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Europas Börsen – besser, als viele denken

Die schweren Kursverluste der Industrieaktien Daimler, BASF oder Henkel führen dazu, dass im Dax jetzt mehr Chancen als Risiken stecken. Hilfe für die Kurse kommt dabei aus ganz Europa, erkennbar am Stoxx 600.

Seit einigen Wochen zeigt ein Börsenindex Muskeln, den nur wenige Anleger auf dem Schirm haben, der aber dennoch aussagekräftig ist: Der Stoxx 600, der Index der 600 wichtigsten europäischen Aktien, in dem auch die führenden Papiere aus der Schweiz und aus Großbritannien enthalten sind.

Der Stoxx 600 notiert derzeit bei gut 390 Punkten. Im Bereich um 400 Punkte hat dieser Index in den vergangenen zwei Jahrzehnten zahlreiche Hochpunkte gebildet. Allein seit 2017 ist er siebenmal bis knapp auf 400 vorgedrungen.

Generell gilt: Je öfter und hartnäckiger eine Aktienmarktkurve – egal ob Einzelwert oder Index – eine bestimmte Zone anläuft, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Widerstand irgendwann gebrochen wird. Hintergrund dafür sind die immer wieder neuen Käufe, die sich in den wiederholten Kursavancen spiegeln.

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Das Gegenteil ist der Fall, wenn Aktienmarktkurven von einem Widerstand schnell abdrehen. Dann sind offensichtlich die Verkäufer stärker. Könnten nun dieses Mal im Stoxx 600 die Käufer die Oberhand gewinnen?

Es gibt derzeit durchaus Gründe, die für europäische Aktien sprechen. Dazu gehört sogar der Konjunkturverlauf. Der sieht auf den ersten Blick nicht besonders vielversprechend aus: Die meisten Wirtschaftsdaten deuten darauf hin, dass die Konjunktur eine längere Zitterpartie vor sich hat und selbst die Gefahr einer Rezession besteht.

Für die Aktienmärkte ist eine solche Konstellation aber kein Knockout. Im Gegenteil: Wenn Aktienmärkte die konjunkturelle Talfahrt durch ausgedehnte Kurskorrekturen schon vorweggenommen haben, ziehen die Kurse in der Regel gerade dann wieder an, wenn es zur ursprünglich erwarteten Abschwächung oder gar Rezession kommt.

Um zu prüfen, ob der Markt die angeschlagene Konjunktur schon verarbeitet hat, genügt es nicht, auf Sammelindizes wie den Dax oder den Stoxx 600 zu blicken. Das Gesamtbild wird verzerrt durch Branchen und Einzelwerte, die eine starke Eigenentwicklung haben.

Adidas zum Beispiel wächst operativ seit vielen Jahren und dürfte durch die jüngsten, guten Ergebnisse des Konkurrenten Nike zusätzlich beflügelt werden. Seit 2014 haben sich Adidas-Aktien fast versechsfacht. Lange sollte es nicht mehr dauern, bis die Marke von 300 Euro erreicht ist.

Auch Aktien wie Wirecard, die Deutsche Telekom oder die Deutsche Börse haben eine eigene Entwicklung genommen, die wenig mit der Dax-Kurve gemein hat, die aber dennoch in die Dax-Rechnung einfließt.

Wenn man wissen will, ob die Börse die wacklige Wirtschaft angemessen verarbeitet hat, muss man auf Konjunkturwerte wie Daimler, BASF oder Henkel schauen. Und hier kam es in der Tat zu schweren und ausgedehnten Kursrückgängen, die immer noch anhalten.

Das aber heißt auch: Die gefallenen Engel im Dax sind der Grund dafür, dass die Gesamtkurve nun erstaunlich resistent gegen Rückschläge geworden ist und langfristig eher Spielraum nach oben hat als nach unten.

Natürlich muss das Umfeld dafür stimmen. Die Konjunktur darf nicht völlig abstürzen, sondern sollte spätestens nächstes Jahr wieder langsam aus dem Tal kommen. Die Zinsen sollten auf niedrigem Niveau bleiben, noch weiter in den negativen Raum müssen sie gar nicht gedrückt werden. Und die Unternehmensgewinne sollten sich nach den aktuellen Tiefschlägen (Daimler im zweiten Quartal 1,2 Milliarden Euro Verlust) gegen Ende des Jahres langsam stabilisieren und nächstes Jahr von ermäßigtem Niveau aus wieder zulegen.


Der Euro: Vom Buhmann zur heimlichen Stütze

Für europäische Aktien gibt es dabei eine wichtige Hilfe: Der Euro ist kontinuierlich auf dem Rückzug. Binnen zwei Jahren hat er gegenüber dem Dollar von 1,25 auf 1,09 verloren. Die nächsten Ziele liegen bei 1,07 Dollar und schließlich im Bereich um 1,05 Dollar, dem Tief der Jahre 2014 bis 2016. Man muss bis ins Jahr 2002 zurückgehen, um noch niedrigere Notierungen des Euro zu finden.

Im vergangenen Jahr kamen von deutschen Unternehmen bei der Vorlage der Geschäftszahlen immer wieder Klagen über Währungsnachteile, die mit dem hohen Euro begründet wurden. Mit dem Sinkflug des Euro hat sich dieser Währungsnachteil in einen Vorteil verwandelt.

Ein Risiko sind dabei zwar Rohstoffe, die in der Regel in Dollar bezahlt werden, also für Europäer teurer werden. Umso wichtiger ist es, dass es hier nicht zusätzlich zu scharfen Preisanstiegen kommt. Das gilt vor allem für Rohöl, das sich nach der Preisspitze wegen des Drohnenangriffs auf große Produktionsanlagen in Arabien nun wieder auf gut 60 Dollar je Fass eingependelt hat. Der Puffer der umfangreichen Rohöllager und die Aussicht auf Produktionserhöhungen wirken ausgleichend.

Kaum noch ins Gewicht fallen die Dauerbaustellen Brexit und Schuldenkrise Italiens. Wenn, dann sind sie noch bei den Bankaktien zu spüren. Die leiden unter der Finanz- und Schuldenkrise, Überversorgung in der Geldbranche und Konkurrenz durch neue, flinke Fintechs.


Die robuste Verfassung des Stoxx 600 ist angesichts der Unsicherheiten (Konjunktur, Handelsstreit, Schuldenkrisen) und des latenten Pessimismus unter Anlegern bemerkenswert. Der Dax hinkt hier etwas hinterher, weil sich in ihm die Krise der hierzulande hoch gewichteten Autoindustrie niederschlägt. Seine Grundverfassung ist ähnlich und birgt derzeit eher Aufwärtschancen als Abwärtsrisiken.

Fazit: Nachdem der Dax planmäßig noch einmal in den Bereich zwischen 12.200 und 12.000 Punkte zurückgekommen ist, sollte er nun zunächst wieder auf das September-Hoch bei 12.500 vordringen. Mittelfristiges Ziel wäre dann die Juli-Spitze um 12.650 Punkte. Dass der Dax bei seiner jüngsten Erholung weit oberhalb der steigenden 200-Tage-Linie gedreht hat (die erst bei knapp 11.800 Punkten verläuft), ist ein Zeichen von Stärke.