Deutsche Märkte geschlossen

Die ersten Geldhäuser streichen Freibeträge bei Strafzinsen

Die Commerzbank berechnet einigen Firmenkunden Minuszinsen ab dem ersten Euro. Auch andere Banken bitten immer mehr kleinere Kunden zur Kasse.

Für Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) ist die Sache klar: Minuszinsen sind kein Massenphänomen. In der Realität sieht die Sache allerdings etwas anders aus: Immer mehr deutsche Geldhäuser verlangen von ihren Kunden Minuszinsen auf kurzfristige Einlagen. Die ersten Banken berechnen nun sogar Strafsätze, ohne Kunden einen Freibetrag zu gewähren, egal, ob es sich um private Sparer oder um Unternehmen handelt.

So verlangt die Commerzbank nach Handelsblatt-Informationen von manchen Mittelständlern bereits ab dem ersten Euro Negativzinsen. Auch HSBC Deutschland hält sich diese Option offen, wie das Geldhaus auf Anfrage erklärte.

In einem Fall, von dem das Handelsblatt Kenntnis hat, setzt die Commerzbank seit November einen Strafzins von 0,5 Prozent auf alle Sichteinlagen an. Den Freibetrag, der laut dem Unternehmen, das nicht genannt werden will, zuvor bei einer Million Euro lag, hat die zweitgrößte deutsche Privatbank ersatzlos gestrichen. Bei privaten Kunden wackeln die Freibeträge ebenfalls.

Das zeigt das Beispiel der Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck. Sie berechnet für neu eröffnete Tagesgeldkonten seit Anfang Oktober einen Strafzins von 0,5 Prozent ab dem ersten Cent. Die Bank betont, dass sie mit der Entscheidung vor allem ihre Altkunden schützen wolle. Bestandskunden verschont die Genossenschaftsbank - selbst die Vermögenden. Die Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien indes verlangt bereits seit Längerem eine monatliche Kontoführungsgebühr von fünf bis 50 Euro beim Tagesgeld.

Bei Finanzminister Scholz dürften solche Fälle für Unmut sorgen. Der SPD-Politiker glaubt, „dass die Banken schlecht beraten sind, wenn sie der breiten Masse ihrer Kundinnen und Kunden Negativzinsen in Rechnung stellen“.

Laut dem Monatsbericht der Bundesbank für November ignorieren immer mehr Geldhäuser den Rat des Finanzministers. Zuletzt meldeten 23 Prozent der von der Notenbank befragten deutschen Kreditinstitute einen „negativen volumengewichteten Durchschnittszinssatz“ für ihre Sichteinlagen.

Das entspricht einem Viertel der gesamten Einlagen privater Haushalte bei deutschen Banken. Die Bundesbank hat 220 Kreditinstitute befragt und betrachtet ihre Erhebung als repräsentativ für den deutschen Bankensektor.

Die meisten Institute, die von ihren Privatkunden Minuszinsen oder ein sogenanntes Verwahrentgelt für ihre Einlagen fordern, räumen dabei bislang Freibeträge ein, zum Beispiel von einer Million Euro, 500.000 Euro oder 100.000 Euro. Doch diese Grenze bröckelt. Bei der Volksbank Magdeburg gilt seit Kurzem für Tagesgeld der Freibetrag von 75.000 Euro, beim Girokonto beträgt er 25.000 Euro - beides greift nur für Verträge, die die Berechnung von Minuszinsen ausdrücklich zulassen. Den Geldhäusern ist in der Regel klar: Sie dürfen Negativzinsen nur mit Zustimmung der Kunden sowie bei Neukunden veranschlagen.

Bayerischer Tabubruch

„Lange waren vor allem vermögende Privatkunden von Negativzinsen betroffen“, erläutert Oliver Maier, Geschäftsführer von Verivox Finanzvergleich. Nun verzichte mit der Genossenschaftsbank aus Fürstenfeldbruck das erste Institut bei seinen Neukunden komplett auf einen Freibetrag.

„Mit diesem Dammbruch sind Negativzinsen nun endgültig beim durchschnittlichen Sparer angekommen“, meint Maier. Das Vergleichsportal hatte am Montag auf den Negativzins für Neukunden bei der Volksbank Raiffeisenbank Fürstenfeldbruck aufmerksam gemacht.

Das Vorgehen der Volksbank und der Commerzbank ist ein Zeichen dafür, dass deutsche Banken die Belastungen, die ihnen durch die Strafzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) entstehen, immer öfter und immer direkter an bestimmte Kunden weiterreichen. Das gilt für Firmen- wie für Privatkunden. Zudem wollen die Geldhäuser so weitere Mittelzuflüsse abwehren: „Die tatsächliche Berechnung erfolgt nur bei bisherigen Nichtkunden, die ihre Liquidität zu uns verlegen wollen, weil sie bei ihrer bisherigen Bank vermutlich mit Negativzinsen belastet werden“, erklärt die VR-Bank Fürstenfeldbruck.

Die Banken reagieren damit auf die Geldpolitik der EZB. Im September hat die Notenbank den Strafzins für Einlagen der Geldhäuser auf 0,5 Prozent erhöht. Der EZB-Strafzins führt dazu, dass die deutschen Institute laut Berechnung der Branche pro Jahr rund 1,9 Milliarden Euro Strafzinsen an die EZB zahlen müssen.

Die Notenbanken gewährt den Banken zwar Freibeträge, wenn sie Geld bei ihr parken. Zugleich aber zementierte sie mit ihrer Entscheidung im September die Niedrigzinsphase auf unabsehbare Zeit. An der ultralockeren Geldpolitik dürfte sich auch mit der neuen EZB-Präsidentin Christine Lagarde so schnell nichts ändern.

Während sich die Diskussion um Strafzinsen für private Ersparnisse immer mehr aufheizt, haben sich die Firmenkunden wohl oder übel längst daran gewöhnt, dass sie für hohe Einlagen ein Verwahrentgelt bezahlen müssen. Laut dem neuesten Monatsbericht der Bundesbank meldeten 58 Prozent der Geldhäuser einen negativen volumengewichteten Durchschnittszinssatz auf Sichteinlagen von Unternehmen an, was knapp 80 Prozent der gesamten Bankeinlagen der Unternehmen entspricht.

Dabei dürfen die Banken Minuszinsen nur an Neukunden weitergeben oder an Bestandskunden, die den Negativzinsen auch zustimmen.

Die Commerzbank erklärte, sie werde die erneute Zinssenkung der EZB grundsätzlich an ihre Firmenkunden weitergeben. „Wir gehen proaktiv auf unsere Firmenkunden zu, um für dieses Thema gemeinsam tragfähige Lösungen zu finden“, teilte das Institut mit.

„So können zum Beispiel auch alternative Anlagekonzepte eine Möglichkeit sein, um die Guthabengebühr zu vermeiden oder zu reduzieren.“ Mit den meisten größeren Firmenkunden habe die Bank bereits „die individuelle Weitergabe der negativen Zinsen der EZB vereinbart“.

Negativzinsen ab dem ersten Euro verlangt die Commerzbank Finanzkreisen zufolge aktuell von einer kleinen Zahl ihrer insgesamt 70.000 Firmenkunden. Dabei handelt es sich in aller Regel um Unternehmen, Finanzinstitute oder institutionelle Investoren, die auf ihrem Konto bei der Commerzbank mitunter große Einlagen liegen haben, mit denen das Institut aber sonst kaum Geschäfte macht – etwa im Zahlungsverkehr, bei der Platzierung von Anleihen oder bei der Vergabe von Krediten.

Dass die Bank ab dem ersten Euro Negativzinsen ansetzt, ist also eher die Ausnahme. Aber sie hat Finanzkreisen zufolge bei mehreren Kunden die Limits gesenkt, bis zu denen Unternehmen aktuell umsonst Geld auf ihren Konten parken können.

Die Freibeträge vereinbart die Bank individuell mit jedem Firmenkunden. Wie hoch sie ausfallen, hängt davon ab, wie hoch Zahlungseingänge und -ausgänge bei einem Unternehmen durchschnittlich sind und welche Geschäfte es sonst noch mit der Commerzbank macht.

Enttäuschte Kunden

Der Mittelständler, mit dem das Handelsblatt gesprochen hat, sieht das allerdings anders. Nach seinen Angaben ist die Commerzbank eine von zwei Hausbanken der Firma. Man habe bei der Commerzbank eine Kontokorrentkreditlinie und sei seit vielen Jahren Kunde, heißt es bei dem Unternehmen.

Entsprechend enttäuscht zeigt sich ein Manager der Firma vom Verhalten der Commerzbank. Er habe den Eindruck, dass die Bank mit ihrer Aktion einen ungeliebten Kunden loswerden wolle.

Dabei ist die Commerzbank mit dem Vorgehen nicht allein. Auch HSBC Deutschland hält sich offen, ob die Bank Firmenkunden einen Freibetrag einräumt oder Minuszinsen ab dem ersten Euro Sichteinlagen verlangt.

„Abhängig von der Tiefe der Kundenbeziehung sind für das Firmenkundengeschäft von HSBC beide Möglichkeiten eine Option“, erläutert die Düsseldorfer Bank.

Die meisten deutschen Banken und Sparkassen verlangen seit Langem von Firmenkunden und Profianlegern Minuszinsen für hohe Einlagen. „Bei Kunden mit höherem Einlagevolumen, wie Konzernen, großen Firmenkunden und sehr vermögenden Privatkunden, ist die Bank im engen Dialog, um passende Anlagealternativen oder Kompensationsmodelle zu vereinbaren“, erklärt beispielsweise die Deutsche Bank.

Dabei räume man den Kunden aber Freibeträge ein, sagte ein Sprecher der größten deutschen Bank. Auch die Hamburger Sparkasse, die größte deutsche Sparkasse, gewährt Privat- und Firmenkunden Freibeträge.