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Europa muss größer denken

Es ist richtig, dass Banken und Versicherer digitale Plattformen aufbauen. Doch es braucht deutlich mehr, wenn die Institute nicht abgehängt werden wollen.

Immer mehr Kunden nutzen digitale Zugänge für die Kontoführung. Banken und Versicherer reagieren mit eigenen Plattformen. Doch Insellösungen helfen angesichts der neuen Rivalen kaum weiter. Foto: dpa

„Wir sind kein natürlicher Eigentümer einer Bank. Das ist hoffentlich klar geworden in der letzten Dekade“, räumte Allianz-Boss Oliver Bäte im Frühjahr 2019 ein. „Man muss immer wissen, was man kann und was nicht.“ Der Satz war auch eine Anspielung auf die desaströse Übernahme der Dresdner Bank, unter die der Dax-Konzern 2008 einen Schlussstrich zog.

Dennoch bläst Europas größter Versicherungskonzern mit seinem Start-up Iconic Finance nun unübersehbar zum digitalen Angriff auf Banken und Fintechs. Auch die Onlinebank N26 weiß im Kampf mit den traditionellen Geldhäusern die Münchener auf ihrer Seite, die sich 2018 über ihre Investmenttochter an der Digitalbank beteiligten.

Wird Bäte also wortbrüchig? Kaum etwas spricht dafür. Niemand in München träumt von einem Allfinanzkonzern klassischer Prägung. Die Übernahme einer kompletten Bank mit Filialnetz dürfte das Allianz-Management kaum elektrisieren. Dennoch ist es klug, dass Europas größter Versicherer – ebenso wie viele Banken – seine digitalen Möglichkeiten neu überdenkt und dabei auch mit neuen Geschäftsfeldern experimentiert. Denn immer mehr zeichnet sich ab, dass der digitale Umbruch auch in der traditionsbewussten und teilweise vergleichsweise langsamen Versicherungsbranche viel verändern wird.

Schon 2025 könnten digitale Plattformen für rund 30 Prozent der weltweiten Umsätze verantwortlich sein, schätzen Experten. Dringlicher denn je stellt sich deshalb für Topmanager der deutschen Banken und Versicherer die Frage, welchen Platz ihr Unternehmen in diesem Umbruch einnimmt.

Viel Zeit für Antworten bleibt nicht. Was passiert, wenn sich eine Branche zu lange neuen technologischen Trends nur halbherzig öffnet, lässt sich gerade in der deutschen Autoindustrie beobachten. Lange fuhren die deutschen Hersteller beim E-Auto nur mit Standgas. Nun bekennt sich VW wie kein zweiter etablierter Hersteller zum E-Auto und versucht, mit massiven Investitionen die verlorene Zeit aufzuholen. Die deutschen Assekuranzen sollten daraus lernen: Angst vor der Zukunft war noch nie ein hilfreicher Ratgeber.

Denn die Konkurrenten heißen nicht mehr allein Unicredit oder Axa, sondern vor allem Google, Amazon und Co. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Internetriesen auch in großem Stil Finanzdienstleistungen anbieten. Für die meisten Kunden ist ein Gehaltskonto oder die Hausratsversicherung jedoch nur ein Baustein ihrer persönlichen Finanzen. Die deutschen Finanzfirmen müssen sich deshalb mehr öffnen. Eigene Plattformen, auf denen die Kunden zwischen vielen Angeboten wählen sowie mehrere Konten verwalten können, sind durchaus ein Schritt in die richtige Richtung.

Ausreichen wird er jedoch nicht. Es erinnert an Kirchturmpolitik, wenn jeder große Anbieter seine eigene Plattform aufmacht – zu groß und gewaltig sind die möglichen Gegner. Allein Amazon gibt 24,4 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung aus – das ist mehr, als die Deutsche Bank und Allianz zusammen im vergangenen Jahr verdient haben. Banken und Versicherer sollten deshalb intensiv nachdenken, ob nicht mehr Kreativität als der Aufbau einzelner Insellösungen nötig ist.

Jeder auf sich gestellt dürfte kaum eine Chance gegen die Internetgiganten aus China und den USA haben – dafür ist der technologische Rückstand schon zu groß. Europa kann es nur schaffen, wenn es enger auf diesem Feld kooperiert.
Das kann jedoch nur mit Unterstützung der Politik gelingen.

So muss die Bildung von Konsortien in neuen Technologiefeldern unterstützt werden. Auch die Zusammenarbeit von Entwicklungseinheiten und der Austausch von Daten sollten erleichtert werden. Dazu gehört aber auch, dass bei der Fusionskontrolle stärker der Weltmarkt als Referenz in Betracht gezogen wird als bisher. Die untersagte Fusion der Zughersteller Siemens und Alstom zeigt, dass der Weg dahin noch weit ist.

In der Luftfahrt hat das Airbus-Projekt es bereits vorgemacht. Mit dem paneuropäischen Luftfahrt-Hersteller sind Deutschland und Frankreich und später Großbritannien sowie Spanien erfolgreich in die amerikanische Phalanx von Boeing und McDonnell Douglas eingebrochen. Ist es wirklich unmöglich, dass dies Jahrzehnte später auf einem anderen technologischen Feld noch einmal gelingen kann? Das Geld könnte über Stiftungen oder aus Wagniskapitalfonds öffentlicher Banken aufgebracht werden.

Das neue Angebot könnte sich mit einem strengeren Verständnis von Privatsphäre und Datenschutz von den Rivalen abheben. Ein Airbus 4.0 der Plattformökonomie für Europa ist natürlich für Wirtschaft und Politik eine gewagte Vision. Doch ohne Kraftanstrengung könnte viel verloren gehen. Am Ende bleibt den europäischen Finanzadressen sonst möglicherweise auf wichtigen Feldern nur noch eine undankbare Rolle übrig – die eines Lokalmatadors.