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Erstmals zwei Frauen im Rat der Wirtschaftsweisen

Mit ihren Forschungsschwerpunkten könnten die Ökonominnen dem Beratergremium der Bundesregierung einen Modernisierungsschub verleihen.

Erstmals seit seiner Gründung vor 56 Jahren ziehen zwei Frauen in den Sachverständigenrat Wirtschaft ein: Die Verhaltensökonomin Veronika Grimm und die Wettbewerbsökonomin Monika Schnitzer sollen die Wirtschaftsweisen komplettieren. Regierungskreise bestätigten gegenüber dem Handelsblatt einen entsprechenden Bericht der „Süddeutschen Zeitung“.

Wann die Bundesregierung die Berufungen offiziell per Kabinettsbeschluss umsetzt, steht allerdings noch nicht fest. Zwar sind sich Wirtschafts- und Finanzministerium über die Ernennung der beiden Wissenschaftlerinnen vollkommen einig, auch haben beide Wissenschaftlerinnen bereits zugesagt.

Im Finanzministerium von Olaf Scholz (SPD) soll die eigentlich fertige Beschlussvorlage für kommenden Mittwoch jedoch noch aufgehalten werden: Wie es in Regierungskreisen hieß, will die SPD durchsetzen, dass gleichzeitig eine dritte Personalie mitbeschlossen wird: Ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin für den Wirtschaftsweisen Lars Feld (53) soll gefunden werden.

Allerdings: Felds Amtszeit endet erst Ende Februar 2021 – und eigentlich wollen die Wirtschaftsweisen ihren nun dienstältesten Kollegen gerade zu ihrem Chef küren.

Hintergrund ist, dass die SPD quer zu den steuerlichen Positionen des Leiters des Freiburger Eucken Instituts liegt. Seit Langem schon will sie einen ihr genehmeren Ökonomen in den Sachverständigenrat schicken. In diesem Zusammenhang fallen stets die Namen Marcel Fratzscher, Tom Krebs und Jens Südekum.

Sie kamen bisher nicht zum Zuge, weil sie Männer sind – und sich die Koalition zumindest darin einig war, dass auf Christoph Schmidt, der Ende Februar aus dem Rat ausscheidet, und Isabel Schnabel, die zur Europäischen Zentralbank wechselte, Frauen folgen sollen.

Schnitzer und Grimm genießen in der Volkswirtschaft hohes Renommee – sie lassen sich eindeutig weder dem Unions- noch dem SPD-Lager zuordnen. Klar ist schon jetzt: Beide Professorinnen werden wegen ihrer Forschungsgebiete bei den Wirtschaftsweisen für einen Modernisierungsschub sorgen. Bisher war der Sachverständigenrat noch stark geprägt von den Nachwehen der Finanz- und Euro-Krise.

Die 58-jährige Monika Schnitzer dagegen forscht zu Innovationen. Als Wettbewerbsspezialistin wies sie nach, dass die Auflösung des einstigen US-Telekommonopolisten Bell einen Innovationsschub auslöste: In Zeiten der Marktdominanz großer US-Internetkonzerne wie Google und Facebook dürfte sie der Bundesregierung dringend benötigte Erkenntnisse liefern.

Die 48-jährige Grimm wiederum forscht in den Bereichen Verhaltensökonomik, experimentelle Wirtschaftsforschung, Industrieökonomik, Auktionen und Marktdesign, Letzteres mit einem Schwerpunkt auf Energiemärkten. Sie hat an der Universität Erlangen-Nürnberg das „Laboratory for Experimental Research Nuremberg (LERN)“ aufgebaut und leitet seit 2010 die Abteilung „Economy“ des Energie Campus Nürnberg (EnCN).

Da in den nächsten Jahren die Begleitung der Energiewende ein Schwerpunkt der Wirtschaftsweisen bleiben wird, dürften ihre Forschungsarbeiten über die Entwicklung guter Marktregeln und Institutionen unter Berücksichtigung verhaltensökonomischer Erkenntnisse der Bundesregierung ebenfalls von Nutzen sein. Aktuell zum Beispiel entwickelt sie für Bayern eine Wasserstoffstrategie. Im Beirat des Wirtschaftsministeriums sprach sie sich auch für mehr Bildungsgerechtigkeit aus: Noch immer hänge der Erfolg in Deutschland viel zu sehr von der sozialen Herkunft ab.

Schnitzer wiederum beschäftigt sich auch mit Außenhandelsthemen und dem Einfluss multinationaler Konzerne; sie forschte an den US-Universitäten Stanford, Berkeley, Yale und Harvard. Die frühere Vorsitzende des „Vereins für Socialpolitik“ ist zudem bestens in der Wissenschaft vernetzt.

„Sie ist eine hervorragende Politikberaterin und gerade in diesen Zeiten als Innovationsökonomin eine sehr gute Wahl“, sagt IfW-Präsident Gabriel Felbermayr, der viele Jahre mit ihr an der LMU München zusammengearbeitet hat.