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Ex-Managerin von Thomas Cook will Reisen mit dem Flugzeug nachhaltiger machen – geht das überhaupt?

Die Ex-Thomas-Cook-Managerin Sonja Karl hat in München das Reisestartup Faircations gegründet
Die Ex-Thomas-Cook-Managerin Sonja Karl hat in München das Reisestartup Faircations gegründet

Zehn vor Elf im Frühstücksraum eines gehobenen Hotels an der Küste Thailands: Fleißig füllen Kellnerinnen und Kellner das Buffet auf. Zehn nach Elf in demselben Frühstücksraum: Kellnerinnen und Keller kippen unangerührte Croissants, Obst, Eier und Speck in Mülltüten. Die Frühstückszeit ist zu Ende, gleich fahren sie das Lunchbuffet auf.

In diesem Moment seien Sonja Karl Zweifel gekommen: Ist das Prinzip Massentourismus wirklich richtig? Kann das, was sie als Managerin beim Reiseveranstalter Thomas Cook tat, womit sie ihr Geld verdiente und worauf sie eine ansehnliche Karriere aufgebaut hatte – richtig sein? Die Zweifel der Leiterin des Fern- und Luxusreisen-Segments bei Thomas Cook mehrten sich. Und als Karl schwanger wurde, wurde ihr klar: Das geht so nicht weiter. „Wenn das Kind mich später mal fragt: Was hast du gemacht, um unseren Planeten zu erhalten, kann ich nur sagen: Ich habe Pauschalreisen nach Thailand verkauft.“ Nein, das wollte sie nicht.

Und so reift in der Münchnerin eine andere Idee. Klar blieb: Sie liebt das Reisen. Sie findet Tourismus gut und wichtig. Nicht nur hängt weltweit jeder zehnte Job direkt oder indirekt davon ab, dass Menschen verreisen, fünf Prozent des globalen Bruttosozialproduktes entstehen durch Tourismus. Dazu kommen das Thema Völkerverständigung und kultureller Austausch. „Ich möchte nicht in einer Welt leben wollen, wo der Horizont aller vor der eigenen Haustür endet,“ sagt sie.

Reisen wie aus dem Biosupermarkt

Nur müsste es anders gehen. Besser. Nachhaltig eben. Ihre Vision: Sonja Karl möchte beim Kauf einer Reise ebenso die Wahl haben zwischen einem konventionellen Produkt und einer nachhaltigen Variante, wie wenn sie im Supermarkt Müsli einkauft. Mit diesem Wunsch, das wusste die Reiseexpertin aus der in der Branche anerkannten Marktforschung Reiseanalyse, war sie nicht allein: 60 Prozent der Reisenden würden, wenn man sie danach fragt, gern nachhaltig reisen, aber nur sechs Prozent tun es bislang. „Warum ist es beim Thema Reisen immer noch so schwierig? Jede Branche nimmt das Thema Nachhaltigkeit irgendwie in Angriff. Nur meine nicht.“

Mutlose Menschen würden wohl sagen: Weil es nicht geht. Oder vielleicht auch, weil es binär ist: nachhaltiger als ein Langstreckenflug ist – logisch – kein Langstreckenflug.
Aber genau diese Logik wollte Sonja Karl nicht gelten lassen.

„In so einem großen Konzern wie Thomas Cook kam ich schnell an Grenzen, was die Umsetzung des Themas Nachhaltigkeit angeht“, erzählt die 41-Jährige. Also entscheidet sie: Dann eben anders. Sonja Karl beschloss zu gründen. Zeitlich günstig: Im Herbst 2019 geht der Konzern Thomas Cook pleite. Karl ist da selbst schon raus, ruft aber schnell ihren früheren IT-Leiter an. Ob er mit ihr gemeinsam eine digitale Lösung für nachhaltigen Tourismus aufbauen möchte? Stefan Seibel ist schnell begeistert.

Nachhaltiger Urlaub auf Mauritius

Mit ihm als Co-Gründer an Board ging Faircations im Februar 2021 nach langer Planungsphase offiziell an den Start. Faircations versteht sich als eine Plattform und Reisevermittlung, mit Hilfe derer sich Reisende Flüge, Transfers, Unterkünfte und Rundreisen in derzeit 14 Ländern, darunter Frankreich, Italien, Spanien, aber auch Mexiko, Mauritius und die Dominikanische Republik, individuell zusammenstellen können. In Kürze kommen auch Südafrika, USA und Kanada dazu.

Der Nachhaltigkeits-Clou: Für die Flüge kauft der Kunde CO2-Kompensationen per Atmosfair direkt dazu. Dass Langstreckenflüge klimaschädlich sind, lasse sich nicht wegdiskutieren, bekennt Karl. Die Kompensation sei eine Krücke, mit der man sich behelfen müsse, bis bessere Antriebsmittel wie das sogenannte E-Kerosin flächendeckend zum Einsatz kommen.

Die auf Faircations angebotenen Hotels seien allesamt geprüft und zertifiziert und zeichnen sich etwa durch ihre besonders hohe Energieeffizienz oder das garantierte Bezahlen fairer Löhne aus, so die Gründerin: „Und wir spenden ein Prozent vom Reisepreis an Projekte in den Zielgebieten.“

Zum nachhaltigen Angebot auf Faircations gehöre auch, dass hier nur Direktverbindungen und keine Gabelflüge angeboten werden. Und: Bei Fernreisen gibt es eine Mindestaufenthaltsdauer von zwei Wochen. Die Idee: Lieber seltener einen klimaschädlichen Langstreckenflug antreten, dafür länger blieben. Darüber hinaus verstehen die Gründer Nachhaltigkeit auch sozial: Wer über Faircations bucht, könne sicher sein, dass Hotels spätestens bei Anreise der Gäste bezahlt werden. In der Reisebranche eher die Seltenheit: „Die Bezahlung von Leistungsträgern durch große Veranstalter zieht sich oft Wochen, weil die so ihren eigenen Cashflow optimieren. Das ist totaler Usus“, sagt Karl. Aber halt nicht fair.

One-Stop-Shop-Lösung für nachhaltigen Urlaub

Klar gibt es bereits andere Anbieter und Webseiten, über die man Ökohotels buchen kann oder die nachhaltige Touren wohin auch immer anbieten. Ihren USP sehen die Faircations-Gründer aber darin, der One-Stop-Shop zu sein, der nachhaltige Reise-Pakete mit den Vorzügen einer klassischen Strandurlaub-Pauschalreise, aber den Freiheiten einer Individualreise verkauft.

Im vergangenen Sommer hat Faircations eine gut verdrahtete Investorin aus der Reisebranche gefunden: Heike Niederberghaus, Geschäftsführerin der Reisebürokette New Travel Reisebüro Vertrieb (NTRV), an der die AER Kooperation, die Gemeinschaft unabhängiger Reiseunternehmer, und der Flugticket-Großhändler Aerticket je zur Hälfte beteiligt sind, kündigte ihren Einstieg an. Zu AER wiederum gehören das Reisebüro STA Travel und der Fernreiseveranstalter Explorer, der so Faircations-Reisen über seine Webseite mit vermittelt. Auch Prodyna, ein Software-Entwicklungs- und Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt im Reise Bereich - etliche Fluglinien sind Kunden - investierte in einer ersten Runde.

Raus aus der Öko-Ecke

Neben der einfachen Verfügbarkeit möchte Sonja Karl nachhaltige Reisen auch „aus der Öko-Ecke holen“, wie sie sagt. Man denke schnell an das vegane Yoga-Retreat im Schwarzwald. Dabei möchte sie den Beweis antreten, das auch eine luxuriöse Fernreise oder ein Badestrandurlaub mit Kindern nachhaltig sein kann. Nachhaltiges Reise müsse nichts mit Verzicht und Mangel an Spaß zu tun haben.

Und mit einem höheren Preis? Auch nicht unbedingt, sagt Karl: „Es gibt nachhaltige Hotels in allen Preisklassen“, so die Reiseexpertin. Denn tatsächlich sei es ja auch so, dass Ressourcen-Management etwa in Sachen Energie oder Foodwaste den Hotels Geld spare. Das Problem mit den Preisen sei vielmehr, so Karl, dass den Kunden von großen Veranstaltern wie ihrem früheren Arbeitgeber, viel zu lange komplett unrealistische Preise als normal verkauft wurden. Für 499 Euro eine Woche all inclusive in der Dominikanischen Republik zu verbringen – das gehe nur zu Lasten der Wertschöpfungskette. Mit einem etwas flauen Gefühl beobachtet sie, dass die Großen nach Corona genau dort weitermachen. „Und ich verstehe das, die kämpfen alle ums Überleben und wollen nachholen, was sie die letzten Jahre verpasst haben“, sagt Sonja Karl. Aber sei ist auch froh, nicht mehr Teil dieser Form des Tourismus zu sein.

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