Deutsche Märkte schließen in 1 Stunde 15 Minute

Erlaubnis der US-Flugaufsicht: Boeing 737 Max darf wieder starten

·Lesedauer: 4 Min.

20 Monate hatte das Flugverbot Bestand. Bis die 737 Max wieder voll in den Betrieb starten kann, dürfte es trotzdem noch etwas dauern.

Die Sektkorken werden bei Boeing kaum geknallt, Erleichterung aber dürfte schon geherrscht haben. Das Kurz- und Mittelstreckenflugzeug darf mehr als eineinhalb Jahre nach dem Startverbot wieder abheben. Zumindest in den USA. Die dortige Luftfahrtaufsicht FAA gab die Änderungen an dem Jet am Mittwoch frei.

Experten erwarten, dass die Behörden in Europa und anderen Ländern dem Votum bald folgen werden. Die europäische Agentur für Flugaufsicht EASA hat bereits mitgeteilt, dass man die 737 Max wieder als sicheres Flugzeug betrachte.

Die 737 war viele Jahrzehnte das meistverkaufte Flugzeug von Boeing. Doch die Max musste seit März 2019 am Boden bleiben. Bei zwei Abstürzen waren 346 Passagiere und Besatzungsmitglieder ums Leben gekommen. Mittlerweile gilt eine zu aggressiv programmierte Steuerungssoftware als Hauptursache.

Das Desaster löste die schwerste Krise bei Boeing aus, von der Pandemie zusätzlich verschärft. Zu Misstrauen gegenüber der Max gesellte sich ein rapide sinkender Bedarf an neuen Flugzeugen. Das führte dazu, dass allein seit Jahresbeginn 448 Flugzeuge wieder abbestellt wurden.

Gleichzeitig gibt es aber auch einige Kunden, die weiter fest mit der Max planen. Dazu gehört die irische Billigairline Ryanair. Doch wirklich freuen kann sich das Boeing-Management auch darüber nicht. Denn nach Angaben von Ryanair-Chef Michael O’Leary hat man mit Boeing eine ordentliche Kompensation für den monatelangen Ausfall des Jets sowie sehr günstige Kaufpreise vereinbart.

Boeing muss Preisnachlässe einräumen

Zu den Kunden zählt auch die deutsche Ferienfluggesellschaft Tuifly. Bis allerdings die ersten Max am Himmel zu sehen sein werden, wird es noch einige Wochen dauern. Denn die Behörden haben einige Voraussetzungen für den Neustart formuliert.

So müssen alle bis zum Zwangsgrounding bereits im Einsatz befindlichen Max erst mit dem neuen System nachgerüstet werden. Das gilt auch für die Maschinen, die Boeing seit März vergangenen Jahres gebaut hat, aber nicht ausliefern konnte. Das sind immerhin 450 Flugzeuge.

Dazu sind umfassende Pilotenschulungen und Simulatorentrainings erforderlich. Doch die aktuelle Krise hat zumindest hier einen Vorteil. Da die meisten Airlines ihre Flugpläne im Winter wegen der steigenden Corona-Zahlen zusammengestrichen haben, dürfte es keinen Stau vor den Simulatoren geben. Die Piloten haben momentan viel Zeit.

Ungeachtet all der vorgeschriebenen Maßnahmen gibt es von deren Seite noch weitere Änderungswünsche. So hält die Pilotenvertretung des US-Billiganbieters Southwest Airlines die Checklisten für den Notfall noch für zu komplex. Die Zahl der Schritte, die in dem Dokument vorgeschrieben sind, müsste weiter reduziert werden. Die Kollegen von American Airlines wiederum halten ein Notfalltraining alle zwei Jahre für angemessen. Die Aufsichtsbehörde FAA nennt hier einen Zeitraum von drei Jahren.

„Gelegenheit, unsere Marke zu erneuern“

Für Boeing bedeutet die Wiederzulassung, dass man wieder im Markt für Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge mitmischen kann. Diesen hatte man während des Groundings der Max fast komplett Airbus überlassen müssen.

Doch bei dem US-Luftfahrtkonzern ahnt man, dass auch nach der Wiederzulassung des Flugzeugs dieser Jet bei den Neubestellungen nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen kann. So kursierten kürzlich erste Hinweise darauf, dass in der Konzernzentrale Pläne für ein neues Flugzeug mit einem Mittelgang diskutiert werden.

So eine Neuentwicklung dauert allerdings viele Jahre. Auch deshalb ist die Nachricht von der wieder startbereiten Max für Boeing eine gute. Denn man hat wieder ein Produkt, dass man bis zur Marktreife eines Nachfolgers anbieten kann.

Boeing-Chef David Calhoun nutzte die Nachricht von der Freigabe für den Jet dazu, noch einmal an die Tragödie zu erinnern. „Wir werden die Menschen, die in den beiden tragischen Unfällen ihr Leben ließen, niemals vergessen“, sagte er. Diese Ereignisse und das, was Boeing daraus gelernt habe, habe zu einer kompletten Neuausrichtung des Unternehmens geführt.

In den ersten Monaten der Krise war Boeing immer wieder heftig für den Umgang mit dem Desaster kritisiert worden. Calhouns Vorgänger Dennis Muilenburg verlor darüber seinen CEO-Posten. In einem internen Schreiben an die Boeing-Mitglieder erklärte Calhoun: „Jedes Flugzeug, das wir künftig ausliefern werden, ist eine Gelegenheit, unsere Marke zu erneuern und Vertrauen zu schaffen. Lasst uns nach vorn schauen.“