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Erste Sitzung unter neuem türkischen Notenbankchef: Investoren hoffen auf höhere Zinsen

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Der neue Chef der türkischen Notenbank könnte mit einer Zinserhöhung starten, um das Land aus der Krise zu führen. So würde er auch seine Unabhängigkeit von Staatschef Erdogan demonstrieren.

Nach den Turbulenzen der vergangenen Wochen richten sich am Donnerstag alle Augen auf die türkische Notenbank. Die an den Märkten mit Spannung erwartete Sitzung wird vom neuen Chef Naci Agbal geleitet. Und der könnte gleich mit einer kräftigen Zinserhöhung starten, um das Land aus der Krise zu führen – und seine eigene Unabhängigkeit zu demonstrieren.

Von Bloomberg befragte Analysten erwarten im Schnitt, dass die Zentralbank den Leitzins um 4,75 Punkte auf 15 Prozent erhöht. Dann läge er deutlich über der Inflation, die im September bei 11,75 Prozent lag. Für ausländische Investoren könnte das Land mit höheren Zinsen wieder attraktiver werden.

Denn für sie zählt, wie hoch der um die Inflation bereinigte Realzins im Vergleich zu anderen Währungsräumen liegt. Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn ein Drittel an Wert verloren. Anfang November markierte sie ein Allzeittief von 8,52 Lira je Dollar. Das befeuert die einheimischen Preise.

Doch Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bekräftigte an diesem Mittwoch noch einmal seine ganz eigene Linie: Vor führenden Wirtschaftsvertretern sagte er, Investoren dürften nicht durch höhere Zinsen „erdrückt“ werden. Die Türkei solle sich wirtschaftlich auf Exporte, Produktion und Arbeitsplätze konzentrieren.

Zugleich betonte Erdogan, der Kampf gegen Inflation habe oberste Priorität. Die Türkei werde Preis- und Haushaltsdisziplin wahren. Immer wieder hatte er in den vergangenen Monaten erklärt, die hohe Inflation in der Türkei sei eine Folge zu hoher Leitzinsen der Zentralbank – eine These, der Experten widersprechen.

Die Lira wurde von den jüngsten Äußerungen des Präsidenten auf eine regelrechte Achterbahnfahrt geschickt. Der Redepart zu den Zinsen setzte der Währung zu, während die Äußerungen zur Inflation ihr wieder Auftrieb gaben. Die Nervosität vor der Sitzung am Donnerstag ist groß.

Dollar-Reserven sind geschmolzen

Im Zuge der ersten Corona-Infektionswelle im Frühjahr hatte die Regierung mit einem massiven kreditfinanzierten Rettungsprogramm den wirtschaftlichen Folgen der weltweiten Lockdown-Politik gegengesteuert. Das stabilisierte zwar die heimische Wirtschaft, half aber nicht der Währung.

Gleichzeitig setzte der damalige Finanzminister Berat Albayrak die Reserven der Zentralbank ein, um dem Verfall der türkischen Währung entgegenzuwirken. Er verkaufte Dollar-Reserven. Die sind nun geschmolzen, doch der Lira-Verfall konnte nicht gestoppt werden.

In Interviews hatte Albayrak daraufhin erklärt, dass der US-Dollar für die türkische Wirtschaft keine Rolle spiele. Dabei sitzen allein türkische Unternehmen auf mehr als 200 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden.

Erst kürzlich folgte ein Stühlerücken auf den entscheidenden Posten: Anfang November setzte Erdogan zunächst den bisherigen Notenbankchef Uysal ab. Einen Tag später erklärte Finanzminister Albayrak seinen Rücktritt. An seine Stelle rückte inzwischen Lutfi Elvan, der ehemalige Transport- und Entwicklungsminister des Landes.

Ob die Türkei nun tatsächlich ein neues Kapitel in ihrer Wirtschaftspolitik aufschlägt, ist offen. Der neue Finanzminister Elvan kündigte in dieser Woche Strukturreformen an, um das Umfeld für internationale und heimische Unternehmer zu verbessern. Bis Ende des Jahres rechnet er mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,3 Prozent.

Bislang schlägt sich die türkische Wirtschaft überraschend gut im Pandemie-Jahr. Türkische Unternehmen veröffentlichten für das abgelaufene dritte Quartal mehrheitlich Zahlen, die über den Erwartungen der Analysten lagen. Einige Konzerne wie Turk Telekom oder Coca-Cola Türkiye waren sogar in der Lage, langjährige Schulden zurückzuzahlen.

Auch Aktienanleger haben die Türkei wiederentdeckt. Nach jahrelangen Abflüssen bringen internationale Investoren jetzt wieder Geld ins Land. Der MSCI Turkey ETF von iShares, der größte Fonds mit Fokus auf türkische Einzelwerte, verzeichnet seit fünf Wochen Zuflüsse. Insgesamt wuchs der Fonds in dieser Zeit um 36,9 Millionen auf 255 Millionen US-Dollar.

Klar ist: Die Erwartungen an die Zentralbank sind hoch. Das Wichtigste für türkische Aktien sei jetzt, „die notwendigen Schritte zu unternehmen“, sagt Haydar Acun, geschäftsführender Gesellschafter von Marmara Capital, der Finanznachrichtenagentur Bloomberg.

Und was die „notwendigen Schritte“ sind, darüber redet im türkischen Bankenviertel Levent derzeit jeder: das Vertrauen ausländischer Investoren zu gewinnen und die Unabhängigkeit der Zentralbank zu unterstützen.