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EZB springt auf globalen Straffungszug auf: Entscheidungstag

(Bloomberg) -- Die Europäische Zentralbank steht kurz davor, ihre Zinssätze zum ersten Mal seit 11 Jahren zu erhöhen. Damit schließt sie sich nach Monaten des Zauderns dem weltweiten Trend weg von der ultralockeren Geldpolitik an.

Die steigenden Preise bereiten Haushalten, Unternehmen und Regierungen in den 19 Euro-Ländern so viel Kopfzerbrechen, dass die EZB bei ihrer Sitzung am heutigen Donnerstag sogar von ihrer Guidance abweichen und eine Anhebung um das Doppelte des geplanten Viertelpunktes in Betracht ziehen könnte. Die Geldmärkte sehen die Wahrscheinlichkeit bei 50-50.

Der Zinsschritt soll flankiert werden von der Vorstellung eines neuen Instruments, mit dem die EZB mögliche Verwerfungen an den Anleihemärkten eindämmen will. Die genaue Ausgestaltung des Anleihekaufinstruments wird wohl bis zum Schluss offen bleiben, da sich die Währungshüter über die Bedingungen für die begünstigten Länder streiten.

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Mit dem Schritt reiht sich die EZB zwar in die Liste der mehr als 80 Zentralbanken ein, die ihre Zinssätze in diesem Jahr bereits angehoben haben. Sie bleibt aber immer noch hinter der Federal Reserve zurück, die ihre Zinssätze bereits im März erhöhte und die sich zuletzt für einen Jumbo-Zinsschritt von 75 Basispunkten entschieden hat.

Und gerade jetzt, wo es losgeht, häufen sich Argumente für eine vorsichtige Vorgehensweise. Zwar wurde die unmittelbare Gefahr eines wirtschaftlichen Chaos abgewendet, da die russischen Gaslieferungen über die Nord-Stream-Pipeline am Donnerstagmorgen wieder anliefen. Doch die Rezessionsrisiken in Europa sind nach wie vor hoch und abhängig von den Launen Moskaus.

Zudem hat die politische Krise in Italien - wo Ministerpräsident Mario Draghi heute voraussichtlich zurücktritt - gezeigt, wie leicht die Bondmärkte zu verunsichern sind.

Was Bloomberg Economics sagt...

“Fortschritte beim Anti-Fragmentierungs-Instrument der EZB könnten ausschlaggebend dafür sein, ob es zu der im Juni angekündigten Anhebung um 25 Basispunkte kommt oder zu den 50 Basispunkten, die der EZB-Rat jetzt in Erwägung zieht. Wir sind nach wie vor der Ansicht, dass eine wirklich glaubwürdige Lösung für die Fragmentierung nur während einer Krise gefunden werden kann - was auf eine wenig überzeugende Ankündigung und eine geringere Zinserhöhung hindeutet.”

--Jamie Rush, Chefvolkswirt Europa. Für die vollständige Vorschau klicken Sie hier

Im Zuge einer Änderung des Zeitplans der Entscheidungstage werden die geldpolitischen Beschlüsse der EZB um 14:15 Uhr in Frankfurt bekanntgegeben - 30 Minuten später als bisher. Das Briefing von Präsidentin Christine Lagarde beginnt um 14:45 Uhr - 15 Minuten später.

Zinssätze

Auf seiner Sitzung im Juni verpflichtete sich der EZB-Rat, den Einlagensatz um einen Viertelpunkt auf minus 0,25% anzuheben. Je nach Entwicklung der Inflationsaussichten ist für die Sitzung im September ein größerer Schritt vorgesehen. Im Vorfeld der Ratssitzung diese Woche haben einige Mitglieder jedoch Zweifel geäußert und erwägen nun eine Anhebung um 50 Basispunkte, wie mit den Diskussionen vertraute Personen berichten. Dies würde alle Prognosen bis auf vier in einer Bloomberg-Umfrage unter 53 Volkswirten übertreffen.

Antifragmentierungs-Tool

Ob die EZB in der Lage ist, die Straffung zu beschleunigen, hängt auch von der Wirksamkeit der Maßnahmen ab, mit denen die Auswirkungen auf den Märkten eingedämmt werden sollen. Die Turbulenzen nach der letzten Sitzung des EZB-Rats veranlassten die Währungshüter, die Arbeit an dem so genannten Transmissions-Schutz-Mechanismus (“Transmission Protection Mechanism”) zu beschleunigen.

Das neue Instrument wird benötigt, damit ihre Bemühungen zur Inflationsbekämpfung nicht durch Schwankungen der Anleiherenditen zunichte gemacht werden. Das politische Erdbeben in Italien hat das Risiko spekulativer Attacken erhöht.

Überschrift des Artikels im Original:

ECB to Finally Join Global Rate-Hike Club: Decision Guide

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