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Ex-Bayer-Chef Werner Wenning wird der deutschen Wirtschaft fehlen

Bagel-Trah, Simone
·Lesedauer: 9 Min.

Seine Klarheit und Verbindlichkeit haben Werner Wenning zu einem der wichtigsten deutschen Manager werden lassen. Trotzdem ist er stets bescheiden geblieben.

 Foto: dpa
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Die Karriere, die ihn in die Spitzen der deutschen und internationalen Wirtschaft führen sollte, wurde Werner Wenning nicht in die Wiege gelegt. Eigentlich wollte er als kleiner Junge etwas Handwerkliches machen. Elektriker stand ganz hoch im Kurs Doch als er 14 Jahre alt war, starb sein Vater. Es war das Jahr 1960, die Familie hatte wenig Geld, und der Teenager musste sofort Verantwortung übernehmen.

Um Geld dazuzuverdienen, schleppte er für einen Gemüsehandel Kartoffelsäcke durch das Lager. Für die Gemeinde trug er die Kirchenzeitung aus, auf einer Kegelbahn stellte er unermüdlich Kegel auf, und in den Schulferien verdingte er sich als Helfer in einem Lackbetrieb. Dass dieser junge Mann einmal eine der eindrucksvollsten und erfolgreichsten Karrieren in der deutschen Industriegeschichte hinlegen würde, hätte damals wohl niemand vorhergesagt.

Nach dem Besuch der Handelsschule in seiner Heimatstadt Opladen startete Werner Wenning mit 20 Jahren eine Ausbildung bei Bayer zum Industriekaufmann. Es war schon damals allgemein bekannt, dass man bei Bayer eine erstklassige Ausbildung erhält und interessante berufliche Perspektiven hat. Das Unternehmen übernahm ihn, und er fing im Rechnungswesen an. Er war nur 23 Jahre alt, als Bayer ihn nach Peru schickte. Dort sollte er in Lima in der neu gegründeten Landesgesellschaft des Unternehmens den Finanzbereich aufbauen. Daraus wurden dann 13 Jahre.

Dann stand eine Veränderung an. Dabei war es zunächst nicht wichtig, wie groß die ersten Karriereschritte waren, sondern dass spannende Aufgaben auf ihn warteten. So wechselte er nach verschiedenen Führungspositionen in der Konzernzentrale im Jahr 1992 als Landeschef nach Spanien. Dann ging es Schlag auf Schlag: Vier Jahre später wurde er Leiter der Bayer-Konzernplanung, 1997 Vorstandsmitglied, 2002 Vorstandsvorsitzender und 2012 Aufsichtsratsvorsitzender.

In dieser Zeit hat sich „seine“ Bayer grundlegend verändert – in vielerlei Hinsicht. Als er mit seiner Ausbildung anfing, erzielte Bayer umgerechnet drei Milliarden Euro Jahresumsatz. Bei seinem Abschied im Frühjahr 2020 waren es mehr als 43 Milliarden Euro. Es heißt, Glaube kann Berge versetzen – doch mit Fleiß, Kompetenz und der Fähigkeit, sich ständig weiterzuentwickeln, geht das auch. Werner Wenning ist der Beweis.

Er ist ein Mensch, der sich in allen seinen Rollen und Funktionen immer neu „erfunden“ und an neuen Herausforderungen gewachsen ist. „Wer immer schon tut, was er kann, bleibt immer das, was er schon ist“, hatte einst Henry Ford gesagt. Die Bereitschaft zum Wandel war nicht nur Werner Wennings persönlicher Schlüssel zum Erfolg, sondern auch der des Unternehmens.

Unter seiner Führung hat sich der Konzern erheblich verändert – von der Holding-Struktur über die Abspaltung der Chemie, aus der der MDax-Wert Lanxess hervorging, bis zur Gründung und dem Verkauf von Covestro, einem weiteren Dax-Konzern. Dazu kamen Zukäufe wie Schering, Aventis Crop Science, das Selbstmedikationsgeschäft von Roche und zuletzt die Akquisition von Monsanto, die bislang größte Übernahme eines deutschen Unternehmens im Ausland.

Ich habe mit Werner Wenning in verschiedenen Aufsichtsgremien zusammengearbeitet. Fast 15 Jahre im Aufsichtsrat und im Gesellschafterausschuss bei Henkel und rund sechs Jahre bei Bayer. In den Gremien werden sehr unterschiedliche Themen diskutiert und entwickelt. Es geht auch darum, neue Perspektiven einzunehmen und die richtigen Fragen zu stellen, um die richtigen und besten Entscheidungen für einen Konzern zu treffen.

Werner Wenning gehörte zu den Personen, die hierbei immer für besondere Orientierung und Klarheit gesorgt haben. Das habe ich hoch an ihm geschätzt.

Aufgrund seiner außergewöhnlichen Berufserfahrung war er für mich der ideale Gesprächspartner, gerade auch in schwierigen Fragen. Er vertraute einem, und man konnte ihm immer vertrauen. Gerade in Zeiten, in denen viele mit „alternativen Fakten“ herumtricksen, kann man nicht laut genug betonen: Ehrlichkeit und Vertrauen bleiben die beste Strategie.

Ich habe Werner Wenning über die Jahre der gemeinsamen Zusammenarbeit als einen Mann kennen und schätzen gelernt, der sich bewusst ist, dass er als Führungskraft stets auch eine Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft, dem Konzern und den Mitarbeitern hat.

Seine glaubwürdige, offene und verbindende Art hat bei Bayer immer geholfen, einen guten Austausch zwischen Konzernführung und den Arbeitnehmervertretern zu pflegen. Werner Wenning stand immer für gegenseitigen Respekt und ein Miteinander. Das habe ich in meiner Zeit im Bayer-Aufsichtsrat auch persönlich erleben können.

Gerade in schwierigen Phasen zeigte sich seine ganze Stärke: Zum einen gelang es ihm, eine sehr klare Linie vorzugeben und auch bei Gegenwind zu halten. Zum anderen ließ er nicht nach, die eigene Mannschaft über jeden Schritt informiert zu halten und zu motivieren. Die Belegschaft konnte spüren, dass er für sie und den Konzern kämpft.

Der große Abschied blieb ihm verwehrt

Er hat sich immer daran gehalten, das zu tun, wovon er – auch nach ernster Prüfung mit sich selbst – überzeugt war. Dabei leitete ihn stets die Frage, was letztlich das Beste für das Unternehmen und für die Beschäftigen sein kann. Und da war es nicht nur wichtig, was man umsetzt, sondern auch, wie man es macht.

Erfolg kann zu Kopf steigen. Nicht jedoch bei Werner Wenning. Bei allem, was er auf den großen Bühnen von Wirtschaft und Politik erreicht hat, ist er stets bescheiden und bodenständig geblieben. „Authentisch“, wie man heute so gern sagt. Auch das macht ihn aus.

Umso bedauerlicher finde ich, dass ihm bei der Hauptversammlung 2020, bei der aufgrund von Corona nur ein ganz kleiner Kreis von Personen zugelassen war, ein Abschied auf großer Bühne versagt geblieben ist und auch die Aktionäre ihm nicht wirklich danken konnten.

Er hätte dies mehr als verdient. Fast ein Drittel der mehr als 150-jährigen Bayer-Firmengeschichte hat er mitgestaltet. Er hat es gern und mit Leidenschaft gemacht, denn die Arbeit in „seinem“ Unternehmen bereitete ihm große Freude. Für ihn war das mehr als sein Beruf. Es war seine Berufung.

Alles das wäre nicht möglich gewesen, wenn er nicht immer auch die Unterstützung seiner Familie bekommen hätte. Dies sagt er mit Überzeugung und nicht als Floskel. Denn ohne seine Familie wäre die außergewöhnliche Karriere von Werner Wenning nicht möglich gewesen.

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Für ihn ist seine Familie mindestens zehnmal umgezogen. Und ohne seine Frau Ursula, die er seit der Handelsschule in Opladen kennt, wäre er wohl nur sehr schwer in die weite Welt gezogen: Als ihn Bayer als jungen Mann in die Ferne schicken wollte, zögerte er zunächst. Erst seine Frau, die gern ins Ausland wollte, konnte ihn überzeugen. Und Lima wurde daraufhin zu einer seiner wichtigsten Lebensstationen. Dort kamen seine beiden Töchter zur Welt.

Was ihn heute neben seiner Familie und den vier Enkeln in jedem Fall noch länger beschäftigen wird, ist der Fußball. Schon als Kind war er fußballverrückt. Er liebte es, die Elfmeter zu schießen, und noch größer war seine Begeisterung für Bayer 04 Leverkusen. Von Bayer hat er so gut wie alle Ergebnisse im Kopf.

Ich jedenfalls freue mich darauf, wenn Bayer 04 in der Ersten Bundesliga hoffentlich bald wieder gegen die Fortuna aus Düsseldorf spielt. Das würde ich gern gemeinsam mit Werner Wenning erleben, auch wenn das mit Blick auf die aktuelle Tabelle wohl noch etwas dauern wird.


Wer noch auffiel: Neue Prioritäten

Heinrich Bedford-Strohm

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) versteht seine Rolle gesamtheitlich. Natürlich vertritt Heinrich Bedford-Strohm ebenjene Kirche. Doch er bringt sich auch immer wieder in gesellschaftliche Debatten ein. So kritisierte er jüngst die Leugnung der Gefahren des Coronavirus als „unverantwortlich“. Wer andere in Gefahr bringe, könne sich nicht auf das christliche Freiheitsverständnis berufen. Und 2019 gehörte er zu den Unterzeichnern eines Briefs von Spitzenpolitikern und Wirtschaftsvertretern, die die Briten zum Verbleib in der EU aufforderten.

Mit seinem Engagement steht er für einen liberalen, weltoffenen und kommunikativen Kurs. Dazu gehört für ihn nun auch, seinen Rückzug selbst zu bestimmen. Der 60-Jährige hat angekündigt, im Herbst 2021 nicht für eine weitere Amtszeit zu kandidieren. „Es ist gut, wenn da jemand Neues rankommt, neue Akzente setzt, neue Impulse gibt“, erklärte er. Seit 2014 ist Bayerns Landesbischof das Gesicht der evangelischen Kirche in Deutschland. Seine Worte werden sicher auch darüber hinaus gehört werden. Claudia Panster

Olaf Koch

Der Zeitpunkt kam überraschend. Mitten in der herausfordernden Coronakrise verkündete der Metro-Chef im August, dass er zum Jahresende aufhören will. Doch aus seiner Sicht war es ein logischer Schritt: Acht Jahre lang hat er den Konzern zu einem reinen Großhändler umgebaut, Töchter wie Kaufhof und Real verkauft, Media Markt Saturn abgespalten und einen großen Teil der Schulden abgebaut, die seine Vorgänger aufgehäuft hatten.

Nun beginnt eine neue Phase, die er in andere Hände legen will. Klar dementiert hat er, dass sein Abgang etwas mit dem neuen Metro-Großaktionär Daniel Kretinsky zu tun hat, der mittlerweile 40 Prozent an Metro hält. Was Koch künftig machen will, weiß er noch nicht genau.

Wahrscheinlich wird der 50-Jährige nicht sofort wieder in die Verantwortung in einem großen Konzern gehen. Seine große Leidenschaft ist die Welt der Start-ups, vor seiner Metro-Zeit hat er selbst mal eins gegründet. Aus seinem Umfeld heißt es, er könne sich vorstellen, zunächst als eine Art Business Angel für junge Unternehmen zu arbeiten. Florian Kolf

Rubin Ritter

Am Abend des Nikolaustags versendete Zalando eine sehr persönliche Mitteilung: Co-Vorstandschef Rubin Ritter werde zur nächsten Hauptversammlung Europas größte Modeplattform verlassen. Die Karriere seiner Frau und die wachsende Familie habe dann Priorität, ließ sich der 38-Jährige zitieren. Seine Co-CEOs David Schneider und Robert Gentz, die ihn vor elf Jahren zu dem damaligen Start-up und aktuellen Dax-Aspiranten geholt hatten, werden das Unternehmen zu zweit fortführen.

Die neuen Freiräume will Gentz auch für ein Engagement in Nachhaltigkeit nutzen. Gentz, Schneider und Ritter haben kürzlich die „Z Foundation“ gegründet, „eine Plattform für gemeinsame philanthropische Projekte für mehr Chancengleichheit“. Über den Sommer verteilt hatte Ritter über Aktienoptionen 600.000 Aktien zu einem Preis von einem Euro erhalten und kurz darauf weiterverkauft. So waren ihm knapp 40 Millionen Euro zugeflossen. Anja Müller

Katja Suding

In der FDP wird sie die „Eisbrecherin“ genannt: Katja Suding gelang als Spitzenkandidatin bei der Bürgerschaftswahl in Hamburg 2015 der erste Wahlerfolg der Liberalen seit dem Desaster bei der Bundestagswahl zwei Jahre zuvor. Es war damals der Beginn eines Comebacks der FDP in den Ländern und im Bund – und auch ein Turbo für Sudings politische Karriere. Sie wurde stellvertretende Parteichefin und zog 2017 in den Bundestag ein, wo sie sich in der Fraktion federführend um die Bildungspolitik kümmerte. Außerdem stand sie weiter dem FDP-Landesverband Hamburg vor.

Anfang September kündigte Suding dann überraschend an, sich 2021 von allen Parteiämtern zurückzuziehen und nicht erneut für den Bundestag zu kandidieren. Die 44-Jährige führte persönliche Gründe an: „Mir war immer klar, dass ich mein Berufsleben nicht mit der Politik beenden werde.“ Was sie als ihre nächste Aufgabe sieht, verriet Suding bisher nicht. Gregor Waschinski