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Karl und Theo Albrecht: Die Erfinder des Discounts

Die Gründer der Aldi-Dynastie setzten neue Maßstäbe in der Branche. Das Handelsblatt hat sie jetzt posthum in die Hall of Fame der Familienunternehmer aufgenommen.

Auf den ersten Blick wirkt es unspektakulär. In diesem Jahr schließt der Händler Aldi Nord die Filiale in der Essener Huestraße 89. Das unscheinbare Gebäude im Stadtteil Schonnebeck mit der biederen, rot verklinkerten Fassade ist schlicht zu klein geworden für die heutigen Ansprüche des Discounters. Ganz in der Nähe entsteht ein moderner Markt mit 1.300 Quadratmetern Verkaufsfläche.

Doch der Schritt ist historisch. Denn in dem 1909 erbauten Gebäude eröffnete die Gründerfamilie Albrecht 1919 das erste echte Lebensmittelgeschäft, im Vorgängerladen hatte sie hauptsächlich mit Backwaren gehandelt. Auch das Unternehmen selbst bezeichnet es als Stammhaus.

Es ist damit die Keimzelle von gleich zwei der größten deutschen Handelskonzerne, die zusammen einen Umsatz von fast 90 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften und weltweit rund 200.000 Menschen beschäftigen.

Und es ist das Geburtshaus von Karl und Theo Albrecht. In der Wohnung über dem Laden machen sie ihre ersten Schritte, als Kinder schon stehen sie oft hinter der Theke des „Kaufhauses für Lebensmittel Karl Albrecht“, das ihre geschäftstüchtige Mutter Anna Albrecht führt. Deshalb ist es auch keine Überraschung, dass die Brüder ins elterliche Unternehmen einsteigen und es später übernehmen.

Doch was sie aus dem kleinen Handelsgeschäft machen, ist eine der größten Erfolgsgeschichten der deutschen Wirtschaft. „Sie haben das Discount-Prinzip erfunden und zu einem weltweit führenden Geschäftsprinzip gemacht“, sagt Michael Gerling, Geschäftsführer des Handelsforschungsinstituts EHI.

Ihre effiziente und schlanke Organisation war Vorbild von Generationen von Handelsmanagern. Und sie haben die Basis dafür gelegt, dass die beiden Unternehmen Aldi Süd und Aldi Nord auch heute noch der Maßstab im deutschen Lebensmittelhandel sind. Sie seien weltweit kopiert worden, sagt Handelsexperte Gerling, aber nirgendwo sei das Geschäftsmodell so erfolgreich umgesetzt worden.

Gerade die bescheidenen Anfänge im elterlichen Krämerladen haben die beiden Brüder geprägt – und sind für sie zeitlebens Ansporn und Motivation. Lange haben sie das Gefühl, dass die großen Händler mit ihren vielen Filialen auf sie herabschauen, sie nicht ernst nehmen und ihr Unternehmen mit den Billigläden verspotten. Denen wollen sie es beweisen.

Kongeniale Partner

„Ja, ich wollte groß werden“, sagte der damals schon 94-jährige Karl Albrecht in einem Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Es war das einzige Interview, das einer der beiden so zurückhaltenden und verschwiegenen Brüder je gegeben hat. „Egal, wie sie mich beschimpft haben, ich wollte groß werden“, sagte er.

Und in diesem Ehrgeiz findet er in seinem Bruder einen kongenialen Partner. Beide haben früh schon im elterlichen Geschäft mitgeholfen, haben Botengänge erledigt und Außenstände bei säumigen Kunden eingetrieben. Karl hat im Laden in der Huestraße seine Lehre absolviert, Theo macht seine Einzelhandelsausbildung in einem Feinkostladen in Essen.

Nachdem sie aus dem Krieg zurückgekehrt sind, übernehmen sie 1946 das elterliche Unternehmen, das der Vater 1913 mit einem Backwarenhandel in Essen gegründet hatte. Die damals erst zwei Läden waren durch die Bombenangriffe zum Glück nicht zerstört worden.

Die Brüder denken groß, 1948 starten sie mit weiteren Filialen in die Expansion. 1954 eröffnen sie den ersten Laden außerhalb von Essen, ein Jahr später gibt es schon 100 Filialen in Nordrhein-Westfalen.

Durchschlagenden Erfolg haben sie dann mit einer Idee, die den gesamten Handel auf den Kopf stellen wird: dem Discount. Ende der Fünfzigerjahre beginnen sie, das Angebot radikal zu verkleinern und auf qualitativ hochwertige Eigenmarkenprodukte zu Kampfpreisen zu setzen.

Die Artikel werden auf den Paletten in den Laden gerollt, von denen sich die Kunden die Waren aus den Kartons nehmen müssen. Sie treiben das aus den USA importierte Selbstbedienungsprinzip auf die Spitze. Theo erfindet dafür die Marke Aldi, ein Kunstname, gebildet aus „Albrecht Diskont“.

Die spartanisch eingerichteten Läden und die schlanke Organisation haben einen positiven Nebeneffekt: Die neuen Filialen sind schon nach kurzer Zeit profitabel. So kann aus den Gewinnen die weitere Expansion finanziert werden. Das trifft sich gut, hatten doch sowohl Theo wie Karl Albrecht zeitlebens ein distanziertes Verhältnis zu Banken. Bis heute verzichten die Unternehmen, so weit es geht, auf Kredite.

Sosehr der Aufstiegswille sie vereint, so verschieden sind sie auch. Während Theo ein detailversessener Arbeiter ist, der lange im Büro bleibt und sich am liebsten um alles selbst kümmert, denkt Karl eher in den großen Linien und lässt seinen Mitarbeitern früh große Freiräume, sich um die Ausführung zu kümmern.

„Tatsächlich waren Karl und Theo trotz großer Gemeinsamkeiten und enger Verbundenheit zwei unterschiedliche Charaktere mit durchaus eigenen Vorstellungen und Zielsetzungen“, heißt es im Unternehmen. Gerade in Fragen der Unternehmensführung hätten sie zuweilen „erheblichen Gesprächsbedarf“ gehabt.

Gesunde Rivalität als Triebfeder

Deshalb ist es wohl ein Glücksfall, dass sie sich 1961 entschließen, das Unternehmen zu teilen – und so einem möglichen Streit über die Strategie aus dem Wege gehen. Es entsteht die Albrecht KG Essen (heute Aldi Nord) unter der Leitung von Theo und die Albrecht KG Mülheim (Aldi Süd), die Karl übernimmt. Die Trennlinie ziehen sie von der niederländischen Grenze ungefähr bei Bocholt, sie teilt das Ruhrgebiet und wendet sich dann oberhalb von Düsseldorf nach Osten.

Die Brüder finden eine gute Balance zwischen Nähe und Konkurrenz. Sie stimmen sich in vielen Fragen eng ab, legendär sind ihre regelmäßigen gemeinsamen Mittagessen im Golfklub. Durch die regionale Trennung kommen sie sich geschäftlich nicht in die Quere. Doch zugleich spornen sie sich gegenseitig an, keiner will hinter dem unternehmerischen Erfolg des anderen zurückfallen.

Diese gesunde Rivalität zieht sich bis heute durch die Unternehmen und ist eine der wichtigsten Triebfedern für den wirtschaftlichen Erfolg. Früh schon setzen beide Brüder in ihren Unternehmen auf familienfremde Manager, die Kombination aus schlanker zentraler Organisation und Delegation von operativer Verantwortung in die Regionalgesellschaften schafft zwei Kampfmaschinen, die die Branche schnell aufrollen.

Das bekommt auch die Konkurrenz zu spüren. Aldi Nord und Süd gewinnen rasch Marktanteile von den etablierten Händlern, schon zur Zeit der Teilung liegt der Umsatz bei rund 100 Millionen Mark. Bis Mitte der Siebzigerjahre steigt er auf rund vier Milliarden Mark.

Das Prinzip des Discounts ist so erfolgreich, dass immer mehr etablierte Händler beginnen, eigene Billigläden aufzumachen. Als härtester Wettbewerber entpuppt sich der Kaufmann Dieter Schwarz, der mit seiner Kette Lidl das Aldi-Prinzip aufnimmt und weiterentwickelt.

Jetzt erfahren die Albrecht-Brüder erstmals den Respekt der Konkurrenz, den sie sich immer erhofft haben. Denn wie sagte schon der Schriftsteller Oscar Wilde: „Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung.“

Ende der Sechzigerjahre beginnt die internationale Expansion. Aldi Süd übernimmt 1967 die österreichische Kette Hofer und stellt sie auf das Aldi-Prinzip um. Heute ist Aldi Süd in elf Ländern auf vier Kontinenten vertreten, Aldi Nord ist präsent in acht europäische Ländern. Auch hier gibt es klare Absprachen, wer in welches Land expandiert.

Nur in den USA sind sie beide aktiv. Da die Aldi-Nord-Tochter Trader Joe’s jedoch kein Discounter, sondern ein Supermarkt ist, stehen die Brüder auch dort nicht in direktem Wettbewerb.

So ehrgeizig die Unternehmer geschäftlich sind, so zurückhaltend und bescheiden geben sie sich privat. Statussymbole wie schicke Autos, Jachten oder luxuriöse Immobilien sind ihnen fremd.

Beiden pflegen eine Sparsamkeit, die fast schon an Geiz grenzt. Spätestens nachdem Theo Albrecht 1971 vorübergehend Opfer einer Entführung geworden ist, verabschiedet sich die Familie fast komplett aus der Öffentlichkeit, Fotos existieren fast keine von ihnen. Es zählt nur der geschäftliche Erfolg. „Für uns Eltern und unsere Söhne stand das Unternehmen immer an erster Stelle, dem wir alles untergeordnet haben“, formulierte Theos Ehefrau Cilly Albrecht einmal das Credo der Familie.

Dieses Familienverständnis wird auf die Probe gestellt, als Theos zweiter Sohn Berthold 1985 heiratet. Seine Babette, eine lebenslustige junge Frau, die gern Partys feiert, muss für den streng katholisch und zurückgezogen lebenden Albrecht-Clan ein Kulturschock gewesen sein.

Anfangs versucht sie, sich einzuordnen, doch mit den Jahren werden die Spannungen größer. Besonders bitter für die Eltern: Sie steckt auch ihren Mann an, der sich nun mehr in der Öffentlichkeit zeigt und schließlich ganz gegen die sparsame Familientradition in Kunst und Oldtimer investiert.

Als der Streit innerhalb der Familie nach dem Tod von Berthold 2012 eskaliert, attestiert Cilly ihrer Schwiegertochter in einem Brief: „Du bist mit deiner Lebensführung und deiner Einstellung eine Belastung für unser Unternehmen.“

Dass dieser Streit überhaupt an die Öffentlichkeit gerät, liegt an der Eigentümerstruktur der Unternehmen. So haben beide Firmengründer den größten Teil ihres Vermögens, das das Magazin „Forbes“ nach jüngsten Zahlen auf zusammen deutlich mehr als 50 Milliarden Euro schätzt, in Stiftungen eingebracht. Diese Stiftungen haben zum einen die Funktion, das Unternehmen zu „erhalten und fördern“, wie es im Stiftungszweck heißt. Zum anderen sollen sie Zuwendungen an die Familie ausschütten.

Eigentlich soll durch diese Konstruktion die Existenz der Firma von der Familie unabhängig gemacht werden. Bei Karls Familie geht das bis heute gut. Dort liegen die Firmenanteile in der Siepmann-Stiftung, benannt nach dem Mädchennamen der Mutter. Gründerenkel Peter Max Heister leitet dort zusammen mit seiner Mutter Beate den Stiftungsvorstand.

Theo jedoch hatte einen Teil der Firmenanteile schon frühzeitig an seine Söhne Theo jun. und Berthold übertragen. Deshalb gibt es bei Aldi Nord drei Stiftungen, die alle Entscheidungen über wichtige strategische Fragen und große Investitionen nur einstimmig treffen dürfen. Da Babette und ihre Töchter in einer der drei Stiftungen das Sagen beanspruchten, kam es zu einem dreijährigen Rechtsstreit durch alle Instanzen – bei dem öffentlich viel schmutzige Wäsche gewaschen wurde.

„Der Sinn der Stiftung ist es, das Unternehmen vor einem zu großen Einfluss der Familie zu schützen“, sagte Theo Albrecht junior damals in einem Interview mit dem Handelsblatt, dem einzigen, das er jemals gegeben hat. Seine Sorge: Die Kinder von Berthold könnten zusammen mit ihrem Anwalt das Unternehmen „am Nasenring durch die Manege“ führen. „Sie hätten damit ein unbegrenztes Erpressungspotenzial“, sagte er.

Turbulenzen um das Erbe

Doch diese Sorge muss er sich nicht mehr machen. Die Verwaltungsgerichte haben letztinstanzlich eine Satzungsänderung genehmigt, die Theo jun. de facto wieder die volle Kontrolle über alle drei Stiftungen gewährt.

Den Frieden in der Familie dürfte das nicht wieder hergestellt haben, für das Unternehmen Aldi Nord, dem Theo jun. als Vorsitzender des Verwaltungsrats vorsteht, dagegen herrscht nun wieder Planungssicherheit.

Die Patriarchen haben diese Turbulenzen um ihr Erbe weitgehend nicht mehr mitbekommen. Theo Albrecht starb schon vor seinem Sohn Berthold im Juli 2010 im Alter von 88 Jahren. Sein älterer Bruder Karl starb 2014 mit 94 Jahren.

Doch der Erfolg ihrer Unternehmen hat sie überdauert. Und sie haben geschafft, wofür sie ihr Leben lang gekämpft haben: Heute schaut die Branche mit Bewunderung zu ihrem Lebenswerk auf. So nannte Klaus Gehrig, als Chef der Schwarz-Gruppe Aldis schärfster Konkurrent, Karl Albrecht anlässlich seines Todes einen „Pionier der Branche“.

Gemeinsam mit seinem Bruder habe er „mit kaufmännischem Geschick, Mut, Engagement und Verlässlichkeit eine äußerst erfolgreiche Vertriebsform entwickelt“. Und er ergänzte: „Wir zollen seiner Lebensleistung tiefen Respekt.“