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Experten schlagen Alarm: Corona-Konjunkturpakete in G20-Ländern bremsen Klimaschutz

·Lesedauer: 6 Min.

Der klimafreundliche Umbau der Weltwirtschaft ist 2019 vorangekommen. Die Coronakrise könnte die positive Entwicklung allerdings aufhalten, heißt es im „Climate Transparency-Report“.

G20-Protestaktion in Hamburg: Die 20 größten Volkswirtschaften stehen für 75 Prozent der Emissionen. Foto: dpa
G20-Protestaktion in Hamburg: Die 20 größten Volkswirtschaften stehen für 75 Prozent der Emissionen. Foto: dpa

Die Richtung stimmt, doch der Weg ist noch sehr lang: Die 20 größten Volkswirtschaften haben auf dem Pfad zur Klimaneutralität zaghafte Fortschritte gemacht. Im vergangenen Jahr sanken die energiebedingten CO2-Emissionen erstmals – und zwar um 0,1 Prozent nach einem Plus von 1,9 Prozent 2018. Und das, ohne dass eine Wirtschaftskrise dafür der Auslöser gewesen wäre. Das zeigt der diesjährige „Climate Transparency-Report“ der internationalen Initiative „Climate Transparency“, der an diesem Mittwoch veröffentlicht wird.

Seit 2015 legen 14 Forschungseinrichtungen und Nichtregierungsorganisationen einmal jährlich einen Überblick über Klimaschutz in den G20-Ländern und ihre Fortschritte auf dem Weg zur Klimaneutralität vor, bislang unter dem Namen „Brown-to-Green-Report“. Die G20-Länder stehen für 75 Prozent der weltweiten klimaschädlichen Treibhausgasemissionen. Ihr Kurs beim Klimaschutz ist also von größter Bedeutung.

„Unser Report zeigt, dass der Klimaschutz in vielen G20-Staaten – darunter Deutschland – vor Ausbruch der Corona-Pandemie erste Früchte getragen hat“, sagte Jan Burck von der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch und Mitautor der Studie.

Ein Risiko sind jedoch die Corona-Konjunkturpakete. Die Wiederaufbauprogramme bieten zwar die Chance, den nötigen Umbau zu einer klimaneutralen Wirtschaft zu beschleunigen, so Germanwatch. „Doch bisher müssen wir feststellen: Fossile Energien gehören in vielen Ländern zu den Profiteuren der billionenstarken Konjunkturprogramme“, erläuterte Burck. „Damit drohen die G20-Staaten die in den letzten Jahren rasant gewachsenen Marktchancen für grüne Energien zu verspielen.“

Das Problem dabei. Die Rahmenbedingungen der Hilfspakete sind in den meisten G20-Staten nicht auf das Pariser Klimaabkommen abgestimmt, zeigt der Report. Vor knapp fünf Jahren, im Dezember 2015, hatte sich die Staatengemeinschaft auf das Abkommen geeinigt. Es sieht vor, die globale Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius, besser auf 1,5 Grad im vorindustriellen Vergleich zu begrenzen und bis zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral zu werden. Die bisherige Erwärmung gibt der Report mit 1,1 Grad Celsius an. Angesichts der globalen Erwärmung fordern immer mehr Klimaexperten, die Anstrengungen zu verschärfen.

Immerhin könnte sich jetzt die politische Ausgangslage verbessert haben. China, Japan, Südafrika und Südkorea haben sich dem Wettlauf zur CO2-Neutralität bis Mitte des Jahrhunderts angeschlossen, die EU steht kurz vor der Verschärfung ihrer Klimaziele für 2030, und der künftige US-Präsident Joe Biden strebt ebenfalls Klimaneutralität bis 2050 an.

„Wenn China, die USA, die EU und weitere G20-Staaten ihre Langfristziele nun mit grünen Wiederaufbauprogrammen, mit ambitionierten Zwischenzielen und konkreten Umsetzungsstrategien untermauern, dann stehen wir vor einem Wendepunkt in der internationalen Klimapolitik“, sagt Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von Germanwatch. Er hofft, dass damit auch die letzten Unsicherheiten der Wirtschaft über den Kurs der großen Volkswirtschaften beseitigt werden. So lasse sich ein klares Signal senden: „Das Rennen zur Klimaneutralität, das Rennen in die Wirtschaft von morgen, hat begonnen.“

Noch unterstützen G20-Staaten ihre Kohle-, Öl- und/oder Gasindustrie

Doch noch sieht die Realität anders aus: Jeweils zehn G20-Länder unterstützen mit ihren Konjunkturpaketen laut Report den heimischen Kohle- oder Gassektor, neun auch die Ölindustrie. Die Macher des Berichts haben dabei sowohl direkte als auch indirekte Förderungen betrachtet. So unterstützen 15 Länder etwa ihre nationalen Fluggesellschaften, davon hat nur Frankreich diese Hilfen an Klimaauflagen gebunden. Sieben Staaten stützen ihre Automobilindustrie. Klimavorgaben für Autobauer machen dabei nur Frankreich und Deutschland.

„Einige G20-Mitglieder machen es im Vergleich immerhin etwas besser“, sagte Germanwatch-Experte Burck. „Die EU und Deutschland binden zumindest Teile ihrer Konjunkturhilfen an Klimakriterien.“ Dennoch gebe es auch da Schwächen bei der Umsetzung: Noch werde die Klimafreundlichkeit der Investitionen nicht an den Kriterien der sogenannten EU-Taxonomie gemessen. Sie gilt als stringenter Rahmen, nach dem sich nachhaltige Investitionen prüfen lassen. „Außerdem sollte immer sichergestellt werden, dass Konjunkturhilfen, die nicht direkt dem Klimaschutz dienen, zumindest nicht Klima- und Umweltziele gefährden. Das ist bisher nicht der Fall.“

Nach Prognose des Reports werden die energiebedingten CO2-Emissionen in der G20 durch die Coronakrise in diesem Jahr um 7,5 Prozent sinken, dürften aber im kommenden Jahr wahrscheinlich wieder deutlich steigen.

Ein entscheidender Faktor, der die ersten Klimaschutzerfolge 2019 ermöglicht hat, ist der anhaltende Boom bei den erneuerbaren Energien: Im Schnitt ist der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion in den G20-Staaten in den vergangenen fünf Jahren laut Report um knapp ein Fünftel auf nun fast 28 Prozent gewachsen. In Deutschland stieg er auf knapp 43 Prozent. Allerdings wurde der Zuwachs zuletzt durch einen massiven Einbruch beim Ausbau der Windenergie an Land gebremst.



Insgesamt werden die erneuerbaren Energien aber auch in diesem Jahr in den G20-Staaten ausgebaut. Für zusätzlichen Schub könnten dabei etwa die Pläne des designierten US-Präsidenten Joe Biden sorgen. Dennoch: Um auf einen Pfad zu kommen, der die Erderhitzung noch auf 1,5 Grad begrenzen kann, müsste gleichzeitig der Ausstieg aus den fossilen Energien deutlich schneller erfolgen, so die Experten.

Dabei schneidet Deutschland sogar schlechter ab als die Mehrheit der EU-Staaten. „Der beschlossene Kohleausstieg erfolgt zu langsam und nicht stetig“, kritisiert Kai Bergmann, Experte für deutsche Klimapolitik bei Germanwatch. Der Report attestiert dagegen Kanada, Frankreich, Großbritannien und Italien einen 1,5 Grad kompatiblen Kohleausstieg.

Allerdings hinkt der Vergleich, weil beispielsweise Frankreich gerade im Gegensatz zu Deutschland massiv auf Atomstrom setzt und weniger auf die Verstromung von Braunkohle.

Aufholbedarf im Verkehrssektor

Schlecht schneiden Deutschland und die G20 insgesamt im Verkehrssektor ab: Im Fünfjahrestrend sind die Emissionen im Transportsektor in Deutschland zuletzt erneut um 4,4 Prozent gestiegen. Während Japan, Frankreich, Großbritannien und Kanada sich ehrgeizige Fristen für den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor gesetzt hätten, gebe es in Deutschland keinen ausreichenden Plan für einen klimafreundlichen Individualverkehr, mahnt Germanwatch.

Im Gebäudesektor ist Deutschland im G20-Vergleich führend bei der Energieeffizienz im Neubau, hat aber Probleme bei älteren Gebäuden.

Insgesamt hat Deutschland seine Pro-Kopf-Emissionen in den vergangenen Jahren überproportional senken können, liegt aber mit 10,87 Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf und Jahr noch immer deutlich höher als der G20-Durchschnitt. Dieser liegt bei 7,32 Tonnen. Die EU-weist einen durchschnittlichen Pro-Kopf-Wert von 8,07 Tonnen aus.

Umweltschützer und Klimaexperten fordern entschlosseneres Handeln – auch um einen weiteren Anstieg der Schäden und Verluste durch den Klimawandel zu begrenzen. In den 20 Jahren zwischen 1999 und 2018 sind bei Extremwetterereignissen in den G20-Ländern pro Jahr durchschnittlich 11.000 Menschen ums Leben gekommen, heißt es in dem Report. Die wirtschaftlichen Schäden betrugen 130 Milliarden Dollar jährlich.