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EU-Klimaziele: Wie Frans Timmermans seine Jahrhundertaufgabe vorantreibt

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Der Vizepräsident der EU-Kommission stellt mit der Chemie-Wende und einem riesigen Renovierungsprogramm für Häuser die Weichen für ein nachhaltiges Europa.

Pressekonferenzen machen dem obersten Klimaschützer der Europäischen Union (EU) sichtlich Freude. Am Mittwoch brachte es Frans Timmermans gleich auf zwei Auftritte an seinem Brüsseler Amtssitz.

Der Niederländer kündigte eine bislang in Europa noch nie da gewesene Renovierungswelle an. In den nächsten zehn Jahren sollen 35 Millionen Häuser für einen geringeren Energieverbrauch fit gemacht werden. „In Europa sollen Beleuchtung, Heizung oder Kühlung der eigenen vier Wände kein Luxus sein, der verheerende Folgen für die Finanzen oder den Planeten hat“, verspricht Timmermans, der den „Green Deal“ verantwortet.

Außerdem präsentierte er unmittelbar danach die mit Spannung erwartete Chemie-Wende der EU. Künftig sollen hochgiftige Substanzen aus dem Alltag der Europäer verbannt und die Innovation der Chemieindustrie gefördert werden.

Der Zeitpunkt für die beiden Initiativen ist gut gewählt. Denn schließlich wird auf dem morgigen Treffen der Staats- und Regierungschefs auch über die Erhöhung des Klimaziels, nämlich die Treibhausgase bis 2030 um 55 Prozent statt wie bisher um 40 Prozent zu senken, entschieden.

Der frühere niederländische Außenminister weiß sich in Szene zu setzen. Mit seiner leidenschaftlichen Presseshow im Berlaymont stahl er am Mittwoch seiner Chefin, Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die Show.

Die hatte nur eine durchaus spannende Bauhaus-Initiative zu verkünden, die aber im aufgeregten Brüssel dieser Tage nur wenig Aufmerksamkeit erhält. Zwischen den beiden herrscht ein Konkurrenzverhältnis. Schließlich war Timmermans im Rennen um den Chefsessel der EU-Kommission Ursula von der Leyen unterlegen.

Timmermans ist seit Dezember als Vizepräsident für den Klimaschutz verantwortlich. Der vielsprachige Sozialdemokrat treibt diese Jahrhundertaufgabe mit Energie voran. Vor allem besitzt er Charisma.

Wenn er wie am Mittwoch mit der estnischen Energiekommissarin Kadri Simson oder dem litauischen Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius vor die Kameras tritt, wirken seinen Kommissionskollegen ihm gegenüber auffallend blass. Denn Timmermans zeichnet in freier Rede die große Linie. Die Details überlässt er lieber den Fachkollegen, die sich an das vorbereitete Wording klammern.

Ungeduldiger Schwerstarbeiter

Hinter der lockeren Fassade steckt ein Schwerstarbeiter. Wer im Team des 59-Jährigen arbeitet, kann getrost das Wort Überstunden aus seinem Vokabular streichen. Manchmal kann es auch ruppig werden, denn der Niederländer setzt auf Geschwindigkeit. Geduld zählt nicht zu seinen größten Tugenden. Die Kommission kennt er ohnehin in- und auswendig. Denn unter dem vorigen Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker war er eine Art COO der EU-Exekutive.

Geschickt versteht Timmermans bei seinen klimapolitischen Initiativen über alle politischen und wirtschaftlichen Lager zu punkten. Die Handwerker freuen sich über den Auftragsschub, die Chemiebranche ist erfreut über einen wirtschaftsfreundlichen Kurs und selbst die großen Fraktionen im Europäischen Parlament loben seine Pläne.

Timmermans, der einst französische Literatur- und Sprachwissenschaft studiert hatte, besitzt Sensibilität und analytisches Talent. Damit setzt er auch hochkomplexe Themen in konkrete Politik um, die kaum jemanden zurücklässt.