasspeicher einen Füllstand von mehr als 100 Prozent erreichen."

Die prozentualen Angaben des Speicherverbandes GIE beziehen sich auf ein "normales" Arbeitsvolumen. Bereits jetzt gebe es Speicher, deren aktuelle Füllmenge dieses ausgewiesene Arbeitsgasvolumen übersteige. Sie seien damit zu über 100 Prozent gefüllt. Die GIE-Zahlen weisen in diesen Fällen aber trotzdem nur einen Füllstand von 100 Prozent auf.

Wie lange die Speicher reichen, hängt davon ab, wie viel Gas über den Winter nach Deutschland kommt und wie viel verbraucht wird. Der Verbrauch wiederum hängt an den Temperaturen und dem Verhalten von Unternehmen und Haushalten.

"Sollte es im Winter sehr kalt werden, werden sich die Speicher auch sehr schnell wieder leeren", sagte der Präsident der Bundesnetzagentur Klaus Müller. "Deshalb ist es wichtig, dass wir auch bei sinkenden Temperaturen weiterhin sehr sorgsam mit dem Gasverbrauch umgehen und so viel wie möglich einsparen", mahnte er.

Zuletzt entwickelte sich der Gasverbrauch gut. Nach Daten der Bundesnetzagentur lag der Verbrauch in der ersten Novemberwoche um 36 Prozent unter dem Mittelwert der vergangenen vier Jahre. Allerdings waren die Temperaturen auch höher. Die Netzagentur hat als Ziel ausgegeben, mindestens 20 Prozent zu sparen, damit Deutschland ohne Gasmangel durch den Winter kommt.

Die jüngsten Entwicklungen haben die Chancen dafür deutlich verbessert. Das geht aus einer Berechnung der Netzagentur hervor. Neben den Einsparungen hätten vor allem zusätzliche Gasimporte und geringere Exporte im europäischen Gasverbund die Situation verbessert. Deutschland bezieht mehr Gas aus Belgien, den Niederlanden und Norwegen. Seit Ende Oktober kommt auch Gas aus Frankreich nach Deutschland. Mit kühleren Temperaturen werden sich aber auch die deutschen Gaslieferungen an Nachbarn wie Tschechien wieder erhöhen.

Deutschland habe die Speicher dank der Gaslieferungen aus anderen Ländern sehr schnell befüllen können, sagte Behördenchef Müller. "Deshalb sollte die Solidaritätsverpflichtung gegenüber unseren europäischen Nachbarn auch nicht infrage gestellt werden. Es gibt klare gesetzliche Regeln, die im Falle einer Gasmangellage greifen."

Die Netzagentur berechnete insgesamt vier Szenarien, mit unterschiedlichen Werten für Gasimporte und -exporte sowie den Temperaturen im Winter. Nur in dem ungünstigsten Szenario käme es Ende Februar zu einem Gasmangel und einer Rationierung von Gas für Unternehmen.

Haushalte und kleinere Gewerbekunden sind in Deutschland für rund 40 Prozent des Gasverbrauchs verantwortlich. Die übrigen 60 Prozent entfallen auf große Industriekunden. Die Haushalte und auch viele Unternehmen verbrauchen den Großteil des Gases in der Heizperiode zwischen Oktober und April.

Die Netzagentur entscheidet im Falle eines Engpasses über die Rationierung von Gas. Dabei gibt es eine Reihenfolge, nach der zuerst viele Unternehmen von Einschränkungen betroffen wären. Das soll helfen, kritische Infrastruktur und private Haushalte vor Einschränkungen zu schützen.

Mit Material von DPA