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Europaweite DNA-Tests sollen ganzen Pferdefleisch-Skandal enthüllen

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Berlin/Brüssel (dapd). Rind steht drauf, Pferd ist drin: Wer in den vergangenen Wochen Tiefkühl-Lasagne, Ravioli oder Gulasch verzehrt hat, hat dabei womöglich auf einem alten Gaul gekaut. 750 Tonnen als Rind deklariertes Pferdefleisch brachte alleine das französische Unternehmen Spanghero in Umlauf. Und die Produkte landeten auch in den Supermärkten von Real, Edeka, Kaiser (Other OTC: KGHI - Nachrichten) 's Tengelmann und Aldi Süd wie seit Freitag feststeht. Weitere könnten folgen.

In den in Deutschland entdeckten Schummelprodukten stecke bis zur Hälfte Pferdefleisch, sagte der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne). Ein Sprecher von Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) wollte nicht ausschließen, dass das nur "die Spitze eines Eisberges" ist.

EU-weite Schnell-Gentests an verarbeiteten Rindfleischprodukten sollen jetzt rasch Klarheit über das Ausmaß des Skandals schaffen. Die Ländervertreter unterstützten am Freitag entsprechende Kommissionsvorschläge und beschleunigten sie noch. Statt am 1. März sollen nun schon ab sofort 2.250 Stichproben von mutmaßlichen Rindfleischgerichten genommen werden, um herauszufinden, ob in der Lasagne oder dem Hamburger nicht doch Pferdefleisch steckt.

Er begrüße es sehr, dass sich die Länder so rasch dazu durchgerungen hätten, sagte EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg. Die einzelnen Länder müssen zwischen 10 und 150 Tests durchführen.

Aigner für "stärkere Transparenz" bei Herkunftskennzeichnung

Parallel zu den Gentests werden in Schlachthäusern und in importiertem Pferdefleisch weitere Proben genommen, um das Fleisch auf Rückstände des verbotenen Arzneimittels Phenylbutazon zu testen. Das entzündungshemmende Mittel wird auch als Doping eingesetzt und macht das Fleisch ungenießbar.

Die Tests können indes nur das Ausmaß aufdecken. Um das Verbrauchervertrauen nachhaltig wieder zu gewinnen, will Aigner nach langem Widerstand nun auch strengere Regeln für die Herkunftsbezeichnung in verarbeiteten Produkten akzeptieren. Man fordere an dem Punkt eine "stärkere Transparenz", hieß es auf Nachfrage aus deutschen Delegationskreisen.

Bislang muss nur bei unverarbeitetem Rindfleisch die Herkunft angegeben werden. Die Agrarindustrie hatte sich erfolgreich gegen eine Kennzeichnungspflicht auch bei verarbeiteten Produkten gewehrt - weil das zu kompliziert sei. Im Fall der Pferde-Lasagne hätte der Schwindel mit einem klaren Etikett schneller aufgedeckt werden können. Das Thema wird nun die EU-Landwirtschaftsminister auf ihrer Sitzung in zwei Wochen beschäftigen.

"Getäuscht und betrogen"

Kaiser's Tengelmann erklärte am Freitag, der Hersteller seiner A&P-Lasagne, das französische Unternehmen Comigel habe in seinen Fertiggerichten durchgängig Anteile von Pferdefleisch gefunden. "Wir fühlen uns von unserem Lieferanten getäuscht und betrogen. In einer Lasagne mit Rindfleischbolognese sollte auch ausschließlich Rind zu finden sein", erklärte Geschäftsführer Raimund Luig.

Die Handelskette kritisierte den Umgang der Behörden mit dem Skandal. "Es hat viel zu lange gedauert, bis durch die installierten behördlichen Warnsysteme klar wurde, dass auch Deutschland betroffen ist", sagte Luig.

Die Discountkette Aldi Süd entdeckte nach eigenen Angaben in zwei Fertiggerichten nicht deklariertes Pferdefleisch und nahm sie aus den Regalen. Betroffen sind Ravioli der Sorte Bolognese in der 800-Gramm-Dose des Lieferanten BLM und Rindergulasch in der 540-Gramm-Dose des Lieferanten Omnimax, wie das Unternehmen auf seiner Internetseite mitteilte.

Als Haupturheber haben die französischen Behörden den Zulieferer Spanghero identifiziert. "Es ist als Pferdefleisch bei Spanghero eingetroffen und als Rindfleisch rausgegangen", sagte der französische Verbraucherminister Benoit Hamon am Donnerstagabend. Es handele sich um "Wirtschaftsbetrug", für den sich Spanghero verantworten müsse. Dem Lebensmittelbetrieb wurde die Lizenz zur Fleischverarbeitung entzogen. Noch am Montag hatte die Firma erklärt, nur mit Rindfleisch gehandelt zu haben.

Bei allem Zorn auf Betrüger und langsame Behörden: Grünen-Fraktionschefin Renate Künast nahm auch die Verbraucher in die Mitverantwortung für den Schlamassel: "Wer glaubt, dass man für 1,29 Euro hohe Qualität bekommt für eine Tiefkühl-Lasagne, der liegt falsch", sagte sie in der ARD.

dapd