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Die EU-Kommission setzt auch auf den umstrittenen blauen Wasserstoff

Die EU will die Wasserstoffherstellung massiv fördern. Auch die Umwandlung von Erdgas in Wasserstoff soll eine Rolle spielen.

Wasserstoff gilt manchen als Wundermittel bei der Transformation zu einem klimaneutralen Europa: Er kann CO2-neutral hergestellt werden und so zu einem entscheidenden Faktor werden, wenn es darum geht, energieintensive Branchen wie die Stahlherstellung oder die Chemieindustrie zu dekarbonisieren. Auch Flugzeuge, Schiffe und Lkws könnten mit Wasserstoff klimaneutral bewegt werden.

EU-Vizekommissionspräsident Frans Timmermans strebt nicht weniger an, als die EU zum Wasserstoff-Weltmarktführer zu machen. Derzeit haben asiatische Länder die Nase vorn. Die deutsche Bundesregierung will die Technik mit Milliarden fördern.

Im Juli will die EU-Kommission nun ihre Wasserstoffstrategie für Europa vorstellen, die gleichzeitig ein Fundament des Corona-Wiederaufbaus sein soll. Der zehnseitige Entwurf der Strategie liegt dem Handelsblatt vor.

Darin betont die EU-Kommission, dass sogenannter grauer Wasserstoff nicht Teil der EU-Wasserstoff-Zukunft sein kann. Grauer Wasserstoff wird aus Erdgas hergestellt, bei der Produktion wird CO2 freigesetzt.

Blauer Wasserstoff ist hingegen Teil der Strategie. Der wird zwar ebenfalls aus Erdgas hergestellt; im Gegensatz zu seinem grauen Verwandten gelangt bei seiner Herstellung das CO2 allerdings nicht in die Luft, sondern wird abgeschieden und in der Erde gespeichert. Die Technik dazu nennt sich „Carbon Capture and Storage“ (CCS). Grüner Wasserstoff wiederum wird CO2-frei aus erneuerbaren Energien hergestellt.

In dem Arbeitspapier schreibt die EU-Kommission, dass blauer und grüner Wasserstoff derzeit einen nicht nennenswerten Anteil am europäischen Energiemix ausmachen. Ab dem Jahr 2030 soll der Anteil aber rapide steigen.

Dass die EU bei ihrer Wasserstoff-Zukunft nicht ausschließlich auf grünen, sondern auch auf blauen Wasserstoff setzen will, zeigen auch die immensen Investitionen in den Bereich Carbon Capture and Storage. Milliarden sind schon geflossen, Tendenz steigend. Auch im Rahmen des EU-Corona-Wiederaufbauplans zählt dieser Sektor zu den stark Begünstigten.

Diese Investitionen gelten jedoch als hochrisikobehaftet. Dass die Technologien jemals Marktreife erlangen, ist nicht garantiert.

Und generell ist die Speicherung von CO2 hochumstritten. Das Problem: Es müsste ein Endlager gefunden werden, das den Kontakt von Menschen und Natur mit dem gespeicherten Kohlenstoffdioxid verhindert. Damit ergibt sich ein ähnliches Problem wie beim Atommüll.

Erschaffung eines offenen Wasserstoff-Marktes ohne Handelsbarrieren

Derzeit werden 9,8 Millionen Tonnen Wasserstoff in der EU produziert, weltweit 74 Millionen, schreibt die Kommission. Nur vier Prozent davon seien grün. Es gebe Barrieren für ein weiteres Wachstum, so die Brüsseler Behörde in ihrem Papier.

Deswegen will sie die Wirtschaftlichkeit von grünem Wasserstoff „mit starker politischer Lenkung“ fördern und spricht zudem von einer „Investitionsherausforderung“ und von einem „Fenster für einen Wasserstoff-Innovationsfonds“.

Auch kleine und mittelständische Betriebe sollen im Zuge der Wasserstoff-Strategie begünstigt werden. Die Energiebesteuerung soll beispielsweise so gestaltet werden, dass eine Lenkungsfunktion entsteht.

Im Zuge der Post-Corona-Konjunkturhilfen solle der Umsatz der Wasserstoff-Branche von derzeit zwei Milliarden Euro auf 140 Milliarden Euro steigen, und bis 2030 sollen in dem Sektor 140.000 Arbeitsplätze entstehen.

Zusätzlich will die EU-Kommission dafür sorgen, dass die Mitgliedstaaten zusammenarbeiten, koordiniert vorgehen und sich nicht gegenseitig im Wege stehen. Dabei betont sie die Notwendigkeit, Investitionen in den Ausbau der Erneuerbaren zu erhöhen, um grünen Wasserstoff auch tatsächlich produzieren zu können.

Ebenso will die Kommission im Hinblick auf die internationale Konkurrenz mehr Geld in die Hand nehmen. So investiert China pro Kopf vier Euro in seine Wasserstoff-Zukunft, Japan drei, die USA 75 Cent und die EU bislang nur 50 Cent. Dabei weist die EU-Behörde darauf hin, dass Wasserstoff ein neuer geopolitischer Machtfaktor geworden ist.

So will sie auch Wasserstoff-Partnerschaften zum Fundament der EU-Nachbarschaftspolitik sowie der EU-Afrika-Politik machen. In diesem Rahmen sollen Partnerländer angehalten werden, grünen Wasserstoff zu produzieren.

In dem Papier schreibt die Kommission von der „Notwendigkeit, einen offenen und wettbewerbsfähigen grünen Wasserstoff-Markt zu erschaffen“. Der unbeschränkte, grenzüberschreitende Handel mit dem Energieträger solle möglich sein und die nötige Infrastruktur müsse geschaffen werden – wobei alle für den Ausbau bedeutenden Akteure einen freien Marktzugang haben sollen.